Zum Juniheft von „Z.“

Zwei Beiträge zur Oktoberrevolution

Von Nina Hager
|    Ausgabe vom 16. Juni 2017

Z. - Nr. 110, Juni 2017

Z. - Nr. 110, Juni 2017

Z. – Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 110, Juni 2017

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„1917–2017“ hieß das Hauptthema des Märzhefts von Z. Im Zentrum der Beiträge standen die Oktoberrevolution und ihre Wirkungen. Dabei ging es auch um die Frage „inwieweit dieses historische Ereignis von Bedeutung (…) für die sozialen und politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart“ ist. Die Oktoberrevolution wird im Editorial „als ein ebenso zentrales Ereignis“ für das 20. Jahrhundert beurteilt, „wie es die Französische Revolution von 1789 für das 19. Jahrhundert gewesen war“ (Hobsbawm). Im Heft finden sich Beiträge von Frank Deppe, Stefan Bollinger, Wladislaw Hedeler, André Tosel, Ulla Plener und Gerhard Engel zum Thema.
Raimund Ernst hat diesen Heftschwerpunkt in Heft 3_2017 der Marxistischen Blätter besprochen. Im Juniheft von Z. folgen nun zwei weitere Beiträge zum Thema von Sabine Kebir und Wladislaw Hedeler. Während sich Hedeler mit dem Thema „Oktoberrevolution – periphere Revolution? Leitrevolution?“ beschäftigt, schreibt Sabine Kebir zu Gramscis Haltung zur Oktoberrevolution und der Politik der Sozialisten und – nach der Spaltung – der Kommunisten in Italien unter den neuen Bedingungen und angesichts der wachsenden faschistischen Gefahr („Antonio Gramsci – Die Revolution im Osten, im Süden und im Westen“).
Kebir erinnert einleitend daran, dass wesentliche Teile von Gramscis theoretischem Denken „auf seiner praktischen Verarbeitung der Oktoberrevolution“ vor seiner Gefängnishaft fußten, „die in den Gefängnisheften natürlich nicht mehr offen erwähnt werden konnte“. (S. 83) Sie verweist auf die Rätebewegung in Italien und die Ereignisse in Turin – den Generalstreik 1920 und die Besetzung der Fiat-Werke durch die Arbeiter, die über ein Jahr anhielt. „Die Turiner Räte müssen aber schließlich aufgeben: Mangels Unterstützung der Parteiführung (der Sozialistischen Partei – NH) bleiben sie regional begrenzt. Zunehmend sind sie konfrontiert sowohl mit physischer Gewalt von staatlichen Ordnungskräften als auch mit zunehmendem Terror der faschistischen Milizen Mussolinis. Dieser konnte schon 1922 die Regierungsgewalt an sich reißen und stellte die ‚zwei Roten Jahre’ 1919–1920 dann als eine Zeit des Chaos dar. Für Gramsci blieb die Epoche der Turiner Rätebewegung der Beweis, dass die Arbeiterklasse fähig war, eine produzierende solidarische Gesellschaft hervorzubringen.“ (S. 83/84) Zur Bedeutung der Oktoberrevolution gehörte für Gramsci, dass sie eine Epoche antikolonialer Bewegungen und nationaler Befreiung einleitete: Das betraf Russland selbst wie auch das ganze imerialistische Weltsystem. (S. 86) Doch Gramsci, der seit Herbst 1922 bis zum November 1923 Repräsentant der 1921 entstandenen Kommunistischen Partei Italiens (man hatte sich von der Sozialistischen Partei getrennt) bei der Komintern in Moskau war, „erkannte bald, dass die Epoche sozialistischer Revolutionsversuche in Mittel- und Westeuropa zu Ende war. Hier hatten sie nur zeitweise einzelne Regionen erfasst. Für Mittel- und Westeuropa ist eine andere, längerfristige Strategie nötig.“ (S. 87) Gramsci verwies auf die anderen Bedingungen in den Ländern Mittel- und Westeuropas, in denen die kapitalistische Entwicklung natürlich weitaus fortgeschrittener war als in Russland vor der Revolution und die Arbeiterklasse es vor allem auch mit einem entsprechenden, anderen „Überbau“ als in Russland zu tun hatte. 1926, kurz vor seiner Verhaftung, so Sabine Kebir, schrieb er: „In den Ländern des fortgeschrittenen Kapitalismus besitzt die herrschende Klasse politische und organisatorische Reserven, die sie beispielsweise in Russland nicht besaß. Das bedeutet, dass die schwersten ökonomischen Krisen keine sofortigen Rückwirkungen auf politischem Gebiet haben. (…) Der Staatsapparat ist sehr viel resistenter, als man oft glauben könnte, und es gelingt ihm, in Krisenmomenten viel mehr regimetreue Kräfte zu organisieren, als es die Tiefe der Krise ahnen lassen würde.“ (S. 90) Die Machtergreifung der italienischen Faschisten setzte neue Aufgaben auch für die revolutionäre Arbeiterbewegung des Landes.
Schade, beide Artikel hätten gut zusammengepasst, doch Hedelers Aufsatz behandelt m. E. leider die Frage nach der peripheren Revolution unter Berufung auf den marxistischen Revolutionsforscher Manfred Kossock nur teilweise. Die objektiven Bedingungen dafür, warum sie eine Revolution im europäischen Hinterland, in den „Randregionen“ blieb, bleiben unerwähnt. Das Thema wird vor allem „mit Blick auf die Debatten innerhalb der russischen Linken von Februar bis Oktober skizziert und diskutiert“ (S. 93).
Ist das wirklich der Schlüssel zum Verständnis des Problems? Oder meint der Autor damit nur einen Aspekt eines komplexen Zusammenhangs, dessen Betrachtung gleichfalls nötig ist? Das wird bei der Lektüre des Beitrags nicht ganz klar. Und auch nicht, warum ein ganzer Abschnitt den programmatischen Positionen der PDS und der Partei „Die Linke“ gewidmet ist. In der Rede von Michael Schumann auf dem außerordentlichen SED-Parteitag am 16. Dezember 1989 über den „Bruch mit dem Stalinismus als System“ wurde der Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution noch als eine Tatsache von historischer Bedeutung bezeichnet, die vor der Geschichte Bestand hat (S. 95). Danach verschwand der Bezug aus den programmatischen Dokumenten der PDS. Und auch im aktuellen Programm der Partei „Die Linke“ findet man lediglich einen Verweis auf die Niederlage der Revolution 1918/19 in Deutschland. Doch was soll uns das im Zusammenhang mit dem gewählten Thema sagen?

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