Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 16. Juni 2017

Schleimspur
Die Theater und Orchester wollen die Gesellschaft nach Vorstellungen des Deutschen Bühnenvereins ermutigen, sich für Demokratie und eine offene Gesellschaft einzusetzen. Sie leisten ihren Beitrag durch ihre künstlerischen Projekte, aber auch mit Podiumsdiskussionen. Der Bühnenverein mit Sitz in Köln wolle sich zudem mit anderen kulturpolitischen Institutionen vernetzen, um Begriffe wie Volk, Identität oder Nation in der öffentlichen Diskussion wieder positiv zu besetzen. „Wir müssen diese Worte wieder neu erobern, sie mit Hoffnung und kultureller Vielfalt besetzen statt mit Aggression und Ausgrenzung“, heißt es in einer Erklärung. Solche Sprüche gehen immer, die Anbiederung an die Kräfte, die damit jonglieren, ist beschämend. Der Bühnenverein, Interessen- und Arbeitgeberverband der Theater und Orchester, zeigt seine eigentlichen Interessen dabei, wie Schauspieler, Bühnenbildner, das technische Personal bei ihren Lohnforderungen gedeckelt werden und mit Zeit- und Werkverträgen in Unsicherheit gelassen werden.

Weltliteratur
Die Tagung der Goethe-Gesellschaft in Weimar hat sich des Themas, das immer gerne in Zusammenhang mit Goethe gebracht wird, angenommen. Das wichtigste Merkmal ist das in der Zeit der Aufklärung entwickelte Völkerrecht, das erst den praktischen Kontext für den internationalen Verkehr schafft, der eine Weltliteratur ermöglicht. Goethes Bekanntschaft mit manchen der maßgeblichen Ideen lässt sich leicht nachweisen. Weltrecht und Weltliteratur sind kosmopolitisch und wollen gleichermaßen Frieden stiften. Erst der übergreifende Begriff eines alle Nationen verbindenden Völkerrechts schafft die Basis für die spätere literarische Umgangsform. So versteht sich die Weltliteratur als eine Literatur des Friedens „Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur“ heißt es im „Manifest“.

Kunst und Macht
Am Abend des ersten Gipfeltages, dem 7. Juli, lädt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Delegationen des G20-Gipfels in die Hamburger Elbphilharmonie ein. Außer einem Abendessen erwartet die Regierungschefs auch ein Konzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano. Das Programm ist noch nicht bekannt. Wobei das spannend sein mag: Traktiert die Wagner-Freundin ihre Gäste mit Overtüren ihres Lieblingskomponisten, muss es schon wieder die Neunte von Beethoven sein, doch lieber was Leichtes, damit Trump und andere nicht sofort twittern? Streit im Vorfeld: Muss ein Konzerthaus zur Bühne für eitle Selbstdarstellungen benutzt werden oder kann ein solches Konzert ein kleines, vielleicht nicht unwichtiges Zeichen sein, dass Kunst sich dagegen sträubt, nach der Melodie der Mächtigen zu spielen? Test für das Haus: Wie viel Lärm wird es draußen geben, kriegen die das drinnen mit?

Fleißarbeit
Die Germanistin Anne Sokoll hat für ihre 600-seitige Doktorarbeit über die Zirkel schreibender Arbeiter in der DDR von der Messe Düsseldorf den mit 6 000 Euro dotierten Drupa-Preis erhalten. Mit ihm werden seit 39 Jahren Geisteswissenschaftler ausgezeichnet, die die Philosophische Fakultät der Heine-Universität vorschlägt. Vorsicht ist angebracht, denn sowohl ihr Verständnis wie das der Gutachter, die die Arbeit für den Industriepreis vorschlugen, ist von der Idee getragen, dass diese Zirkel eine „neue Nationalliteratur“ produzieren sollten. Beruhigend ist dann, dass die Dankesrede von Sokoll und ihrer Gutachterin an die Vertreter der Messe Düsseldorf geprägt war von der „Weitsicht“, die Wissenschaft zu fördern, denn auch sie sei letztlich ein „Verkaufsgeschäft“.


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