Ein Jahrhundert in einem Kopf

Schrieb Eric Hobsbawm „das letzte Kapitel“?
Von Georg Fülberth
|    Ausgabe vom 9. Juni 2017
Wenn heute weithin vom „Zeitalter der Katastrophen“ für den Abschnitt 1914–1945 gesprochen wird, geht das auf Eric Hobsbawm zurück. (Foto: [url=https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Eric_Hobsbawm.jpg]Rob Ward[/url])
Wenn heute weithin vom „Zeitalter der Katastrophen“ für den Abschnitt 1914–1945 gesprochen wird, geht das auf Eric Hobsbawm zurück. (Foto: Rob Ward / Lizenz: CC BY 2.0)

Am 9. Juni wäre Eric Hobsbawm einhundert Jahre alt geworden. Sein Geburtsjahr, 1917, hat er, seit er erwachsen wurde, ja schon vorher, als Halbwüchsiger, wie ein Omen behandelt: die Oktoberrevolution prägte seiner Meinung nach sein eigenes Jahrhundert und damit auch sein Leben.
Seine Abkunft bezeichnete er einmal als „a mixture“: die Mutter, Nelly Grün, kam aus einer großbürgerlichen österreichischen jüdischen Familie. Als Belohnung für ihr bestandenes Abitur schenkte der Vater ihr eine Reise nach Ägypten. Dort traf sie auf einen jungen Briten, Percy Hobsbawm, ebenfalls mit jüdischen Vorfahren, der im Mutterland nicht viel berufliches Glück gehabt hatte und nun eine Stelle in der Kolonialverwaltung gefunden hatte. Die Großeltern väterlicherseits waren aus Warschau eingewandert (der Großvater war Tischler) und hießen Obstbaum. Der zuständige Beamte der britischen Einwanderungsbehörde konnte damit nichts anfangen und trug stattdessen „Hobsbawm“ ein – ein Name, der in England völlig ungewöhnlich war.
Nelly Grün und Percy Hobsbawm wollten heiraten. Dies ging im Ersten Weltkrieg auf britischem Hoheitsgebiet – in Ägypten – nicht, da sie feindliche Ausländerin war. Also reisten sie zur Trauung in die neutrale Schweiz. Ihr Sohn Eric John wurde in Alexandria geboren.
Nach dem Krieg zogen sie nach Österreich. Das Vermögen der Mutter ging in der Inflation unter, der Vater hatte ohnehin nichts, die Familie war plötzlich bitter arm. In seinen Memoiren schildert Eric Hobsbawm, wie er in einem harten Winter weinend über den Wiener Ring lief, während der Frost durch seine für dieses Wetter ungeeigneten Schuhe drang. Der Vater starb 1929 an Herzinfarkt, als er wieder einmal unterwegs war, um Geld aufzutreiben, die Mutter 1931 an Tuberkulose. Verwandte nahmen Eric Hobs­bawm und seine Schwester in Berlin auf und kümmerten sich um sie. Da hatte er eine erste Prägung schon erhalten: die Kultur Wiens, in dem zugleich die Sozialdemokratie eine vorbildliche Gemeindepolitik gestaltete. Ihr verdankte seine Mutter einen Job, mit dem sie ihre Familie über Wasser hatte halten können. Nelly Hobsbawm hat zugleich darauf geachtet, dass ihre Kinder auch in Österreich in den Traditionen britischer Bildung aufwuchsen.
In Berlin nahm der Sohn die Schlusskatastrophe der Weimarer Republik nachgerade frühreif mit politisch wachem Sinn auf. Er schloss sich dem von der KPD beeinflussten Sozialistischen Schülerbund an. Seine Gruppe wurde von dem jungen Rudolf Leder angeleitet, der später unter dem Namen Stephan Hermlin einer der prominenten Schriftsteller der DDR werden sollte. Nach der Machtübergabe an Hitler verteilte Eric Hobsbawm im letzten Wahlkampf der Weimarer Republik Flugblätter für die KPD, unter seinem Bett stand ein Abziehgerät; seine Genossen fanden, bei einem Ausländer werde man es nicht suchen. Bald danach verlor sein Onkel seinen Job: nicht weil er Jude, sondern weil er Brite war und seine Firma plötzlich nur noch Deutsche beschäftigen wollte. So wanderten er, seine Frau und die beiden Pflegekinder nach Großbritannien aus. Eric Hobsbawm hat dort zwei Jahre lang sein Tagebuch noch auf Deutsch geführt. Die kurzen Zitate, die er daraus in seinen Lebenserinnerungen wiedergibt, weisen auf eine stark utopische Richtung seiner kommunistischen Überzeugung hin.
In England hielten ihn die Pflegeeltern von politischer Aktivität fern, stattdessen solle er für das Abitur lernen. Er paukte zwei Jahre in großer Einsamkeit und gewann ein Stipendium für Cambridge. Dort studierte er Geschichte. Es war die Zeit des „Roten Cambridge“. Die kommunistische Studierendengruppe hatte die Hegemonie in der studentischen Selbstverwaltung. Eric Hobsbawm war ihr eifriger Funktionär. Er trat der KP bei. Doch Politik war nicht alles. Cambridge war ein umfassendes Bildungserlebnis für ihn, auch durch die zahlreichen intellektuellen Freundschaften, die er dort schloss. Seine Interessen reichten sehr weit, von der Literatur bis hin zur Musik: Barock, Klassik, Romantik, Jazz. Das politische Generationserlebnis der jungen Linken in Cambridge war die Solidarität mit der Spanischen Republik. Einer ihrer Kommilitonen fiel im Bürgerkrieg, sein Foto hing in zahlreichen Student(innen)-Zimmern. Auf einer Reise nach Südfrankreich fuhr Hobsbawm für einen Tag nach Spanien. Er geriet in eine Gegend, in der die Anarchisten dominierten, sie gefielen ihm nicht und er ihnen auch nicht.
Im Zweiten Weltkrieg diente er bei den Pionieren, kam aber nicht an die Front. Obwohl schon einige Jahre Kommunist, lebte er erst jetzt in einem proletarischen Milieu, und er war beeindruckt von der Solidarität und dem Klassenbewusstsein seiner Kameraden. Nach Kriegsende war er zwei Jahre als Soldat in Deutschland bei der Umerziehung deutscher Kriegsgefangener eingesetzt.
Er promovierte in Geschichte und wurde 1947 Dozent am Birkbeck-College der Universität London, einer Einrichtung der Erwachsenenbildung – gerade noch rechtzeitig: Der Kalte Krieg brach aus, kurz darauf hätte Hobsbawm keine Chance mehr gehabt. Kommunisten im Öffentlichen Dienst wurden von ihren Vorgesetzten aufgefordert, aus ihrer Partei auszutreten. Weigerten sie sich, wurden sie „in jene abgelegenen Ecken versetzt, die große bürokratische Apparate für Mitarbeiter reserviert halten, die weder entlassen noch auf einen auch nur im mindesten verantwortlichen Posten versetzt werden können.“ (Hobsbawm, Eric: Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert. München 2002. S. 212)
Hobsbawm behielt seinen Arbeitsplatz, aber weitere Bewerbungen blieben erfolglos. Erst 1971, mit 54, als er schon weltberühmt war, erhielt er eine Professur in London. Ein zweites Leben führte er als Jazzkritiker unter dem Pseudonym Francis Newton.
Die britische KP hatte seit 1946 eine hochqualifizierte „Communist Party Historians Group“ (Kommunistische Historikergruppe), zu deren führenden Mitgliedern Christopher Hill, Eric Hobsbawm und E. P. Thompson gehörten. Ihre Zeitschrift „Past and Present“ (Vergangenheit und Gegenwart) erwarb sich internationale Anerkennung.
1956 brach die Gruppe auseinander. Unter dem Eindruck der Enthüllungen des 20. Parteitags der KPdSU und der Intervention des Warschauer Pakts in Ungarn traten viele Mitglieder, darunter Hill und Thompson, aus der Partei aus. Hobsbawm folgte ihnen nicht, obwohl er die Ansichten seiner Freunde teilte. Er ist immer wieder gefragt worden, warum er blieb. Seine Antwort: aus Stolz. Niemand solle ihm nachsagen können, er habe eine Partei verlassen, deren Mitgliedschaft nur berufliche Nachteile mit sich bringen konnte. Eine solche Haltung gehörte gewiss auch zur moralischen Ausstattung der Ausgetretenen. Hobsbawm hat deshalb noch einen zweiten Grund genannt: Er hatte das Heraufkommen des Faschismus in Deutschland aus naher Anschauung erlebt. Denen, die unter dem Einsatz ihres Lebens Widerstand leisteten – und die meisten von ihnen waren Kommunisten –, fühlte er sich in besonderer Weise verpflichtet.
1959 veröffentlichte er das Buch „Sozialrebellen“ – eine Studie über die Notwehrbewegungen von Unterschichten unmittelbar oder zu Beginn der Industriellen Revolution, noch ohne Parteien und Gewerkschaften. Es ist bis heute immer wieder einmal Kult bei jungen intellektuellen Linksradikalen und Autonomen.
Seit Anfang der sechziger Jahre wandte er sein Interesse Lateinamerika zu – er wurde, immer noch auf der Suche nach der Revolution, zum publizistischen Begleiter der Guerilla.
1962, 1975 und 1987 erschienen seine drei Bände über das „Lange 19. Jahrhundert“ 1780/89–1914: die Geschichte der Entstehung und Entwicklung des Industriellen Kapitalismus bis hin zum Imperialismus. Sie sind bis heute das Standardwerk zu diesem Thema. Im dritten Band untersucht er die Ursachen des Ersten Weltkriegs. Anders als die Teilnehmer am deutschen Historikerstreit für oder gegen Fritz Fischer gab es für ihn nicht eine spezielle Schuld eines einzelnen Landes, auch nicht Deutschlands. Das dem Imperialismus eigene grenzenlose Ausdehnungsstreben – wenngleich jeweils auf nationaler Basis – war für ihn der letzte Grund für den Ausbruch und den Verlauf dieses Krieges.
Er war kein Mann der Archive, aber des weiten methodischen Zugriffs von der Ethnografie bis zur Statistik.
In den sechziger und siebziger Jahren unterhielt er enge Beziehungen zur Italienischen Kommunistischen Partei, deren sich in dieser Zeit herausbildenden eurokommunistischen Positionen auch die seinen waren.
Als 1989 ff. der Sozialismus sowjetischen Typs zusammenbrach, mochte er einen Moment darin eine Chance für einen Neuanfang gesehen haben, wurde aber bald angesichts der marktradikalen Wende des Kapitalismus, der diese gescheiterten Gesellschaften aufsaugte, eines Schlechteren belehrt. Er trat nicht aus der Kommunistischen Partei aus, beteiligte sich aber nicht mehr an der alljährlichen Erneuerung der Mitgliedskartei und schied auf diese Weise aus.
In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren berief sich der Labour-Chef Kinnock beim Versuch, seine Partei wieder regierungsfähig zu machen, auf Eric Hobsbawm. Dieser hatte der britischen Arbeiterbewegung eine Art zünftlerischer Selbstbeschränkung vorgeworfen: sie verteidige nur noch Errungenschaften von gestern, beschränke sich in einer Art Wagenburg-Mentalität auf ihr eigenes, längst erodierendes Milieu und mache keine Anstrengungen mehr, um die Hegemonie auf nationaler Ebene ringen. Die Gründung einer sozialistischen Partei neben Labour durch den Bergarbeiterführer Scargill kritisierte er als sektiererisch.
1994 erschien dann sein Buch „Das Zeitalter der Extreme“ über das zwanzigste Jahrhundert. Im Nachhinein liest es sich so, als seien seine Werke über das 19. Jahrhundert nur Vorstudien hierfür gewesen. Hobsbawm formulierte hier Begriffe und legte eine Periodisierung vor, die weithin stilbildend geworden sind: Auf das „Lange 19. Jahrhundert“ folgte nun das „Kurze 20. Jahrhundert“. Wenn heute weithin vom „Zeitalter der Katastrophen“ für den Abschnitt 1914–1945 gesprochen wird, geht das auf Hobsbawm zurück. 1945 bis 1973 folgten in der Gliederung dieses Buches die „Goldenen Jahre“ des Wohlfahrtskapitalismus, in denen auch eine Hebung des Wohlstands in den Ländern nachholender Industrialisierung und des Staatssozialismus stattfand. Ab 1973 kam der „Erdrutsch“. Das letzte Wort der deutschen Übersetzung ist „Finsternis“ – sie stehe bevor (im Englischen „darkness ahead“), wenn die Menschheit nicht den bisherigen Weg verlasse.
Viele Kommunist(innen) zweier Generationen haben in diesem Buch ihre eigene Zeit neu verstehen gelernt, und zumindest die Aufgeweckteren ihrer Feinde entdeckten eine Einladung, ihnen gerecht zu werden. George Soros finanzierte die Übersetzung des Werks ins Rumänische. In der DDR dagegen ist einst keines der Bücher Eric Hobsbawms je erschienen.
Merkwürdig randständig in dieser Globalgeschichte des 20. Jahrhunderts bleiben der Holocaust und der Stalinismus – ebenso wie in seinen Büchern über das „Lange 19. Jahrhundert“ (das er für verhältnismäßig zivilisiert hielt) die Massaker des Militärs in der Junischlacht von 1848 in Paris und 1871 gegen die Pariser Kommune. Offenbar gab es für diesen kultivierten Mann Dinge, die zu furchtbar waren, um adäquat dargestellt werden zu können.
Das Monopolkapital hielt er nicht für die Ursache des Faschismus. Es komme mit jeder Staatsform zurecht.
Seine Lebenserinnerungen, 2002 erschienen, tragen im Englischen den Titel: „Interesting times“ (Interessante Zeiten) – typisch für sein englisches „understatement“ (Untertreibung). In der deutschen Übersetzung – „Gefährliche Zeiten“ – wird diese Relativierung nicht wiedergegeben. Am aufregendsten sind die Jahre bis 1956. Nicht ohne Selbstironie schildert der Verfasser sein weiteres Leben als viel reisendes Mitglied eines weltweit vernetzten Intellektuellen-Jetsets. Aber nie hat er vergessen, woher er kam – und wo er geblieben ist. Auch als seit 1989 Parteiloser nannte er sich einen „life-long communist“ – einen Kommunisten sein ganzes Leben lang.
Der unsentimentale Bewohner des vornehmen Londoner Stadtteils Hampstead – wo einst die Familie Marx gepicknickt hatte – war von liebenswürdiger Ermutigungsbereitschaft gegenüber Menschen, die jünger und weniger begabt waren als er oder die nicht so viel Glück gehabt hatten. Was ihm versagt blieb, war der Nobelpreis für Literatur, den er verdient hätte und den einst ein anderer Historiker erhalten hatte: Theodor Mommsen.
Seine späten Interviews waren fast schon apokalyptisch. Es werde „Blut fließen, viel Blut“, sagte er dem „stern“.
Er starb am 1. Oktober 2012 nach langer Krebstherapie, hellwach bis zuletzt. Kurz vor seinem Tod fragte er: „Is this the last chapter, or the second-to-last chapter?“ (Ist das nun das letzte Kapitel oder das vorletzte?) Die Trauerrede hielt der damalige Labour-Vorsitzende Ed Miliband. Hobsbawm liegt auf dem Londoner Highgate-Friedhof, wie Marx und viele internationale Kommunisten.
Er wurde 95, aber viele werden sich und ihm gewünscht haben, dass er hundert würde und eine neue Bilanz der Oktoberrevolution verfassen werde. Nun müssen andere tun, was in seiner Weise nur er konnte.
Dank an Friedrich-Martin Balzer für Unterstützung.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Ein Jahrhundert in einem Kopf«, UZ vom 9. Juni 2017





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.