Den aufrechten Gang lernen

Die Lehrlingsbewegung der 60er und 70er Jahre
Von HB
|    Ausgabe vom 2. Juni 2017
Recklinghausen 1970 (Foto: Klaus Rose)
Recklinghausen 1970 (Foto: Klaus Rose)

Ein Blick zurück auf die Lehrlingsbewegung, die vor 1968 begann und bis etwa 1972 in der BRD große Teile der Arbeiterjugend einband: Diese Bewegung war Teil der politischen Kämpfe, wie der Kampf gegen die Notstandsgesetze, die studentischen Kämpfe an den Hochschulen aber auch die „Rote-Punkt-Aktionen“ in vielen Städten. Die Lehrlingsbewegung hatte gleichermaßen einen politischen wie auch einen pädagogischen Anspruch. Sie war ein politischer Widerstand von Lehrlingen und Jungarbeitern, unterstützt von Schülern und Studenten. Kern der Bewegung waren solidarische Proteste gegen Missstände und Ungerechtigkeiten in der Ausbildung und für bundesweit geltende Regeln, die 1969 im ersten Berufsbildungsgesetz Ausdruck fanden. Bis dahin herrschten in vielen Betrieben Zustände in der Ausbildung, die von Sprüchen wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ und auch dem Desinteresse von Beschäftigten und sogar Betriebsräten für die Situation ihrer jungen Kolleginnen und Kollegen gekennzeichnet waren. Die Lehrlingsbewegung hatte auch den Anspruch, kritisch-bildend auf die Haltung und das Engagement der Arbeiterjugend einzuwirken. Es ging um „Selbstorganisation“, „Selbstbildung“ und „Bewusstseinsprozesse“, und zwar durch das Aufzeigen verschiedener Unterdrückungsmechanismen im Betrieb und in der Gesellschaft an konkreten Konfliktfällen, das Aufgreifen und Verallgemeinern der Missstände im Betrieb durch das Erkennen der gesellschaftlichen Zusammenhänge und durch den Abbau der Ohnmacht des einzelnen und Emanzipation in der Klasse. Das Ziel dabei war, die Lehrlinge über das gemeinsame Erkennen und Benennen der Konflikte zu gemeinsamem selbstständigen Handeln zu veranlassen und die Erfahrungen dieser Handlungen wiederum gemeinsam zu überprüfen und aufzuarbeiten, so dass aus der Einsicht in die eigene soziale Lage die Einsicht in die Notwendigkeit solidarischer gewerkschaftlicher und politischer Interessenvertretung entsteht. Die Gründung der SDAJ als sozialistischer Jugendverband 1968 ist Ausdruck dieses neu entstandenen Bewusstseins.


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