Kuba im Wandel

Junge SozialistInnen aus Europa und ihre Erfahrungen auf der Karibikinsel
|    Ausgabe vom 26. Mai 2017

Die sechzehn AutorInnen dieses Buches haben einen besonderen Anspruch. Sie wollten ein Buch für Menschen schreiben, die Kuba wirklich kennenlernen und verstehen wollen. Ihnen allen gemeinsam ist eine tiefe Verbundenheit zu der kleinen sozialistischen Insel, die kontinuierlich Widerstand leistet in der riesigen kapitalistischen Welt.


Aus dem Vorwort:
Die meisten von uns haben mehrere Monate bis Jahre auf Kuba gelebt, studiert oder gearbeitet, alle kennen wir Kuba von Reisen, die sich – abseits vom Tourismus – mit Themen auseinandergesetzt haben, die die Menschen im Land berühren und betreffen. Dennoch maßen wir uns nicht an zu behaupten, das Land besser zu kennen als die kubanische Bevölkerung. Es liegt uns fern zu belehren, verurteilen oder zu verklären – wir meinen, dass wir einen Einblick in das kubanische Leben und die sozialistische Gesellschaft gewähren können. So ist ein Mosaik aus Erfahrungen entstanden, die natürlich subjektiv sind, aber an vielen Stellen durch Zahlen und Fakten untermauert werden und versuchen, das Erlebte in ein gesellschaftliches Gesamtbild einzuordnen. Kuba zeigt uns tagtäglich, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte und eine andere Welt möglich ist. Für diese Erfahrung danken wir all den Menschen, die auf Kuba an dem Aufbau einer gerechteren Gesellschaft ohne Ausbeutung und Krieg arbeiten und mit ihrem Wissen weltweit – solidarisch mit den Ärmsten dieser Erde – im Einsatz sind.

 

Kuba im Wandel
16 Erfahrungsberichte
herausgegeben von Volker Hermsdorf, Paula Klattenhoff, Lena Kreymann und Tobias Salin
Verlag Wiljo Heinen, Berlin
160 Seiten, 10,- Euro

Die AutorInnen stellen
ihr Buch auf dem
Festival der Jugend
in Köln vor.

Über den Missbrauch der Menschenrechte
… Aufgrund eigener dreijähriger Erfahrung als Angestellter einer deutschen Firma in Havanna meine ich, dass die niedrigen staatlichen Löhne derzeit das wichtigste Problem Kubas auch für die Umsetzung einiger Menschenrechte darstellen. Mit einem Lohn von durchschnittlich 675 Pesos in „Moneda Nacional“ lebt es sich trotz Lebensmittelkarte, subventioniertem Strom, Gas und Wasser und kostenlosem Mittagessen auf der Arbeit nur sehr bescheiden. Doch kein Mensch muss auf Kuba verhungern und allen steht ein Dach über dem Kopf zu, was von vielen anderen Ländern dieser Welt nicht behauptet werden kann. Aber Dinge wie Kleidung, Elektrogeräte und andere Waren, die importiert werden, sind kaum erschwinglich. Das schmälert aus Sicht vieler Kubaner die Lebensqualität. Wenn man Kuba als strukturell unterentwickeltes Land der Karibik sieht, eine ehemalige Kolonie mit einer nach mehr als 400-jähriger Fremdherrschaft grundlegend deformierten Wirtschaft, erscheint vieles in einem anderen Licht. Haiti wird beispielsweise meist nicht mit der Latte Menschenrechte gemessen, auch wenn dort etwa das Recht auf Arbeit, Gesundheitsversorgung, Bildung und angemessene Lebenshaltung nicht ansatzweise verwirklicht ist.
Bei jeder Diskussion über Menschenrechte sollten wir anerkennen, dass jedes Land zu jeder historischen Situation eigene Prioritäten bezüglich der durchzusetzenden Menschenrechte setzt. Im Hinblick auf Kuba könnte man zugespitzt fragen, ob es denn wichtiger ist, unentgeltlichen Zugang zu Schulbildung und höherem Bildungswesen zu haben oder einen eigenen Computer mit Internetanschluss zu besitzen. Oder auch, ob es wichtiger ist, allen Fach- kräften uneingeschränkte Reisefreiheit zu garantieren – auch wenn damit die bereits bestehende Abwanderung von Fachkräften („Brain Drain“) weiter stimuliert wird – oder ob es stattdessen nicht notwendiger ist, die Versorgung der Bevölkerung durch wichtige Spezialisten, Fachärzte und Chirurgen sicherzustellen, nachdem man diese viele Jahre auf Kosten des Staates ausgebildet hat? Ergänzend zum Grundsatz der Universalität der Menschenrechte gilt auch der Anspruch ihrer Unteilbarkeit. Menschenrechte müssen danach stets in ihrer Gesamtheit verwirklicht sein. Im lateinamerikanischen Kontext ist zum Beispiel relevant, dass eine Umsetzung von Freiheitsrechten nicht möglich ist, wenn nicht gleichzeitig das Recht auf Nahrung, Bildung und Arbeit verwirklicht wird.
… Wer auf Kuba geboren wird, hat eine höhere Lebenserwartung, als Menschen auf den karibischen Nachbarinseln oder in Mexiko. Mit knapp 79 Jahren erreicht die durchschnittliche Lebenserwartung in Kuba fast das Niveau der Industrienationen des Nordens. Zudem genießt ein Mensch in Kuba eine durchschnittliche Ausbildungsdauer von mehr als zehn Jahren, was ebenfalls auf dem Niveau indus­trialisierter Länder liegt. Der Zugang zu Kultur, Bildung und Gesundheitssystem – auch außerhalb der großen Städte – ist besser ausgebaut als vielerorts sonst auf der Welt. Die Gesamtheit solcher Daten spiegelt sich in Messzahlen wie dem Human Development Index (HDI) oder dem Gini-Koeffizienten wieder, bei denen Kuba international gut abschneidet. Auch die Sicherheit auf den Straßen der großen Städte ist einzigartig in Lateinamerika. Diese sind weitgehend frei von Gangs und Drogen, wie man es sonst auf dem Kontinent – beispielsweise aus dem Nachbarland Mexiko – kennt. Das ist so, obwohl Kuba geographisch an der Hauptroute des Drogenhandels – von Südamerika als Produzent nach Nordamerika als Hauptkonsumregion – liegt.
Würden die Massenmedien tatsächlich alle wirtschaftlichen, sozialen, und kulturellen Menschenrechte würdigen, für deren Verwirklichung das kubanische Volk gekämpft hat und jeden Tag arbeitet, dann müssten sie allerdings auch grundsätzliche Fragen aufwerfen. Denn wenn ein materiell armes Land ohne große Ressourcen es schafft, sozialen Frieden und Sicherheit, Chancengleichheit, Zugang zu Bildung, medizinische Versorgung und Katastrophenschutz – sogar für andere Länder, wie mit Ärztebrigaden in Westafrika oder Haiti – zu gewährleisten, was wäre dann erst innerhalb der industrialisierten Länder des Nordens möglich? Warum werden einfache Menschenrechte wie das Recht auf Arbeit, auf Wohnraum, Nahrung, körperliche Unversehrtheit oder „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ in viel reicheren Ländern oft in deutlich geringerem Umfang erfüllt?
Doch die bürgerlichen Medien stellen den Wunsch nach einer besseren Welt lieber als unerreichbar dar und führen an, dass eine „andere Welt“ mit inakzeptablen Einschränkungen der individuellen Freiheiten verbunden wäre. Gelegentlich argumentieren sie, dass die Gewährleistung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte immer eine Einschränkung der bürgerlichen und politischen Menschenrechte mit sich bringen würde, wie das Beispiel Kubas zeige. Das Thema wird weiter instrumentalisiert werden, auch um zu belegen, dass in einer sozialistischen Gesellschaft Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit prinzipiell beschnitten würden. Letztendlich soll die sogenannte „Alternativlosigkeit“ des kapitalistischen Systems begründet werden.
Karl Wolfgang

Ein Beispiel für Lateinamerika
… Für die Vision eines vereinten Lateinamerikas steht der 1783 in Caracas geborene Simón Bolívar, der für die Unabhängigkeit Lateinamerikas kämpfte und als „El Libertador“ (der Befreier) in die Geschichte des Kontinents eingegangen ist. Der 1853 in Havanna auf die Welt gekommene Intellektuelle José Martí, Vordenker der kubanischen Unabhängigkeit, griff diesen Gedanken Ende des 19. Jahrhunderts auf: Sein berühmtester Essay trägt den Namen „Unser Amerika“. Darin gei- ßelt er die US-amerikanische Vorherrschaft über den Kontinent und stellt dieser die Idee einer antiimperialistischen Allianz gegenüber.
Diese Ideen haben die kubanische Revolution maßgeblich geprägt. Ernesto „Che“ Guevara, der als gebürtiger Argentinier an der Seite Fidel Castros kämpfte, erklärte 1964 vor den Vereinten Nationen, er fühle sich so sehr als lateinamerikanischer Patriot, dass er für die Befreiung jedes Landes auf dem Subkontinent jederzeit sein Leben geben würde, ohne etwas als Gegenleistung zu verlangen. Dieser Satz klingt heute wie eine Vorahnung: Nur drei Jahre später starb Guevara im boli- vianischen Guerillakampf.
Fortschrittliche Kräfte in der Region zu unterstützen war von Anfang an ein fester Bestandteil von Kubas internationalistischem Engagement. Revolutionären, Befreiungstheologen und Kritikern der imperialistischen Unterdrückung gilt Kuba bis heute als Musterbeispiel für einen lateinamerikanischen Weg aus der sozialen Misere. 1971 stärkte Fidel Castro mit einer Reise nach Chile dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende den Rücken. Doch die Mehrheit der lateinamerikanischen Staaten, die unter US-amerikanischer Vorherrschaft standen, verbannten Kuba politisch wie wirtschaftlich in die Isolation.
Während das sozialistische Land für fortschrittliche Kräfte ein wichtiger Bezugspunkt ist und konkrete Unterstützung leistet, braucht es die anderen Staaten der Region als Handelspartner und politische Mitstreiter gegen den Imperialismus. Wie gegenseitige Hilfe erfolgreich funktioniert, zeigt das Staatenbündnis ALBA (Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América, die „Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerika“), ein Gegenentwurf zu Plänen der USA für einen von ihnen dominierten Zusammenschluss. ALBA war ursprünglich bloß ein Abkommen zwischen Caracas und Havanna zur politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenarbeit. Doch das Bündnis strahlte rasch aus; inzwischen haben sich neun weitere Länder der Allianz angeschlossen, darunter Bolivien und Ecuador. Gemeinsame Projekte sollen für die breite Bevölkerung die Lebensqualität erhöhen: Dank des kubanischen Programms „Yo Sí Puedo“ gibt es in Venezuela, Nicaragua, Bolivien und Ecuador heute keinen Analphabetismus mehr. Das Projekt zur Heilung von Augenkrankheiten, „Operación Milagro“ hat weit über den ALBA-Raum hinaus Millionen Menschen ihre Sehfähigkeit zurückgegeben.
Übersetzt heißt das Wort „alba“ Morgenröte – ein Zeichen der Aufbruchstimmung: Der Kontinent ist aus der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen und echte Unabhängigkeit, insbesondere von den USA, enger zusammengewachsen. Das spiegelt sich auch in anderen Zusammenschlüssen der Region wider, in denen der Gedanke einer lateinamerikanischen Einheit Einzug erhalten hat. Während über Jahrzehnte der Ausschluss Kubas aus den US-dominierten regionalen Bündnissen die Regel war, forderte beim Amerikagipfel 2012 die Mehrzahl der lateinamerikanischen Teilnehmer, Kuba ebenfalls zu diesem Treffen der Staatschefs des Doppelkontinents einzuladen. Washington musste sich dem Druck schließlich fügen und 2015 beteiligte sich Kuba erstmals an dem Treffen. Doch so sehr sich die USA auch genötigt sehen, gegenüber Havanna einen anderen Ton anzuschlagen, so vehement greifen sie direkt oder indirekt die linken Bewegungen und Regierungen der Region an. Schließlich weiß man auch im Weißen Haus: Kuba braucht Lateinamerika und Lateinamerika braucht Kuba. Ein erneutes Erstarken rechter Kräfte würde den wiedergewonnenen politischen und ökonomischen Handlungsspielraum Havannas erneut einschränken.
Lena Kreymann

Die Jugend als Objekt der Begierde
Bei gutem Wetter kommen auf der acht Kilometer langen Küstenstraße Malecón in Havanna jedes Wochenende Hunderte junge KubanerInnen zusammen. Für viele Jugendliche ist die Promenade ein angesagter Treffpunkt. Im Outfit, dem Faible für Smartphones und ihrer Musikbegeisterung unterscheiden sie sich kaum von den Altersgenossen in lateinamerikanischen Nachbarländern. Und doch ist vieles in Kuba völlig anders. Die Atmosphäre wirkt weniger aggressiv und wer nachts am Malecón entlangschlendert, fühlt sich niemals bedroht, sondern wird mitgerissen von der einzigartigen heiteren Stimmung. Marodierende Jugendbanden wie die

berüchtigten „Maras“, die in El Salvador, Honduras, Guatemala und anderen lateinamerikanischen Ländern Angst und Schrecken verbreiten, sind unbekannt. Auch Mafiastrukturen wie in Miami gibt es nicht.
Einer der deutlichsten Unterschiede zwischen kubanischen Jugendlichen und denen im Rest der Welt ist jedoch nicht sichtbar: Wie wohl in keinem anderen Land ist die Jugend Kubas das Objekt der Begierde ausländischer Geheimdienste. Auch Parteien, deren Stiftungen, Medienunternehmen und vorgebliche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) des Westens investieren Millionen, um Kuba nach ihren Vorstellungen zu verändern. Ihre tatsächlichen Absichten tarnen sie als „freundliches Angebot zur Förderung der kubanischen Jugend“ und wer sich darauf einlässt, hat meistens keine Ahnung, unter wessen Fittiche er sich begibt.
… Im Herbst 2016 protestierten Tausende kubanische SchülerInnen und StudentInnen gegen den Versuch der US-Organisation, sie für ihre politischen Zwecke zu missbrauchen. „Wir haben es nicht nötig, dass einer kommt, um uns zu sagen, wie das Projekt des Landes aussehen soll, das wir für die Zukunft wollen und vor allem nicht, wenn diese Vorschläge aus dem Norden kommen, von wo aus man immer versucht hat, uns die kapitalistische Kultur einzuflößen“, sagte die Vorsitzende des Studentenverbandes (Federación Estudiantil Universitaria, FEU) Jennifer Bello.
Die kapitalistische Kultur und Lebensart hatte US-Präsident Barack Oba­ma jedoch durchaus im Blick, als er am 22. März 2016 im Großen Theater von Havanna ausrief: „Ich appelliere an die Jugend Kubas, die etwas Neues aufbauen, sich erheben muss.“ Ohne die Aggressionen, die in den letzten Jahrzehnten von den USA ausgingen, zu erwähnen – als Beispiele seien nur die Invasion in der Schweinebucht, das US-Gefängnis und Folterzentrum in der Bucht von Guantánamo, der von Miami aus organisierte Terror gegen Menschen und Einrichtungen auf Kuba oder die seit über 55 Jahren bestehende US-Blockade genannt – forderte Obama die kubanischen Jugendlichen auf, sich „nicht von der Geschichte gefangennehmen zu lassen“.
Ein Satz, der Erinnerungen an die frühe Bundesrepublik weckt, als einige, noch der NS-Ideologie verhaftete Lehrer unbequeme Fragen von Schülern nach den Verbrechen der Elterngeneration abzuwürgen versuchten. Kubanische Jugendliche sollen offenbar nicht nur die Angriffe auf ihr Land vergessen, sondern auch die Lebensbedingungen unter den US-freundlichen Diktaturen vor dem Sieg der Revolution. Das Negieren geschichtlicher Erfahrungen gehört zum Standardrepertoire der neoliberalen Gegenoffensive in Lateinamerika. Kuba steht dabei immer im Fokus, egal ob der Chef im Weißen Haus gerade Reagan, Bush, Clinton, Obama oder Trump heißt.
… Neben den unterschiedlichen Diensten der Vereinigten Staaten versuchen auch Parteien, Stiftungen und Medienunternehmen aus Europa, Jugendliche für eine „sanfte Revolution“ in Kuba zu rekrutieren. Diese Aktivitäten sind meist konspirativ. Hin und wieder kommen durch Zufall jedoch Details ans Licht. So beispielsweise, als der spanische Agent Ángel Carromero im Juli 2016 in der Nähe der ostkubanischen Stadt Bayamo einen Autounfall verursachte, bei dem die einheimischen Systemgegner Oswaldo Payá und Harold Cepero ums Leben kamen, die mit ihm im Auto saßen. Der Jungpolitiker Carromero war von der rechtskonservativen spanischen Volkspartei (Partido Popular) in geheimer Mission nach Kuba geschickt worden und dort als Tourist eingereist. Nach dem Unfall gestand er, dass er den Auftrag hatte, der Tochter von Payá mehrere tausend Euro Bargeld und Ausrüstungsmaterialien für den Aufbau einer oppositionellen Jugendorganisation zu überbringen.
Bei den Versuchen, oppositionelle Jugendstrukturen auf der Insel aufzubauen, kennt der Einfallsreichtum der Gegner des kubanischen Gesellschaftssystems keine Grenzen. Im Dezember 2014 veröffentlichte die Nachrichtenagentur AP Dokumente, die belegen, dass USAID im Jahr 2008 ein Projekt gestartet hatte, um mit Rappern und anderen Musikern eine gegen die Revolution gerichtete Jugendbewegung aufzubauen. Um ihre Ziele zu verschleiern, hatte die Organisation die in Washington ansässige Firma „Creative Associates International“ für Millionen Dollar mit der Umsetzung beauftragt. Diese richtete wiederum eine Briefkastenfirma in Panama ein, heuerte Helfer auf den British Virgin Islands in der Karibik und eine Anwaltskanzlei in Liechtenstein an, um die kubanischen Behörden über die Herkunft der Finanzen und den Fluss des Geldes zu täuschen. „Creative Associates International“ schickte den serbischen Otpor-Aktivisten Rajko Božic nach Kuba. In Serbien hatte der in Kuba als harmloser „Musikpromoter“ auftretende Agent im Jahr 2000 Protestkonzerte organisiert, die zum Sturz des damaligen Präsidenten Slobodan Miloševic beitrugen. Er verfügte also über die gewünschte Erfahrung zur Vorbereitung eines Umsturzes. In Kuba sprachen Božic und seine Helfer rund 200 junge Musiker an, lockten mit Reisen nach Europa, versprachen Konzertverträge und Videoclips, organisierten TV-Shows und Festivals.
Vergleichsweise harmlos, doch dem gleichen Ziel verpflichtet, nimmt sich dagegen eine Initiative der sich gern linksliberal gebenden bundesdeutschen „tageszeitung“ (taz) aus. In 1990er Jahre hatte die „taz“ schon beim NATO-Angriff gegen Jugoslawien kräftig mitgemischt und sich vehement für den Krieg eingesetzt. Seit 2015 lädt ihre „Panter Stiftung“ – mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes – nun junge KubanerInnen zu „Workshops“ über „unabhängigen Journalismus“ in die Bundesrepublik ein. Das klingt zunächst gut. Doch bei ihrem ersten Besuch wurden die nichtsahnenden Nachwuchsjournalisten vom taz-Betreuer als Erstes zu der NGO „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) geführt, die behauptet, sich weltweit für „Presse- und Meinungsfreiheit“ einzusetzen. Tatsächlich wurde die 1985 gegründete Organisation jedoch maßgeblich mit dem Geld des US-Dienstes NED und einiger westlichen Regierungen aufgebaut und agiert politisch einseitig im Interesse dieser Geldgeber.
Volker Hermsdorf

Kubas Gegenmodell vor Herausforderungen
… In Kuba gibt es (Stand Januar 2017) noch zwei Währungen. Zum einen den kubanischen Peso (CUP) und den 2004 eingeführten konvertiblen Peso (CUC), welcher aber in naher Zukunft abgeschafft werden soll. Während der CUC 1:1 an den US-Dollar geknüpft ist, entsprechen 24 CUP einem CUC bzw. US-Dollar. Staatliche Löhne werden in CUP ausbezahlt, die dann jeder in der CADECA (Wechselstube) frei tauschen kann. Der aktuelle staatliche Durchschnittslohn von umgerechnet etwa 28 Euro monatlich klingt erst einmal nach sehr wenig, ist aber nicht vergleichbar mit dem Einkommen in den kapitalistischen Ländern. Noch heute gibt es ein gewisses Maß an Grundversorgung durch die Libreta, wie die Lebensmittelkarte in Kuba genannt wird. Auch lebensnotwendige Basisdienstleistungen wie Energie, Wasser, öffentlicher Verkehr, Kultur- und Freizeitangebote werden auf symbolische Beträge heruntersubventioniert und dazu kommt der bereits erwähnte Anspruch auf kostenlose Bildung und Gesundheitsfürsorge. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung muss Geld für Miete aufbringen, da nach der Revolution den Bewohnern der Häuser auch die Eigentumsrechte übertragen wurden. Mittlerweile sind über 90 Prozent der kubanischen Bürger Eigentümer ihrer vier Wände.
Doch obwohl der Durchschnittslohn von 2010 bis 2015 um 43 Prozent gestiegen ist, räumte Kubas Präsident Raúl Castro auf dem VII. Kongress der Kommunistischen Partei im April 2016 ein, dass die finanziellen Mittel „weiterhin unzureichend sind, um die grundlegenden Bedürfnisse der kubanischen Familien zu befriedigen“.
Da die Libreta meist nur bis zur Hälfte des Monats reicht und die Einkommen der Kubaner sich noch immer auf einem extrem niedrigen Niveau befinden, sind viele gezwungen, einen Zweitjob auszuüben. Dieser liegt manchmal auch im illegalen oder zumindest in einem Grauzonenbereich. So fährt etwa der Hochschulprofessor nach seinen Vorlesungen noch Taxi und verdient sich so etwas dazu. Oder Studierende verkaufen Internetkarten an den WiFi-Hotspots, die sie für zwei konvertierbare Pesos (CUC) erstehen und für drei CUC weiterverkaufen.
Viele gut ausgebildete Menschen nutzen ihre Qualifikationen nicht, werden durch das schnelle Geschäft in den Tourismussektoren gelockt und arbeiten hier sogar Vollzeit. Exemplarisch dafür steht der häufig angeführte „unbekannte Nuklearphysiker“, der in Havanna als Hotelier tätig ist und damit ein Vielfaches seines staatlichen Lohns verdient. Hier zeigt sich nun die Krux mit dem Tourismus, der auf der einen Seite die so wichtigen Devisen bringt und auf der anderen Seite zu einem Fachkräftemangel führt, da viele ihreArbeitskraft in jenes Gewerbe stecken. Auch wenn im privaten Sektor Steuern erhoben werden, fließt das meiste Geld dort in private Hände – während die Einnahmen aus dem staatlichem Sektor für das Gesundheits- und Bildungssystem genutzt werden können oder für Lebensmittel­importe, die dann subventioniert und somit unter dem eigentlichem Wert verkauft werden.
Aber auch die „Remesas“, Devisenzahlungen von im Ausland lebenden Verwandten oder Freunden, verstärken dieses Phänomen zunehmend. Schätzungen zufolge profitieren etwa 20 Prozent der Kubaner davon. Nachfahren der spanischen Einwanderer erhalten im Durchschnitt deutlich häufiger Finanzspritzen aus dem Ausland als die Nachkommen von Sklaven, die über kein Kapital verfügten, mit welchem sie sich beispielsweise in die USA absetzen konnten. Jene verfügen daher auch heute selten über die nötigen Mittel, um beispielsweise eine Casa Particular für Touristen zu eröffnen. So vergrößert sich die Schere zwischen Arm und Reich im sozialistischen Kuba zunehmend.
Für die hiesigen Medien ist damit das Ende der sozialistischen Insel programmiert. Sie ignorieren dabei jedoch die Maßnahmen der kubanischen Regierung zur Steigerung der Produktivität, die eine Voraussetzung für steigende Einkommen ist. Während bei uns Realeinkommen und Renten sinken, entwickeln sie sich in Kuba seit Jahren positiv. Das geschieht zwar auf der Basis eines sehr niedrigen Ausgangsniveaus, doch der Trend geht – anders als in vielen Ländern Europas – langsam aber beständig nach oben. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und eine baldige Angleichung der Löhne gelten als Hauptaufgaben und Herausforderungen der kubanischen Regierung. Ihre Bewältigung ist sicher eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Zustimmung und Vertrauen der Bevölkerungsmehrheit in die Regierung erhalten bleiben.
Mareike Haurand

Weltspitze bei der Nachhaltigkeit
Anlässlich des Weltumwelttages im Juni 2016 erklärte die Koordinatorin der Vereinten Nationen auf Kuba, dass dieses gleichzeitig soziale und ökologische Entwicklungen aufweist, die weltweit einmalig seien. Dies belegt der Nachhaltigkeitsbericht des WWF 20062, in dem Kuba das einzige der 147 untersuchten Länder war, das den Kriterien für eine nachhaltige Entwicklung genügte: Die Untersuchung bezog sich auf den ökologischen Fußabdruck eines Landes sowie dessen Wert im Human Development Index, der sich aus Lebenserwartung, Lese-, Schreibfähigkeit und Bildung, umgerechnet auf das Bruttoinlandsprodukt eines Landes errechnet.
Bei meinem Aufenthalt in Kuba fiel mir auf, dass im Haushalt sehr wenig Müll produziert wird, da Waren kaum verpackt sind, und Dinge zunächst mehrere Male repariert werden, bevor sie weggeworfen werden. Ich beobachtete wenige Privatwagen und selbst in der Hauptstadt keinen Stau, dafür viele Fahrräder, Elektroroller und Pferdekutschen neben dem öffentlichen Nahverkehr. Gleichzeitig zogen große, schwarze Wolken hinter den Fahrzeugen her und auf den Straßen in Havanna lag häufig Müll. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?
Einen großen Einfluss auf die kubanische Umweltschutzbewegung hatte die Spezialperiode der 90er Jahre. Von jetzt auf nachher brach die Rohölliefe- rung der Sowjetunion ein und Kuba war gezwungen, Energie zu sparen, was sich auf alle Lebensbereiche der Bevölkerung auswirkte.
Die kubanische Regierung setzte verschiedene Maßnahmen zur Energieeinsparung in Privathaushalten um: Etwa 10 Millionen Glühbirnen wurden durch Energiesparlampen ersetzt; Kühlschränke, Fernsehgeräte und andere Haushaltsgeräte wurden durch energieeffizientere Geräte ausgetauscht sowie die Strompreise gestaffelt, so dass energiesparende Haushalte günstigere Stromtarife zahlen, als Haushalte, die viel Energie verbrauchen. Dies ging einher mit Aufklärungskampagnen zum Umweltschutz und zur Einsparung von Energie und somit Geld. Gleichzeitig erhielten Menschen mit wenig Einkommen Rabatte auf die neuen Elektrogeräte oder bekamen sie sogar geschenkt. Die Erfolge dieser Energiesparkampagnen dienten anschließend als Vorbild für andere karibische Länder, die von Erdöl­importen abhängig sind.
Historisch war Kuba von Zuckerrohrmonokultur und -export geprägt und somit abhängig von Nahrungsmittel­importen, was einer nachhaltigen Landwirtschaft widerspricht. Durch Mangel an chemischen Produkten, Maschinen und Treibstoff ging die Nahrungsmittelproduktion ab der Spezialperiode weiter zurück. In dieser Zeit begann die Aus- breitung der Permakultur sowie die Entstehung der Organopónicos. In diesen innerstädtischen Gärten wird für die anliegenden StadtbewohnerInnen mithilfe von Prinzipien der ökologischen Landwirtschaft Gemüse produziert.
Dem Zwang, Energie einzusparen, folgte mit der Zeit ein tiefer gehendes Verständnis für die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Umweltschutzmaßnahmen. So entwickeln heute 50 Forschungseinrichtungen an den Universitäten resistentere und ertragreichere, an den Klimawandel angepasste Pflanzen sowie biologische Schädlingsbekämpfungsmittel. Dies dient einerseits der günstigen Ertragserhöhung aufgrund der Einsparung chemischer Produkte, andererseits werden gesündere und weniger chemisch belastete Lebensmittel produziert.
Im Sommer 2014 wurde der Energiesparplan veröffentlicht, der einen systematischen Ausbau erneuerbarer Energien bis 2030 von 4,6 Prozent auf 24 Prozent vorsieht. Im Fokus stehen Wasserkraft, Solar- und Windenergie, die Strom- und Gasgewinnung aus Restprodukten der Zuckerproduktion sowie Maßnahmen der Energieeffizienz.
2016 wurde ein Plan für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Kubas bis zum Jahre 2030 entwickelt. Der Schutz der natürlichen Ressourcen, der Ökosysteme und der Umwelt nimmt dort eine eigene Kategorie ein. Das Bewusstsein dafür soll durch eine systematische Umweltbildung in der ganzen kubanischen Gesellschaft geschaffen werden. Weiterhin wird eine nachhaltige Landwirtschaft als Mittel zur Selbstversorgung und Lebensmittelsicherheit Kubas angegeben.
Julia Fuchs

Kuba im Wandel
16 Erfahrungsberichte
herausgegeben von Volker Hermsdorf, Paula Klattenhoff, Lena Kreymann und Tobias Salin
Verlag Wiljo Heinen, Berlin
160 Seiten, 10,- Euro

Die AutorInnen stellen
ihr Buch auf dem
Festival der Jugend
in Köln vor.


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An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Kuba im Wandel«, UZ vom 26. Mai 2017





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