Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 26. Mai 2017

Grütters verteidigt Kreuz
Kulturstaatsministerin Grütters hat das geplante vergoldete Kreuz auf der Kuppel des neuen Berliner Stadtschlosses gegen Kritik verteidigt. Die hiesige Kultur habe ihre Wurzeln in einem christlichen Menschenbild. „Unsere Kultur der Offenheit, Freiheit und Barmherzigkeit hat ihre Wurzeln in unserem christlichen Menschenbild.“ Das Angebot eines offenen Hauses wie des Humboldtforums sei nur glaubwürdig, wenn man sich dieser Identität bewusst sei und sie auch zeige, so Grütters. Deshalb gehöre das Kreuz dazu. Grüne und Linkspartei sowie die Stiftung Zukunft Berlin sehen dagegen den offenen Dialog der Kulturen gefährdet. Die Bundesregierung beteuert immer, das Humboldt-Forum solle ein Museum neuen Typs für die gesamte Weltgemeinschaft werden. Es soll ein öffentliches Gebäude sein, in das sich alle eingeladen fühlen. Aber wie soll ein solcher offener Dialog der Kulturen gelingen, wenn oben auf der Kuppel ein Kreuz schon die Richtung vorgibt? Dies ist eine Hierarchisierung der Kulturen und Religionen und entspricht nicht dem humanistischen Grundgedanken dieses Ortes, der dem Austausch der Kulturen dienen solle.

Nur Kino?
Ein Grundsatzstreit begleitet das Filmfestival von Cannes. Es geht um die Frage: Sollten auf großen Festivals Filme gezeigt werden, die gar nicht fürs Kino gedreht wurden, sondern für Online-Streamingdienste wie Netflix?
In diesem Jahr sind gleich zwei von Netflix produzierte Filme im Wettbewerb von Cannes vertreten. Der neue Film des amerikanischen Regisseurs Noah Baumbach „The Meyerowitz Stories“ und „Okja“ von dem koreanischen Kultregisseur Bong Jong-Ho. Jury-Präsident Pedro Almodóvar wünscht sich jedenfalls, dass Filme nicht nur weltweit wie auch immer angeboten werden, sondern auch auf der großen Leinwand laufen. Das Filmfest ist den französischen Kinobetreibern im Vorfeld entgegengekommen, ab dem nächsten Jahr werden nur noch Filme im Wettbewerb gezeigt, für die eine Kinoauswertung in Frankreich garantiert ist. Das ist bedenklich, denn jeder große Name bekommt in Frankreich einen Verleih, aber das Meisterwerk eines spannenden Regisseurs aus der Südmongolei bekommt keinen, weil er so unbekannt ist. Und deshalb darf er dann auch nicht im Wettbewerb laufen. Letztlich unterwirft sich damit das Festival, eigentlich im Dienste der Kinokultur, den Marktgesetzen. Auf Festivals sollten alle Filme eine Chance haben, egal von wem sie produziert wurden. Auf Festivals geht es um Kino- und Bilderdiskurse jenseits des Business.
Für andere Länder ist das Nebeneinander von Kino und Online-Streamingdiensten offenbar weniger problematisch. In China etwa gibt es schon lange Online-Filmportale und das Kino boomt trotzdem. Ein spannendes Modell läuft in England: Während in London Filme noch in Kinos laufen, werden sie im Rest des Landes bereits auf Streaming-Diensten zur Verfügung gestellt.

Politischer Neuling im Kabinett
Die angesehene Verlegerin Françoise Nyssen ist Kulturministerin im Kabinett von Frankreichs neuem Präsidenten Emmanuel Macron. Die 1951 in der Nähe von Brüssel geborene Nyssen leitet den von ihrem Vater gegründeten Actes-Sud-Verlag mit Sitz in Arles. Der renommierte Verlag hat ein sehr anspruchsvolles Programm und pflegt u. a. die Literaturen Afrikas, auch deutsche Autoren zählen zum Programm. Laut ersten Aussagen sei ein Schwerpunkt ihres neuen Amtes die kulturelle Bildung, geplant ist ein „Kulturbonus“ von 500 Euro für jeden 18-Jährigen anlässlich der Volljährigkeit. Was die Beschenkten damit anfangen können (außer Bücher kaufen), ist noch nicht klar, auf jeden Fall feiert das Gießkannenprinzip die „Égalité“. Außerdem stehen ihrem Ressort 50 Milliarden Euro für den Schutz und die Bewahrung nationalen Kulturguts zur Verfügung.


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Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 26. Mai 2017





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