„Wetter“-Fest?

Pfingstcamps nach der Konterrevolution
Von MD
|    Ausgabe vom 26. Mai 2017
 (Foto: Detlef Deymann)
(Foto: Detlef Deymann)

Sommer, Sonne, Sozialismus stand auf den Flyern, doch zumindest gefühlt hat sich die Sonne in den 90er Jahren eher selten auf die Pfingstcamps der SDAJ verirrt und auch sommerliche Temperaturen glänzten meistens durch Abwesenheit. Da musste dann schon mal ein Großzelt im Unwetter von draußen festgehalten werden, während drinnen Peter Gingold begeisterten ZuhörerInnen von seinen Erfahrungen im Widerstand berichtete.
Wenn Sommer und Sonne auch abwesend waren, Diskussionsrunden, Workshops und Kulturelles war reichlich vorhanden. Von A wie Arbeiterjugendpolitik, Antimilitarismus und Antifa über B wie Brecht-Lesung, K wie Konzert bis Z wie Zeitungskollektiv – inhaltlich hatten die Pfingstcamps seit jeher viel zu bieten. Infrastruktur hingegen wurde oft nur mit kleinem I geschrieben: Eine Wiese, ein Groß- und ein Versorgungszelt, vielleicht noch ein Café Cuba – das war es schon. Duschen auf Pfingstcamps ist eh nur was für Weicheier. Und falls das Duschen doch unumgänglich wurde, musste es ein Gartenschlauch, eine Europalette und ein bisschen Fahnenstoff tun – und eine Genossin, die so lieb war, vor der Konstruktion Handtuch und Klamotten für einen zu halten.
Strom gab es gern mal vom netten Bauern um die Ecke, auch wenn das nicht immer reibungslos funktionierte. So musste die „Microphone Mafia“ beweisen, dass sie auch unplugged was drauf hat. Der Regen hatte wohl auch noch die letzte Stromleitung aufgeweicht.
In Erinnerung geblieben sind den Organisatoren anstatt der vielen tollen Momente, heiß geführten Debatten und durchgefeierten Nächte vor allem die vielen kleinen und großen Pannen. Gern wurde auch einfach mal Wichtiges vergessen, dann mussten – Freitags Nachts – mal eben noch Teile für das Großzelt aus anderen Bundesländern geholt werden.
Teilnehmer der Pfingstcamps in den 90er Jahren haben deshalb nicht schlecht gestaunt, als sie vor zwei Jahren das Gelände des Festivals der Jugend in Köln betreten haben. Von Improvisation war da nichts zu entdecken, stattdessen ein richtiges Festival, mit verschiedenen Zelten, Theken, Bühnen und einer Teilnehmerzahl, von der wir kurz nach der Konterrevolution nur geträumt haben. Einiges ist aber gleich geblieben: Die Teilnehmer sitzen, ob nun bei Regen oder strahlendem Sonnenschein, in den verschiedenen Runden und Workshops und diskutieren was das Zeug hält, um danach die Nacht zum Tag zu machen. Denn wer gemeinsam kämpft soll auch gemeinsam feiern.


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Leserbrief zu »„Wetter“-Fest?«, UZ vom 26. Mai 2017





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