Die erste Rektorin

Waltraut Voss beschreibt das Leben von Lieselott Herforth • Ihr Buch ist aber mehr als eine Biografie
Von Nina Hager
|    Ausgabe vom 19. Mai 2017

Waltraud Voss
Lieselott Herforth
Die erste Rektorin einer deutschen Universität
Transcript Verlag
(Reihe Gender-Studies)
Bielefeld 2016.

Frauen in der Naturwissenschaft oder Mathematik? Die in Europa an Universitäten und Hochschulen betriebene Wissenschaft blieb bis weit ins 19. Jahrhundert, teilweise bis in das 20. Jahrhundert hinein, weitgehend ein Privileg von Männern. Frauen wurde lange sogar der Zugang zum Studium verweigert. Es gab wenige Ausnahmen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland Mädchengymnasien und gab es Bemühungen, die Mädchenausbildung der der „Knaben“ gleichzustellen. Die Universitäten öffneten sich für Frauen in Deutschland erst Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts. Abschlüsse konnten sie aber noch einige Zeit lang nur im Ausland erlangen.

5. Sitzung des Staatsrates der DDR am 9. März 1964. In der Mitte Lieselott Herforth

5. Sitzung des Staatsrates der DDR am 9. März 1964. In der Mitte Lieselott Herforth

( Foto: Bundesarchiv, Bild 183-C0309–0010-003/Junge, Peter Heinz/CC-BY-SA 3.0)

Als Lieselott Herforth (geboren am 13. November 1916 in Altenburg in einer bürgerlichen Familie), über deren Leben die Wissenschaftshistorikerin Waltraud Voss in ihrem im transcript-Verlag erschienenen Buch berichtet, im Wintersemester 1936/37 an der Technischen Hochschule (TH) in Berlin-Charlottenburg ihr Studium aufnahm, waren diese Hindernisse zwar weitgehend beseitigt. Doch auch sie erhielt den Rat: „Heiraten Sie lieber.“ Noch immer waren Frauen, die Mathematik oder Physik studierten, eher die Ausnahme als die Regel. Lieselott Herforth studierte zunächst angewandte Mathematik. Ihr Studium schloss auch Physikvorlesungen ein. Die zur Experimentalphysik hielt damals Hans Geiger – bekannt durch das „Müller-Geiger-Zählrohr“ (1928). Sie bewegten Lieselott Herforth in die Fachrichtung Physik zu wechseln. Nach einer guten Diplomarbeit und bestandener Hauptprüfung war sie seit dem 5. Dezember 1940 Diplom-Ingenieurin (für technische Physik). Eine Bekannte aus dem Studium, Erika Barreau, „Halbjüdin“ im Sinne der faschistischen Rassegesetze, durfte nur als Hörerin an den Vorlesungen teilnehmen. 1940 konnte sie bei Geiger, der sie als Diplomandin annahm, ihre Prüfung ablegen. Als Externe. Was mag aus ihr geworden sein?
Es folgten für Lieselott Herforth Jahre der Unsicherheit und Not. 1943 verlor sie ihren einzigen Bruder, ihr Verlobter kam nicht aus dem Krieg zurück. Oft musste sie in jener Zeit ihre Arbeitsstätte oder den Ort wechseln. Drei Mal wurde sie ausgebombt. 1946 kehrte sie nach Berlin zurück – nach kurzer Zeit ohne Arbeit zunächst als Industriephysikerin in Berlin-Oberschöneweide. Dann wurde sie Doktorandin am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem. Am Tag ihres 32. Geburtstages reichte sie ihre Doktorarbeit ein, die sie erfolgreich verteidigen konnte.
So bewegt wie diese Jahre waren die folgenden gewiss nicht. Doch Zeit für die Gründung einer eigenen Familie blieb nicht, Sorgen um den Vater bewegten sie. Und auch ihr gesundheitlicher Zustand ließ wohl zunehmend zu wünschen übrig. Als Lieselott Herforth am 1. Februar 1949 eine neue Arbeitsstelle in Berlin-Buch im Institut für Biologie und Medizin der neu gegründeten Deutschen Akademie der Wissenschaften (DAW, später Akademie der Wissenschaften der DDR) antrat, das unter der Leitung von Professor Walter Friedrich stand und später zu einem der weltweit bedeutendsten Zentren der medizinisch-biologischen Krebsforschung wurde, eröffneten sich für sie nicht nur neue Forschungsmöglichkeiten, sondern auch die Gelegenheit weitere Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der Industrie sowie in der interdiszplinären Forschung zu gewinnen. Ob sie sich damals bewusst „für den Osten“ entschied oder die Zustimmung zum neuen Staat und zum Sozialismus erst allmählich wuchs, bleibt unklar. Wichtig aber war für sie immer – nicht nur beim Aufbau und Betrieb eines eigenen Labors in Buch, sondern auch in ihren späteren Arbeitsstätten in Leipzig (1954 bis 1960) als Dozentin und am Institut für angewandte Radioaktivität, als Professorin an der TH für Chemie Leuna-Merseburg und ab 1960 an der TH, der späteren Technische Universität Dresden – die Entwicklung des Nachwuches. In Dresden wurde damals die Forschung, an der TH auch die Ausbildung für die Kernenergiegewinnung im Land konzentriert. Hierher kam sie als „Professorin mit Lehrauftrag für angewandte Radioaktivität an der Fakultät Kerntechnik“. Verbunden war der Lehr- mit einem entsprechenden Forschungsauftrag. Mitten in den Umbruch an der Fakultät geraten, musste sie eigene Initiativen ergreifen und Verantwortung übernehmen.
Mit 49 Jahren wurde Lieselott Herforth 1965 erste Rektorin einer deutschen Hochschule, gewählt bereits im November 1964, und blieb das bis 1968. Die DDR-Hochschulreform hat sie als Rektorin noch aktiv mitgestaltet.
1965 berichtete der „Spiegel“: „Lieselott Herforth, 49, sowjetzonale Physikerin, seit 1962 Leiterin des Dresdner Instituts für Anwendung radioaktiver Isotope und seit 1963 Mitglied des DDR-Staatsrats, wurde Rektorin der Dresdner Technischen Universität. Die Naturwissenschaftlerin ist die erste deutsche Universitätsrektorin.“ Immerhin. Trotz der politischen Diffamierung als „sowjetzonal“ musste man ihre Leistung als Physkerin in Forschung und Lehre anerkennen. Es war wohl auch Neid, der in der „Spiegel“-Notiz mitschwang: Die kleinere, wirtschaftlich schwächere DDR war nicht nur im Zusammenhang mit der Gleichberechtigung der Frau dem Westen Jahre voraus.
Mittlerweile hatte Lieselott Herforth neben Forschung, Lehre und Leitungsaufgaben an der TH noch andere Aufgaben übernommen: Seit dem 1. Mai 1963 war sie Mitglied der SED, im gleichen Jahr wurde sie – als Vertreterin des FDGB – Mitglied der Volkskammer der DDR, am 13. November 1963, wie der „Spiegel“ richtig berichtete, Mitglied des Staatsrates. Beiden Gremien gehörte sie bis 1981 an, war aber auch vor Ort und international aktiv. Gern hätte sie danach in Volkskammer und Staatsrat weitergearbeitet. Es muss sie sehr getroffen haben, dass sie diese Tätigkeiten aufgeben musste. Übrigens: Auch als sie – wie alle Frauen in der DDR mit 60 Jahren – im Jahr 1977 in Rente geschickt wurde, war Lieselott Herforth darüber gar nicht glücklich. Gern hätte sie weiter voll gearbeitet. In den folgenden Jahren schrieb sie Artikel und Bücher, begutachtete Dissertationen, pflegte Kontakte. Und sie blieb auch als Mitglied der Gelehrtengesellschaft der Akademie der Wissenschaften der DDR aktiv. Später – nach deren Auflösung im Jahr 1992 (das wäre einer gesonderten Betrachtung wert) – wurde sie Mitglied der Leibniz Sozietät, die durch frühere Akademiemitglieder neu gegründet worden war.
Mit großer Unruhe und Sorge wird sie nach 1990 die Veränderungen auch an der TU Dresden wahrgenommen haben: Der Rückkehr zu den alten Macht- und Eigentumsverhältnissen im Osten folgte die Rückkehr zu alten, zu veralteten Hochschulstrukturen.
Waltraud Voss berichtet über all das sehr ausführlich. Man erfährt in ihrem Buch aber nicht nur etwas über die Lebensstationen der ersten deutschen Rektorin, sondern auch über ihre Lehrer, Kollegen und Schüler sowie über Herforths Familie. Dies wird nicht nur durch Fotos und Dokumente ergänzt, sondern auch durch längere Abschnitte, die – den jeweiligen Kapiteln vorangestellt – die wesentlichen gesellschaftspolitischen Ereignisse, beginnend mit dem Jahr 1933, beschreiben. Man merkt dabei sehr deutlich, wo die Sympathie der Autorin liegen.

Waltraud Voss
Lieselott Herforth
Die erste Rektorin einer deutschen Universität
Transcript Verlag
(Reihe Gender-Studies)
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Leserbrief zu »Die erste Rektorin«, UZ vom 19. Mai 2017





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