Im Fadenkreuz

Günter Pohl zum Tag der Befreiung
|    Ausgabe vom 5. Mai 2017

Mit dem Sieg der Antihitlerkoalition endete am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg. Ein Krieg, den Deutschlands Großindustrie und relevante bürgerliche Kreise, gemeinsam mit der Nazibewegung, die sie zu dem Zweck an die Macht gehievt hatten, 1939 militärisch begonnen hatten.
Seinen Anfang nahm der Krieg lange zuvor. Nicht nur durch eine gigantische Rüstungsmaschinerie, sondern maßgeblich durch die Propaganda der Herrschenden und ihrer Medien. Die Rede vom „raffenden Juden“, vom „aggressiven Bolschewismus“, vom „slawischen Untermenschen“ oder vom „notwendigen Schutz der Sudetendeutschen“ war keine alleinige Erfindung der NSDAP, sondern diese hatte sich immer auch Anleihen aus Altbeständen genommen.
Die Zustimmung für den zweiten Krieg musste geschaffen werden, denn zwanzig Jahre nach 1918 war das Volk nicht kriegsbegeistert. Ähnlich verhält es sich heute, und tatsächlich hat man angesichts der ungeheuerlichen Größe der Verbrechen des deutschen Faschismus und seiner Finanziers einige Jahrzehnte länger als damals gebraucht, um den Menschen wieder etwas von „deutscher Verantwortung in der Welt“ einflößen zu können. Es hat gedauert, aber bei der geistigen Mobilmachung blieben die Medien entscheidend.
Und es geht voran. Mittlerweile sind Bundeswehrsoldaten an vielen Konfliktpunkten präsent und in den Kasernen verfestigen sich Strukturen von Misshandlungen und Rechtsextremismus, die mit dem gern gepflegten Bild vom „Bürger in Uniform“ kaum etwas zu tun haben. Über diese in dreieinhalb Jahren Amtszeit als zuständige Ministerin nicht angegangenen Skandale könnte von der Leyen bald fallen – nicht aber über Kriegseinsätze.
Die Massenmedien – ob in Bild-, Ton- oder Schriftform – sind jedenfalls immer am rechten Platz, heute da und dort auch in Konkurrenz zu den USA. Trump mag man nicht; dennoch stiftet man ihn zu mehr von dem an, was Deutschland sich noch nicht erlauben kann oder darf. 2017 geht es um drei voneinander entfernte Staaten.
Seit Wochen schafft man es im Fall Venezuela unter Ausblendung noch so offensichtlicher Fakten die weit größeren Demonstrationen für die linksgerichtete Regierung unter den Tisch fallen zu lassen und den Forderungen der Opposition – egal zu welchen Mitteln diese greift – jeden Raum zu geben. Egal ist, wenn dieselben Kommentatoren Gewalt gegen die Ordnungskräfte bei 1.-Mai-Demonstrationen in Berlin oder Hamburg verurteilen. Der Widerspruch fällt ihnen nicht einmal auf, so sehr sind sie in ihre Irrationalität verbissen.
Auch Syrien ist im Fadenkreuz: gebetsmühlenartig wird die Version des syrischen Giftgasangriffs wiederholt, auch wenn sich keine Beweise dafür finden lassen und ohnehin jede Logik dagegen spricht, dass die syrische Regierung der „Weltgemeinschaft“ eine solche Vorlage zur Intervention gäbe.
Und die Koreanische Demokratische Volksrepublik? Sie „droht den USA mit einem Atomkrieg“, lässt der WDR in seinen Nachrichten verlauten. Nicht etwa, dass die USA entschieden – noch vor der Präsidentenwahl in Südkorea am Sonntag, weil der aussichtsreichste Kandidat dagegen ist – ein bis über die VR China reichendes Raketenabwehrsystem aufbauen. Nein, die Aggression geht angeblich von der KDVR aus, so kalt berechnend deren Führung die Möglichkeiten eines Friedensvertrags auch auslotet. Deren Rationalität beinhaltet nicht nur die Möglichkeit, sondern auch den Willen zum Gegenschlag; mit allen Konsequenzen.
Der 8. Mai kann nur dann zur Vernunft beitragen, wenn die Friedenskräfte weltweit in die publizistische Offensive kommen. Auch weil die Nachfolgerin der Sowjetunion, die damals für die Freiheit der Menschheit vom Faschismus die größten Opfer brachte, jetzt nach Venezuela, Syrien und der KDVR das nächste Ziel für einen Regime-Change wäre.


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Leserbrief zu »Im Fadenkreuz«, UZ vom 5. Mai 2017





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