Mutter aller Bomben

Hans-Peter Brenner Warum die „MOAB“ in Afghanistan eingesetzt wurde
|    Ausgabe vom 28. April 2017

Hans-Peter Brenner ist stellvertretender Vorsitzender der DKP

Hans-Peter Brenner ist stellvertretender Vorsitzender der DKP

72 Jahre ist es her, dass ein „Kleiner Junge“ mit einem Schlag nicht nur die Militärtechnologie und Kriegsstrategie veränderte. „Little boy“, so hatte das US-Militär die fürchterlichste Massenvernichtungswaffe genannt, die über Hiroshima am 8. August 1945 morgens früh um 8.16 Uhr explodierte. Die Atombombe erreichte eine Sprengkraft von etwa 13 Kilotonnen TNT. Bei der Kernwaffenexplosion starben unmittelbar 20 000 bis 90 000 Menschen; Hunderttausende leiden bis heute an den Spätfolgen der radioaktiven Strahlenbelastung.

Wo ein „kleiner Junge“ sein Unwesen trieb, konnte natürlich auch seine „Mutter“ nicht weit weg sein. Und tatsächlich: „Enola Gay“ – so hatte der Pilot, Colonel Paul W. Tibbets jr., das todbringende Flugzeug, das die Bombe trug, ausgerechnet nach seiner Mutter benannt. Ein „kleiner Junge“ und eine liebe „Mama“ dienten der propagandistischen Umschreibung und Verharmlosung des bis dato größten Kriegsverbrechens.

Doch das ist nicht nur Geschichte. Sie wird gerade fortgesetzt durch „MOAB“, die „Mutter aller Bomben“. Sie wurde jetzt erstmals von den USA in Afghanistan eingesetzt. Die „Massive Ordnance Air Blast“ (Abkürzung MOAB, Verballhornung als „Mother of all bombs“) ist die sprengkraftstärkste konventionelle Fliegerbombe im Arsenal der US-Streitkräfte. Ihre Wirkung beruht vor allem darauf, dass sie nicht am Boden, sondern kurz darüber explodiert und so eine enorme Druckwelle erzeugt. Darüber hat sie eine von den Militärs besonders geschätzte „psychologische Wirkung“.

„MOAB“ – existiert zwar schon seit etlichen Jahrzehnten, aber erst jetzt wurde sie unter Kriegsbedingungen eingesetzt. Das geschah nur wenige Tage, nachdem US-Präsident Donald Trump seine Cruise Missiles gegen Syrien losschlagen ließ und damit Klarheit auch in den Köpfen der allerletzten, von einer „größeren Verständigungsbereitschaft mit Putin“ schwadronierenden Journalisten schuf. Der Einsatz der „MOAB“ – angeblich gegen ein sonst nicht zu zerstörendes Tunnelsystem des „IS“ in Afghanistan – soll angeblich „nur“ 36 Tote gekostet haben. Wozu dann diese gewaltige Zerstörung? Es ist ganz klar, dass es hier um ein weiteres düsteres Kapitel der „Psychologischen Kriegführung“ geht. Der russischen Regierung und der ganzen Welt soll demonstriert werden, dass der Raketenüberfall auf Syrien nur die erste Stufe einer bis an die Atomkriegsschwelle reichenden Verschärfung der Aggressionsbereitschaft der USA ist.

Ich weiß nicht, ob den heutigen Militärs und Journalisten, die von „MOAB“ schwärmen, die Geschichte des alttestamentarischen Volks der Moabiter bekannt ist. Nach dem 4. Buch Moses („Numeri“) hatte Jahwe die auf ihrem Durchzug nach Kanaan im Lande der Moabiter verweilenden Israeliten verflucht. Allzu bereitwillig hatten sie sich nämlich der Kriegslist des Königs von Moab ergeben, der eine Vermischung der beiden Völker und Religionen organisieren wollte. („Da fing das Volk an zu huren mit den Töchtern der Moabiter.“) Jahwe verbreitete daraufhin eine „Plage“ unter den Israeliten, die 24 000 Mann (Numeri 25,9) tötete.

Und dann sprach er zu Moses: „Nimm alle Oberen des Volks und hänge sie vor dem HErrn auf im Angesicht der Sonne, damit sich der grimmige Zorn des HErrn von Israel wende.“ Warum sollte eigentlich gegenüber den heutigen Freunden von „MOAB“ nicht ein ähnliches Urteil verhängt werden?


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Leserbrief zu »Mutter aller Bomben«, UZ vom 28. April 2017





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