Gernika – 80 Jahre danach

Von Gabriele Senft
|    Ausgabe vom 28. April 2017
"Auf dem Wandgemälde, an dem ich arbeite und das ich Guernica nennen werde, und in all meinen letzten Werken, bringe ich deutlich meine Abscheu vor der militärischen Kaste zum Ausdruck, die Spanien in einen Ozean von Leid und Tod versenkt hat.“ Picasso (Foto: Gabriele Senft)

„Als es vorbei war, kamen die Menschen ins Freie. Niemand weinte. Ihre Gesichter zeigten Erstaunen. Keiner von uns konnte verstehen, was er sah.“ Alberto de Onaindia, Augenzeuge der Bombardierung von Guernica (baskisch Gernika) 1937.

80 Jahre sind vergangen seit diesem Tag, an dem das faschistische Deutschland die Gelegenheit ergriff, im Auftrag des Putsch-Generals Franco neueste Militärtechnik gegen eine wehrlose Stadt einzusetzen. Die „Legion Condor“ war als Unterstützung der Putschisten gegen die rechtmäßige republikanische Regierung nach Spanien geschickt worden und zerstörte am 26. April 1937 mit Unterstützung der italienischen Luftwaffe systematisch das Stadtzentrum der Kleinstadt Gernika. Dabei wurden vorsätzlich Zivilisten getötet, denn eine militärische Bedeutung, außer der Erprobung neuer Waffen, hatte dieser Terrorangriff nicht. Es war eine Probe für den kommenden großen Krieg, für die deutschen Angriffe auf Rotterdam, Coventry und andere Städte. Kurze Zeit nach der Bombardierung wurde die Stadt durch nationalistische Truppen eingenommen. Damit war auch die kurze Zeit eines autonomen Baskenlandes innerhalb der Spanischen Republik beendet.

Franco versuchte, die Welt zu belügen und beschuldigte die baskische Regierung sowie die abziehenden Verteidiger der Spanischen Republik der Vernichtung Gernikas. Doch internationale Journalisten, vor allem der Brite George Steer, der in seinen Berichten und Fotos in der „Times“ und „New York Times“ das wahre Ausmaß der Zerstörung zeigte, rüttelten die Welt auf. Pablo Picasso prangerte im Juli 1937 mit dem Monumentalgemälde „Guernica“ bei der Pariser Weltausstellung die Faschisten an und schuf eine eindringliche, noch heute andauernde Anklage gegen Krieg.

Es werden Parallelen zu der über ein halbes Jahrhundert später zerstörten Kleinstadt Varvarin in Serbien offensichtlich. In beiden Fällen kamen die Mörder aus der Luft an einem Markttag und die kleinen ländlichen Gemeinden waren ohne Verteidigung. Vor dem Krieg Geflüchtete hielten sich Schutz suchend an scheinbar sicherem Ort auf, in Gernika vor Angriffen auf die umkämpfte Stadt Madrid, 1999 in Varvarin vor NATO-Bomben auf serbische Industrie.

Ein weiteres aufschlussreiches Beispiel: 2003, als vor dem UN-Sicherheitsrat die Welt durch die Lüge von im Irak lagernden Massenvernichtungswaffen zur Befürwortung des Krieges verführt werden sollte, versteckte man die im Saal in Originalgröße an der Wand befindliche Kopie des Antikriegsbildes „Guernica“ hinter einem Vorhang, die Wirkung des Gemäldes auf eine Entscheidung fürchtend.

Gernika war nicht die erste durch Bomben zerstörte Stadt. Der Ort hat allerdings eine hohe Symbolkraft, weil er für die Basken das Zentrum ihrer Geschichte des Ringens um Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet.


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Leserbrief zu »Gernika – 80 Jahre danach«, UZ vom 28. April 2017





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