Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 14. April 2017

Tabula rasa
Die Statue des marxistischen Philosophen Georg Lukács soll aus dem St.-István-Park in Budapest entfernt werden. Die neofaschistische Jobbik-Partei, eng verbunden mit der Regierung von Victor Orbán und dessen Fidesz-Partei, hat sowohl die Ungarische Akademie der Wissenschaften wie auch die Stadtverwaltung der Hauptstadt gezwungen, massiv gegen die Person und das wissenschaftliche Erbe von Georg Lukács vorzugehen.
Diese Statue, das hervorragende Werk des Bildhauers Imre Varga, wurde für den St.-István-Park konzipiert. Zusammen mit dem Geländer, auf das sich der Philosoph stützt, ist es nur in dieser Umgebung, nämlich am Ufer der Donau, vorstellbar.
Zuvor wurde die Zerschlagung des Lukács-Archivs beschlossen, bisher in der ehemaligen Wohnung des Philosophen nicht nur untergebracht, sondern auch als internationale Forschungsstätte genutzt. Ein Titel von Lukács ist sicherlich vielen bekannt: Geschichte und Klassenbewusstsein. Im Aisthesis Verlag ist gerade Band 1 einer neuen Werkausgabe erschienen mit frühen Texten.
Gegen die Bilderstürmer und die Brutalität des Vorgehens gibt es nationalen wie internationalen Protest, auch in Form von Online-Petitionen.

Imperialismus auch bei der Kultur
Italien will zumindest in Sachen Kultur seine internationale Führungsrolle geltend machen – und lud in der letzten Woche zum ersten Treffen der Kulturminister der sieben führenden Industrienationen nach Florenz ein. Jetzt also auch diese Spezis im Nachklapp zu den unsäglichen Treffen von Regierungschefs, Finanz-, Wirtschafts- und Außenministern.
Für Deutschland ist die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Maria Böhmer, dabei. (Kleine Randbemerkung: Im Bundeskanzleramt sitzt eine Staatssekretärin für Kultur und Medien, die sollte, aber aus welchen Gründen auch immer, nicht dabei sein). In Florenz beriet sie mit den Politikern aus Italien, Großbritannien, Frankreich, Japan, Kanada und den USA und mit Experten aus Kultur und Wissenschaft über Kunst und Kulturgüterschutz, Denkmalschutz und Kultur als „Dialogins­trument“. Dieses Wort ist absoluter Nonsens und soll die konkreten Absichten die verfolgt werden, verschleiern. Man will die verschiedenen Initiativen aus verschiedenen Ländern, aber auch von vielen Nichtregierungsorganisationen in Zukunft stärker bündeln und harmonisieren. Außerdem setzen sie sich sehr dafür ein, dass der illegale Kulturgüterhandel gestoppt wird. Die Bundesregierung ist dabei auch aktiv, ihr neues Gesetz gilt aber erst für Kunstwerke, die nach 2007 ins Land kamen, alles Frühere bleibt schön in Museen und bei privaten Sammlern (siehe UZ vom 30.9.2016).

Die Macht der Intendanten
Die Vereinigung „ensemble-netzwerk“ hat sich vor einiger Zeit in deutlicher Form von der GDBA, der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, abgesetzt. Die mehr als 400 Mitglieder, zumeist Schauspielerinnen und Schauspieler, wollen die in ihren Augen lasche und wenig effektive Interessenvertretung der GDBA nicht weiter mittragen.
Vor wenigen Tagen kritisierte das Netzwerk die „autokratische“ Entscheidungsfindung an deutschen Theatern und Bühnen. Trotz eines gewaltigen Reform- und Sanierungsstaus, trotz Überlastung der Beschäftigten durch Überproduktion verzeichne man nur halbvolle Kassen, an den Entscheidungen seien nur Intendanten, kaufmännische Geschäftsführer und Kommunalpolitiker beteiligt.
Das Netzwerk kritisiert ebenfalls den Deutschen Bühnenverein, die Dachorganisation aller Theater und Bühnen der Republik. Dort herrschten „kurfürstliche Strukturen“, der Bühnenverein leiste viel zu wenig, um Bühnen in Krisensituationen zu schützen.
Das nächste Treffen der Vereinigung findet vom 12.–14. Mai in Potsdam statt.


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