Masken, Maskottchen und Millionen

Der 26. Spieltag in der 1. Fußball-Bundesliga
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 7. April 2017

( M.Westphal / Lizenz: CC-by-sa-4.0)

Hoffenheim wird mir noch unsympatischer als früher. Der Kasperclub haut Hertha mit 3:1 aus dem eigenen Stadion und das scheint an einem 28-Jährigen zu liegen. Der ist aber nicht Stürmer, wie zu vermuten wäre, sondern Trainer, und ich glaube, ein verdammt guter. Eigentlich nicht zu glauben, aber ich mag den Typen auch noch. Irgendwie keck und frisch und völlig unarrogant. Aber warum trainiert er dann Hoffenheim?
Red Blöd Leipzig gewinnt – oh Wunder – gegen nicht bundesligareife Darmstädter mit 4:0, sogar ohne den fiesen Timo Werner, der verletzt von der Tribüne mit einer Getränkedose grüßt. Somit hat Darmstadt eine Auswärtsbilanz von 4:31 Tore. Klingt eher nach Grün-Braun Schwerte-Geisecke in der Kreisliga C. Und Tschüss.
Das Revierderby zwischen Schalke und Dortmund war weder Fisch noch Fleisch und endete dementsprechend gerecht 1:1. Kurios dabei: wie Verlierer durften sich danach alle fühlen, die Dortmunder, weil sie hätten locker 3:0 führen müssen und die Schalker, weil sie in der Nachspielzeit beim Stand von 1:1 einen absolut berechtigten Elfmeter nicht bekamen. Albern: Aubameyangs Maskenjubel und Schalkes Maskottchen, welches erst vor den BvB Fans rumhampelt und dann dem Schiedsrichter die rote Karte zeigt. Vielleicht mal zum Alkoholtest schicken den Kollegen.
Werder Bremen gewinnt mit sagenhaften 5:2 gegen Freiburg und beginnt dabei mit einem Traumtor in den Winkel von Kruse. Das ist auch deshalb lustig, weil Kruse mit seiner Pocke immer ein bisschen so aussieht, als käme er gerade vom Pasta-Essen. Ein Modellathlet sieht wirklich anders aus, aber egal, der Junge macht verdammt viel richtig mit dem Ball. Platz 11 für Werder – und damit ziemlich gesichert – das freut mich, denn ich mag Werder schon ewig, warum auch immer. Freiburg allerdings auch, aber die stehen auch nach den null Punkten ganz fesch da auf Platz 8.
Der HSV hat irgendetwas verstanden, welches ich nicht vermutet hätte und gewinnt gegen Köln durch Kampf bis in die Nachspielzeit. Was der kleine Holtby da zum Schluss rackert, bis das Runde endlich im Eckigen ist, das hat schon Beifall verdient.
Frankfurt spielt mit elf Mann gegen einen Gladbacher, was ziemlich ungerecht erscheint. Der eine Gladbacher allerdings ist Torwart und nutzt die Sonderreglung des „mit den Händen spielen Dürfens“ vollends aus. Selbst einen Elfmeter können die Frankfurter nicht an ihm vorbeibringen und somit kann ein elf gegen eins auch mal 0:0 ausgehen.

Überhaupt scheint da im „Mittelfeld“ – zwischen Platz 16 und Platz 6 liegen nur 8 Punkte – so ziemlich alles drin zu sein. Das ist spannend. Ansonsten: unten ist nur noch Grütze (Darmstadt, Ingolstadt) und Platz eins ist so klar und langweilig, dass jede Partie Wettklöppeln mehr Adrenalin hervorruft. 6:0 spielt das Hoenische Ensemble gegen Augsburg und ich bin mir relativ sicher, dass eigentlich kein Spieler der Bayern danach zum Duschen musste. Hier von Wettbewerbsverzerrung zu reden wäre Unsinn, ein Wettbewerb zwischen 566 Millionen (FC Bayern) und 62 Millionen (Augsburg) ist nämlich keiner. Überhaupt könnte man die Tabelle vorab direkt eins zu eins aus den Etats der Erstligisten kopieren (mit leichten Abweichungen – Schalke und Leverkusen müssten höher stehen und Red Blöd Leipzig etwas tiefer), Bayern München vorm ersten Spieltag die Schale überreichen und den Rest des Sommers im Schrebergarten herumliegen, da würde man die Samstag Nachmittage auch nicht in teuren Cafés verbringen und zu viel Bier vor 18 Uhr trinken.
Andererseits: Wenn sich unser gemischter hetero/lesbischer Stammtisch trifft, ist Fußball eh die schönste Nebensache der Welt. Da geht es um Beziehungen und Dramen, Erdogan und vegane Ernäherung, verzweifeltes Wohnungssuchen und den Kampf gegen die fette Henne im Garten, um Hunde und Katzen, Kinder und andere Störenfriede und die Theorie, dass eh nur ein Tor fällt, wenn denn nun mal endlich jemand von uns aufs Klo geht, was häufig klappt, aber nicht immer. Und wenn dann doch mal eines fällt, springen alle auf und klatschen sich ab und der Nachbartisch grölt und prostet rüber und die Sonne geht auf und die Vögel singen. Schön das. Würde ich irgendwie doch schwer vermissen, unsere Samstage.


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Leserbrief zu »Masken, Maskottchen und Millionen«, UZ vom 7. April 2017





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