Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 7. April 2017

Vermittlung
Michel Abdollahi, auf der einen Seite Redakteur beim NDR und zum anderen Mitinitiator und Moderator des Poetry-Slam-Lapels „Kampf der Künste“, hat im Hamburger Ernst Deutsch Theater den mit 15 000 Euro dotierten Gustaf-Gründgens-Preis erhalten. Er spendete das Geld direkt für ein Projekt zugunsten unbegleiteter Flüchtlinge.
2015 wurde er bekannt für seine Fernsehdokumentation „Im Nazidorf“. Rund vier Wochen lang hielt er sich in Jamel (Kreis Wismar) auf, Wohn- und Lebensmittelpunkt für nicht wenige Neofaschisten. Freimütig plauderten sie in die Kamera über ihre Ansichten und Absichten und offenbarten banal-brutale Ideen. In Jamel lebt, fast völlig isoliert, das Ehepaar Lohmeyer, denen 2015 die Scheune abgefackelt wurde. Für diesen Film erhielt Abdollahi den Deutschen Fernsehpreis.
Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass er ein Publikum für eine neue darstellende Kunstform begeistert und jungen Menschen den Zugang zu Sprache, Poesie und Theater vermittelt habe. Michel Abdollahi, 1981 in Teheran geboren, ist seit dem Jahr 2000 in der deutschsprachigen und europäischen Poetry-Slam-Szene aktiv.

Geld und Geist
In Düsseldorf gibt es heftigen Streit. Eine Gastdozentur an der Robert-Schumann-Musikhochschule soll verlängert werden, der bisherige Professor Dieter Falk, gewünscht von den Hochschulgremien und der Studentenschaft als auch von der Stadt Düsseldorf, möge bitte über das laufende Semester hinaus an der Hochschule tätig bleiben. Die Studierenden begründen ihre Bitte um Verlängerung mit seiner Nähe zur aktuellen Musikbranche, seinen umfassenden Stilkenntnissen und musikalischen Fähigkeiten. Die Stadtspitze setzt sich politisch dafür ein, die Hochschule ist bereit, die Hälfte der jährlichen Kosten von 50 000 Euro zu tragen, aber die lokale Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP ist vehement dagegen. Die Begründung, es sei „nicht städtische Aufgabe, eine Stelle in einem Landesinstitut zu bezahlen“, ist typisch für kulturpolitische Banausen. Die Hochschule selbst wird natürlich vom Land getragen, von dieser Gastprofessur profitiert aber gerade die städtische Kultur durch die von Falk gesuchte und gefundene Nähe zu den Künstlerinnen und Künstlern, die in Düsseldorf leben und arbeiten.

Spannende Mediengeschichte
In jahrelanger Arbeit hat Hans Sarkowicz, Redakteur beim Hessischen Rundfund, eine Sammlung aus NS-Propaganda und den Gegenstimmen des vielfältigen Widerstandes zusammengestellt.
In acht Hörbuch-CDs, komprimiert und kommentiert, erlebt der Hörer den deutlichen Kontrast zwischen faschistischen Kriegs- und Vernichtungsreden und den eindringlichen Reden und Aufrufen der Antifaschisten. Sarkowicz wurde besonders im Deutschen Rundfunkarchiv fündig, aber auch in Moskauer und Washingtoner Archiven. Ein Radiokrieg fand statt, gegen das bombastische Getöse aus Berlin wurde nicht nur über die bekannten Sender gegengehalten, je näher die Front sich nach Deutschland schob, desto mehr Störattacken gegen die NS-Sender konnten erfolgreich durchkommen. Natürlich hört man die sich überschlagenden Stimmen von Hitler, Goebbels, Göring und ihrer Vasallen, besonders wertvoll sind jedoch die mahnenden, emotionalen und aufklärerischen Reden und Aufrufe z. B. von Bert Brecht, Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Albert Einstein und deutscher Soldaten, die im Nationalkomitee Freies Deutschland arbeiteten und sich an ihre verblendeten oder verängstigten Kameraden im Rock der Wehrmacht wendeten.
Hans Sarkowicz: Geheime Sender. Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler. Hörbuch, acht CDs. Der Hörverlag, 35 Euro


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 7. April 2017





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.