Kühler Chronist

Hans Scherfig – Schriftsteller und Kommunist
Von Gesine Pillardy
|    Ausgabe vom 31. März 2017

Hans Scherfig (1905–1979) gehört zu den meistgelesenen Autoren Dänemarks. Er schuf zahlreiche satirische und gesellschaftskritische Romane und Erzählungen, denen eine kompromisslose Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft gemein ist. Wohl aus diesem Grund hat ihn die bürgerliche Presse nahezu ausnahmslos nicht zur Kenntnis genommen. Unverwechselbares Kennzeichen Scherfigs als Autor ist sein unterkühlter Erzählton. Seine Romane sind getragen von einem trockenen, beißenden Spott. Scheinbar unbeteiligt registriert er die absurdesten gesellschaftlichen Missstände und schaut hinter alle menschlichen Maskeraden.
Hans Scherfig wuchs als Sohn einer bürgerlichen Familie in Kopenhagen auf. Er entwickelte sich zum überzeugten Marxisten und trat 1932 in die Kommunistische Partei ein. Während des Zweiten Weltkrieges wurden ihm Veröffentlichungen nicht gestattet. Als Kommunist war er überdies weiteren Repressionen ausgesetzt: Gemeinsam mit etwa 300 dänischen Kommunisten wurde er im dänischen Lager Horserød interniert, kam wegen drohender Erblindung aber wieder frei.
Der Roman „Schloss Frydenholm“ ist mit über 500 Seiten Scherfigs umfassendstes Werk und beschreibt die Zeit der deutschen Besatzung Dänemarks während des Faschismus. Im Zentrum des Romans stehen weniger die deutschen Besatzer als vielmehr das Verhalten der dänischen Gesellschaft während dieser Zeit. Er attestiert der gesamten Bevölkerung, vom König bis zum Bauern, vom Minister bis zum Arbeiter ein totales Versagen. Krone, Politik und Wirtschaft haben sich zunächst widerstandslos ergeben und anschließend im großen Umfang wirtschaftlich von der Zusammenarbeit mit dem faschistischen Deutschland profitiert. „Schloss Frydenholm“ ist ein politischer Dokumentarroman, akribisch recherchiert, mit nüchterner und minimalistischer Erzählweise. Er will zunächst festhalten, dann unterhalten. Trotz der ernüchternden, weil nichts beschönigenden Beschreibung des Verhaltens der dänischen Gesellschaft zur Besatzungszeit ist es kein Buch, das hoffnungslos stimmt. Ein, wenn auch kleiner Teil von Scherfigs Protagonisten stellt sich den Umständen entgegen, gibt durch seine konsequente und mutige Haltung Vorbild und Hoffnung. Erwähnt sei hier neben dem kommunistischen Widerstand die beispiellose Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943, bei deren Organisation und Durchführung dänische Fischer eine zentrale Rolle spielten.
Neben „Schloss Frydenholm“ sind mehrere Romane und Erzählungen Scherfigs in die deutsche Sprache übersetzt und in Ost- wie Westdeutschland veröffentlicht worden.
In seinem Heimatland musste Hans Scherfig lange auf eine offizielle Anerkennung warten. Erst im Jahr 1973, sechs Jahre vor seinem Tod, erhielt er den Großen Literaturpreis der Dänischen Akademie. Seine Dankesrede zur Preisverleihung leitete er mit den Worten ein: „Ich empfinde jene Dankbarkeit, die ein Mann empfinden muss, dem ein Rettungsring gereicht wird, nachdem er ans Ufer gelangt ist.“ Das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld von 50 000 Kronen schenkte Scherfig der kommunistischen Tageszeitung „Land og Folk“ als Dank für die Redefreiheit, die er dort erhalten habe, als andere Zeitungen ihm verschlossen blieben.
Hans Scherfigs Geburtstag jährt sich am 08. April zum 112. Mal. Auch wenn seit der Erstveröffentlichung seiner Romane mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen ist, ist seine Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft von erstaunlicher Aktualität. Seine Bücher sind im deutschen Buchhandel zwar vergriffen, im antiquarischen Handel aber zahlreich vorhanden und günstig zu erwerben. Es lohnt sich, sein Werk (wieder-)zu entdecken.


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Leserbrief zu »Kühler Chronist«, UZ vom 31. März 2017





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