Auch „in Deutschland brodelt es schon …“

Die Februarrevolution in Russland mobilisierte das Proletariat
Von nh
|    Ausgabe vom 31. März 2017
Berlin 1917: Schlange vor einem Lebensmittelgeschäft. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-N0703–343/CC-BY-SA 3.0)
Berlin 1917: Schlange vor einem Lebensmittelgeschäft. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-N0703–343/CC-BY-SA 3.0)

Proteste gegen den Krieg gab es vor Ausbruch des 1. Weltkrieges in vielen Ländern Europas – auch im Deutschen Kaiserreich. Hunderttausende nahmen an Aktionen teil. Doch der Verrat rechter sozialistischer bzw. sozialdemokratischer Führer lähmte zeitweise den Protest und desorientierte viele Arbeiterinnen und Arbeiter.
Im deutschen Kaiserreich brachte die Verhaftung Karl Liebknechts nach einer Antikriegsrede auf dem Potsdamer Platz in Berlin am 1. Mai 1916 eine „Wende“. Liebknecht wurde verurteilt. Im Juni 1916 kam es zu ersten politischen Massenstreiks. Erst Anfang 1917 kam es in mehreren Ländern Europas wieder zu größeren Meutereien und Streikbewegungen gegen den Hunger und den Krieg – vor allem die Februar-Revolution in Russland führte zu einem Aufschwung der Widerstandsaktionen. So in Österreich, Deutschland und Frankreich, wo nach der fehlgeschlagenen Nivelle-Offensive am Chemin des Dames (April-Mai) im Norden Frankreichs im Frühjahr 1917 Soldaten meuterten.
Die Streikwelle des Jahres 1917 begann im Januar in Österreich im Wiener Neustädter Industriegebiet – dort waren auf dem Höhepunkt 40 000 Arbeiterinnen und Arbeiter im Ausstand –, bei Brevillier & Urban in Neunkirchen und in den Schoeller-Werken in Ternitz, also in den, neben der Obersteiermark und Böhmen, größten Zentren der Rüstungsindustrie der k. u. k. Monarchie.
Auch im deutschen Kaiserreich machten Arbeiter und Arbeiterinnen. die während des „Kohlrübenwinters“ große Not zu leiden hatten. ihrer Unzufriedenheit durch zahlreiche Streiks und Lebensmittelunruhen Luft. Die katastrophale Versorgungslage, der Mangel an Brennstoff führten zur Zunahme schwerer Erkrankungen, hemmungslose Arbeitshetze und die fortwährende Erhöhung der Arbeitszeiten zu Betriebsunfällen.
Im Januar und Februar 1917 gab es in den Berliner Rüstungsbetrieben unter dem Einfluss revolutionärer Obleute mehrtägige Streiks für eine bessere Lebensmittelversorgung und höhere Löhne. In der Zeit vom 16. bis 22. Februar griff eine Streikwelle in den Bergbaurevieren und Metallbetrieben des Rhein-Ruhr-Gebietes und Westfalens um sich. erfasste anfangs 10 000 bis 15 000 Arbeiter und erreichte am 29. Februar die Zahl von 20 000 Streikenden. Zu weiteren Massenaktionen kam es im März 1917 in Barmen. Bremen. Hamburg. Kiel und Nürnberg. In allen Teilen des Reiches häuften sich die Lebensmittelunruhen.
In dieser Situation des sich verschärfenden Klassenkampfes in Deutschland brach im März 1917 in Russland die Revolution aus. Der Sturz des Zarismus durch die russischen Arbeiter und Bauern wirkte auch in Deutschland aufrüttelnd und mobilisierend und beschleunigte den Revolutionierungsprozess in der Arbeiterklasse. Es begann eine neue Phase des Kampfes um Frieden, Brot und Demokratie.
Bereits am 26. März 1917 wandte sich das preußische Kriegsministerium an den Reichskanzler Bethmann Hollweg, um zu warnen: „Die … Linksparteien suchen die russische Revolution für ihre Zwecke auszubeuten und steigern dadurch die politische Begehrlichkeit. Die Einigkeit in Volk und Heer und der geschlossene Volkswille zum Siege müssen darunter leiden. Berichte aus der Front bestätigen bereits diese Wirkung bei den Truppen.“
Der Wirkung der russischen Revolution konnten sich selbst die rechten und zentristischen Führer der Sozialdemokratie nicht entziehen.
Lenin schrieb in seinem „Abschiedsbrief an die Schweizer Arbeiter“: „In Deutschland brodelt es schon in der proletarischen Masse, die durch ihre beharrliche, hartnäckige und ausdauernde Organisationsarbeit in den langen Jahrzehnten der europäischen ‚Windstille‘ von 1871 bis 1914 der Menschheit und dem Sozialismus so viel gegeben hat.“ (LW, Bd. 23, S. 386) Einen ersten Höhepunkt erlebte dieser Kampf mit den Aprilstreiks 1917 – wesentlich mitbefördert durch die Spartakusgruppe. Über eine halbe Million traten am 16. April in den Streik, der eindeutig politischen Charakter trug: in Berlin, Braunschweig, Halle, Leipzig, Magdeburg usw. Allein in Berlin waren über 300 000 Arbeiterinnen und Arbeiter im Ausstand. In der Knorr-Bremse AG wurde in jenen Tagen im Kampf gegen den imperialistischen Krieg nach Vorbild der russischen Revolution und auf Grundlage einer Orientierung der Spartakusgruppe der erste Arbeiterrat Deutschlands gebildet.


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