Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 24. März 2017

Viel Lärm um Nichts
Vom 23. bis 26. März findet in diesem Jahr die Leipziger Buchmesse statt. Während die Zahl der Aussteller langsam, aber kontinuierlich sinkt (nur kaschiert durch eine sogenannte „Manga Convention“), wird das ‚Lesefest Leipzig liest‘ immer gigantischer.
Insgesamt rund 3 400 Veranstaltungen auf über 570 verschiedenen Bühnen sollen an diesen vier Tagen die neuesten deutschsprachigen Werke und ihre Autoren vorstellen. Der schlichte Dreisatz hilft, um sich bei geschätzten 250 000 Besuchern der Messetage die durchschnittliche Zahl der Interessierten auszurechnen. Dieses Programm zeichnet sich bei solchen Größenordnungen durch Beliebigkeit aus, das Statement des Direktors der Messe Oliver Zille „die Leipziger Buchmesse ist seit jeher ein Ort der politischen Debatten“, noch nie war die Notwendigkeit und das Bedürfnis der Öffentlichkeit so groß, sich über unsere gesellschaftliche Gegenwart und Zukunft auszutauschen wie in diesem Jahr“, ist nur noch aufgeblasenes Marketinggeschwätz.
Das diesjährige Gastland ist Litauen mit rund 60 Veranstaltungen. Voller Stolz wird man ganze 26 Neuerscheinungen präsentieren und in einer Reihe von Debatten Begründungen dafür abliefern, warum dieses Land sich der EU und den „westlichen Werten“ dargebracht hat. Dazu gehört z. B. auch ein so schönes Thema wie „Chiffren, Mythen und Schweigen in sowjet-litauischer und DDR-Literatur“.
Innovationen
Reden die Herrschenden von Fortschritt, geht es meistens um technische Neuerungen oder Steigerungen ökonomischer Kennzahlen. Immer wichtiger werden jedoch nichttechnische Innovationen – ein Kernmerkmal der Kultur- und Kreativwirtschaft. Darum geht es in einem Forum Neue Perspektiven: Innovation in und mit der Kultur- und Kreativwirtschaft am 29. März in Darmstadt.
Aus der Einladung: „Wir nähern uns dem Innovationsbegriff aus verschiedenen Perspektiven und diskutieren Wirksamkeit, Wahrnehmung und Chancen in Hinsicht auf den Input und die Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Veranstaltung richtet sich an Menschen, die an der Schnittstelle zur oder in der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten.“
Man will diesen Anspruch einlösen in gut zwei Stunden, womit klar ist, dass die Macher nur etwas Schminke brauchen, um ihre Absichten hübsch zu machen.
Den Auftrag der Ministerien (BMWi und Staatsministerin für Kultur) für eine umfangreiche Studie, diese Veranstaltung und die weitere Begleitung des Projekts erhielt die Firma Technopolis Deutschland GmbH, ein klassischer „Think Tank“ zwischen Industrie und Politik.
Der Fokus dieser Studie liegt auf Aspekten der Innovationsförderung, wie sie vom Auftraggeber dieser Studie gewünscht wird. Sie impliziert,dass eine gewisse Marktorientierung des Innovationsprojektes gegeben sein muss, um als Empfänger eine Förderung im Bereich Innovationsförderung erhalten zu können. Schließlich wurden gemeinwohlorientierte Innovationen für diese Studie nicht in den Fokus genommen, wenngleich sie allgemein (etwa in sozialpolitischen Kontexten) durchaus förderwürdig sein können. Allerdings können auch mit primär marktorientierten Innovationen Verbesserungen „sozialer Art“ verbunden sein. Analysen von Anreizmechanismen sowie systemische Grundbedingungen für ein dynamisches (nichttechnisches) Innovationsgeschehen stehen im Vordergrund. Diese sind vor allem im Kontext von markt-orientierten Innovationen relevant. So sind z. B. Überlegungen zur Aneignung von Innovationsrenditen im Kontext von gemeinwohlorientierten Innovationen keine adäquate Herangehensweise.
Mit diesem Schwall will eigentlich nur eines gesagt werden: Uns interessiert nicht, was die soziale und kulturelle Situation der Bevölkerung verbessern könnte, uns interessieren Renditen.


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