Wahlen 2017

Alleine ist eben doof

Erfahrungen beim Sammeln von Unterschriften – Aus dem Wahlkampftagebuch von Nora aus Berlin
|    Ausgabe vom 24. März 2017

Donnerstag, 2. März, 14.00 Uhr: Wir sind zu zweit und stehen vor dem Kino Colosseum im inzwischen bürgerlichen Prenzlauer Berg. Pünktlich zu unserer Verabredung setzt Regen ein, und ein mittelstarker Wind pfeift uns um die Ohren. „Berlin zeigt sich von seiner schönsten Seite“, denke ich und beginne zögerlich. das Klemmbrett auszuwickeln.
Da, wie zu erwarten – wir aber nichts unversucht lassen wollten – die Besuchermassen zur Nachmittagsvorstellung des neu angelaufenen Kinofilms „Der junge Marx“ ausbleiben, beschließen wir, vorbeihastende Passanten anzusprechen. Sicherlich, die meisten haben es sehr eilig, keine Zeit und lebenswichtige Termine, aber immerhin schaffen wir es, in einer halben Stunde fünf Unterstützer zu gewinnen, darunter eine Frau, die mir erst wortlos das Klemmbrett aus der Hand nimmt und dann beim Zurückgeben ganz beiläufig erwähnt, dass sie seit Jahren zum UZ-Pressefest fahre.
Und eine andere Frau, die ihren Kinderwagen dann doch kurz zum Stehen bringt und mir erklärt: „Nee, eigentlich bin ich eher so bei den Grünen, also inhaltlich“. Worauf ich ihr mit der Frage antworte, ob sie denn nicht der Meinung sei, dass angesichts des Rechts(d)rucks in diesem Land durch AfD usw. ein breites linkes Spektrum als Gegengewicht gebraucht werde. „Nun ja, …schon…und wegen der Vielfalt und so“, murmelt sie als sie dann den Formularbogen ausfüllt.

Fünf Stunden später, gleicher Ort, zwischen Nachmittags- und Abendvorstellung: Wir sind wieder zu zweit und die erste halbe Stunde verläuft sehr zäh – Großstädter sind einfach zu hektisch! Dann unterschreibt der Erste und bald werden es mehr. Nicht bei allen Gesprächen mit den Unterzeichnenden ergibt sich die Frage, ob sie wegen des „Marx“- Films hier seien, doch wenn es sich ergibt, dann stellt sich heraus, dass das selten der Fall ist. Außerdem beobachten wir, dass es besser ist, die Leute nach(!) der Vorstellung anzusprechen, weil sie dann viel entspannter sind als vorher, wenn sie an ihre Karten wollen.
Nach einer reichlichen Stunde packen wir mit steifen Fingern die klamm gewordenen Formblätter ein und zählen ihrer 20. Unser Fazit für diesen Tag ist, dass unter diesen erschwerten Bedingungen (Wetter, Milieu) 25 Unterschriften ein gutes Ergebnis darstellen und dass ein Kino als Sammelpunkt sich immer eignet. Deshalb beschließen wir am nächsten Tag wieder hinzugehen.

Freitag, 3. März, gleicher Ort: Diesmal bin ich allein „in Aktion“ und zähle am Ende ganze 12 korrekt ausgefüllte Formblätter. Doch der Erfolg fühlt sich irgendwie gar nicht so an. Alleine ist eben doof.

Samstag, 4. März, Demo gegen Rassismus, Rosenthaler Platz: Ich habe nur eine gute Stunde, bevor der Demo-Zug sich in Bewegung setzt, um an diesem sonnigen Samstag Unterschriften zu sammeln.
Es läuft hervorragend: nicht nur, dass kaum Ablehnungen erfolgen, sondern dass manche sogar darum bitten, unterschreiben zu dürfen. Der beste Moment ist, wenn die im Gespräch zu leistende Überzeugungsarbeit nicht mehr durch einen selbst gebracht werden muss, sondern eigendynamisch durch jene, die bereits unterschrieben haben, vonstatten geht. Das geschieht, als ich auf der Demo einen Unterstützer wiedertreffe, den ich von einer „Kneipentour“ her kannte – eine unserer erfolgreichsten Sammelaktionen war eine Kneipentour, die wir Ende Januar durchführten und bei der wir innerhalb von drei Stunden über 40 Unterschriften erreichten. Die mit uns im Januar gemachte Erfahrung dieses einen Unterstützers führte dazu, dass auf der Demo die um ihn versammelte Gruppe schneller unterschrieben hatte als ein einzelnes Gespräch gedauert hätte.

Abschließend noch ein Wort zur größten Schwierigkeit: Die größte Schwierigkeit des Unterschriften Sammelns besteht darin, den ersten Menschen anzusprechen. Das ist jedes Mal, bei jeder Sammelaktion aufs Neue ein Sprung ins kalte Wasser – egal ob beim Infotisch, vor dem Kinoeingang, auf Kundgebungen oder Kneipentour. Aber wenn man diesen Punkt erst einmal überwunden und auch die erste Unterstützerunterschrift erhalten hat, dann hat es sich schon gelohnt.


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Leserbrief zu »Alleine ist eben doof«, UZ vom 24. März 2017





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