Ganz ruhig

Eine Revue der DKP Essen bringt die angebliche Gleichberechtigung auf die Bühne
Von Olaf Matthes
|    Ausgabe vom 17. März 2017

Irgendwie muss man den ganzen Scheiß ja aushalten: Der Frauenarbeitskreis der DKP Essen zeigt die Rolle von Frauen in unserer Gesellschaft.

Irgendwie muss man den ganzen Scheiß ja aushalten: Der Frauenarbeitskreis der DKP Essen zeigt die Rolle von Frauen in unserer Gesellschaft.

( Peter Köster)

Ein bärtiger Zwerg hüpft über die Bühne. Er trägt Zipfelmütze, Karohemd und ein Schild: „Was wollt ihr eigentlich noch?“ Hinter der Kleiderstange mit rotem Tuch, die der Vorhang ist, wird die nächste Szene aufgebaut. Ein Finanzbeamter stelzt über die Bühne, bläst sich auf und wundert sich, womit seine Frau denn unzufrieden sein könnte – schließlich sei sie doch ganz selbstbewusst mit ihrem Mini-Job. „Ich sage ja, sie hat viel Zeit.“ Er erklärt, dass Frauen heute schließlich nicht nur Soldatin, sondern sogar Chefin von Soldaten werden können, spitzt die Lippen und fragt: „Was wollt ihr eigentlich noch?“
„Ja, es gibt größere Sorgen“ als Frauenrechte, sagt die Rednerin in der Einleitung. Gegen die Kriegspolitik der Bundesregierung und gegen rassistische Hetze seien die Frauen in der DKP aktiv. Sie macht deutlich, dass es nicht um Gleichberechtigung auf dem Papier geht. Sie berichtet vom Leben der Frauen in der DDR und erinnert an Alexandra Kollontai: „Ohne Sozialismus keine Befreiung der Frau, ohne Befreiung der Frau kein Sozialismus.“
In acht Szenen und vier Redebeiträgen gibt der Frauenarbeitskreis der DKP Essen am vergangenen Sonntag vor 150 Gästen eine Vorstellung davon, was Frauen in unserer Gesellschaft noch wollen könnten – und wie eine Perspektive der Solidarität und des gemeinsamen Kampfes aussehen könnte. Sie zeigen alten Sexismus, seine neuen Vertreter und den doppelten Druck, den Frauen in Beruf und Familie aushalten müssen.
Sie zeigen den Kneipengänger, der das quellende Brusthaar kratzt und darüber sinniert, wie wichtig der Puff um die Ecke ist – die jungen Leute müssen schließlich Druck ablassen, was sonst alles passieren könnte … Er hängt auf dem Barhocker, greift sich in den Schritt und freut sich: „Mittwoch ist Rosi-Tag“, seine Frau denkt, er ist beim Skat. Sie zeigen den reaktionären Pfarrer und die AfD-Storch, die in blauem Licht mit weißen Kreuzen in der Hand aufeinander zugehen, ein Chor singt von Beten und Arbeiten, sie leiern: „Wir trauern um die tausend Kinder, die durch Abtreibung in Deutschland ums Leben kamen.“
„Dann schwingste den Feudel halt mal ein bisschen großzügiger“ – die Rent­nerin, die im Hotel die Zimmer putzt, hat ihre Flüchtlingskollegin gedrängt, die Pause nicht schon wieder ausfallen zu lassen. Die Alte hat Rücken, und sie hat Erfahrungen: Sie schenkt Gamze ein „Käffken“ ein und erklärt, wie die mit dem Arbeitsdruck umgehen kann. „Klassenkampf im Kleinen, Mädchen!“ „Du immer Klassenkampf, Klassenkampf – wo ist Klassenkampf?“, hält die Junge dagegen. Auch dafür hat die Rentnerin einen Vorschlag.
„Ich bin ganz ruhig …“ Die junge Mutter meditiert auf dem Tisch neben dem Bild irgendeines Hindugottes. Sie ist ganz ruhig, bis schon wieder das Telefon klingelt. Die Freundin teilt mit, dass der Kuchen für die KiTa selbstgebacken und glutenfrei sein muss. Der Mann kündigt an, dass sie am Abend zum Essen mit seinem Chef zu erscheinen hat. Der Chef zitiert sie zur Telefonkonferenz, die Freundin kann den Sohn abholen – und hält die gestresste Mutter für eine Rabenmutter. „Scheiß‘ doch auf Yoga, wie soll man sich bei dem Mist entspannen!“ Mit den Füßen auf dem Tisch und dem Sektglas in der Hand ist sie ganz ruhig.
Uschi und Irmi joggen ums Publikum, Uschi steht unter Strom: Ihr Vater hat die nötige Pflegestufe nicht bewilligt bekommen. Irmi erzählt von billigen Pflegekräften aus Polen, sie schauen am Rechner nach Angeboten. Uschi weiß, dass diese Frauen ausgebeutet werden, aber sie weiß auch: „Ich schaff‘ das nicht“, und redet sich selbst ein, dass 1 500 Euro für eine Polin ja auch ganz schön viel Geld sind. Sie schlägt den Laptop zu: „Irmi, ich kauf‘ mir jetzt eine!“
Zum Schluss tragen die Schauspielerinnen ein paar der Blüten vor, die die so genannte Gleichberechtigung unter Regie von Unternehmern und Politikern treibt. Der Pausenzwerg schmeißt Bart und Mütze in die Ecke und fragt als wütende Kommunistin noch einmal: „Was wollt ihr eigentlich noch?“


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Leserbrief zu »Ganz ruhig«, UZ vom 17. März 2017





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