Empörter Zwischenruf

Von Michael Stiels-Glenn
|    Ausgabe vom 10. März 2017

Der Beitrag von Blach und Rodermund „Antimonopolistische Demokratie erscheint unrealistisch“ verwundert mich derart, dass ich schreiben muss. Ich bin kein Mitglied der DKP, habe also wenig Recht, mich in Eure inneren Angelegenheiten einzumischen. Ich schreibe Euch trotzdem, weil ich seit 1975 keinen Artikel gelesen habe, der eine derart schädliche Außenwirkung haben kann. Als marxistischer Laie glaube ich auch einige theoretische Fehleinschätzungen zu sehen.
Aus der zutreffenden Einschätzung der eigenen Schwäche leiten die Autoren nicht etwa ab, dass die DKP sich umso mehr in Bündnissen mit anderen Menschen (die in vielen Fragen andere Meinungen haben als Blach und Rodermund) bewegen sollte: da bekommen die beiden Angst, dass ein „Zusammengehen mit Teilen der Bürgerlichen … unter den aktuellen Verhältnissen doch zu einer Desorientierung der Partei“ führen könne. Man sei ja weit von einer starken und kämpfenden Arbeiterbewegung entfernt. Ich habe bisher als Marxist gedacht, das sei keine zahlenmäßige Frage, sondern eine der marxistischen Bildung: Wenn ich Klarheit habe, verliere ich meine Orientierung in der Zusammenarbeit mit Andersdenkenden nicht.
Hier scheint mir ein Kernpunkt der Argumentation zu liegen: wenn man schwach ist, muss man die eigene Ideologie hochhalten und sollte sich nicht zu sehr auf andere Kräfte einlassen. Die nehmen die Autoren sowieso nicht als eigenständige Subjekte wahr: „Schwankende Schichten wie die Intelligenz oder kleine Selbstständige müssen ebenfalls gewonnen oder neutralisiert werden.“
Unter Bezug auf Gramscis Arbeiten (im Gefängnis entstanden!) zu Bewegungs- und Stellungskrieg in nichtrevolutionären Zeiten laufen die beiden Autoren nun zu Hochform auf und erklären, warum für die DKP aus ihrer Sicht eher das Bild eines Guerillakrieges passend erscheint, und zwar mit der abenteuerlichen Begründung, man sei „weit entfernt davon, dem Klassengegner im Stellungskrieg Widerstand leisten zu können.“
Blach und Rodermund setzen in der Zeit der Schwäche auf Entschlossenheit: „Es ist wahrscheinlich, dass der Bruch mit der absoluten Macht des Monopolkapitals nur mittels geschickter Isolierung zu erreichen ist. … Wir brauchen eine verschworene Gemeinschaft mit klaren Zielen. Durch genau geplante Angriffe auf wichtige Stellungen des Gegners bei Vermeidung eigener Verluste gilt es …“ die Fortführung dieses Satzes scheint mir nicht wichtig. „Die Bedingungen des Guerillakrieges und der Etappe dürfen aber nicht aus den Augen geraten.“
Das ist nicht nur das Vokabular von Militärs! Es riecht nach linkem Radikalismus, der über die eigenen Schwächen hinwegtäuschen will. Es riecht nach Voluntarismus! Blach und Rodermund antworten auf die politischen Herausforderungen unserer Zeit und auf die Schwäche der Klasse und der DKP: Lieber klein, aber fein! Ich bin sehr gespannt, wie sich die kollektive Klugheit der Kommunisten mit diesen Positionen auseinandersetzen wird. Ich habe hierzu die individuelle Auffassung eines „schwankenden selbstständigen Intellektuellen“ beigetragen.


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Leserbrief zu »Empörter Zwischenruf«, UZ vom 10. März 2017





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