Strukturschwaches Geschlecht

Über Frauenfußball in Deutschland
Von Friedhelm Vermeulen
|    Ausgabe vom 3. März 2017
Keine Fußballmillionärinnen: Deutsches Nationalteam bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 (Foto: Rovena Rosa/Agência Brasil)
Keine Fußballmillionärinnen: Deutsches Nationalteam bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 (Foto: Rovena Rosa/Agência Brasil)

Als Australiens Frauenteam letztes Jahr gegen eine U-15-Mannschaft verlor, gab es die üblichen Berichte über den großen Leistungsabstand des Frauenfußballs. Auch das deutsche Nationalteam musste 2011 einen ähnlichen sportlichen Vergleich über sich ergehen lassen – die besten Fußballerinnen Deutschlands spielten damals gegen die U-15 des VFL Osnabrück 1:1.
Zur Europameisterschaft, die dieses Jahr vom 16. Juli bis 6. August in den Niederlanden stattfinden wird, werden die Fußballerinnen wieder damit konfrontiert sein, dass Kommentatoren den Vergleich mit dem schnelleren und „körperbetonteren“ Spiel der Männer ziehen. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist aber gerade beim Fußball keiner, der nur auf körperliche Eigenschaften zurückzuführen ist. Vor allem der strukturelle Unterschied ist riesig.
Das fängt im Jugendbereich des in Vereinen betriebenen Breitensports an. Gerade auf dem Land gibt es weiterhin Probleme, Mädchen- oder Frauenteams vor Ort überhaupt zu bilden und zu halten. Reiten, Turnen und Volleyball dominieren das Angebot – wenn vorhanden. Doch Fußball ist bei Mädchen und Eltern zunehmend beliebt, weshalb im Bereich unter sechs Jahren inzwischen von einem Mädchenanteil von gut 30 Prozent ausgegangen werden kann.
Das Interesse ist also da, und gerade die Kleinen – egal ob Jungen oder Mädchen – tun sich leichter damit, gegen einen Fußball zu treten als mit gehobeneren Team-Ballsportarten wie Volley- oder Basketball zu beginnen, die für kleine Kinder größere Koordinationsprobleme aufwerfen. Das Interesse sinkt jedoch gerade auf dem Land mit den eingeschränkten Möglichkeiten vor Ort und entsprechend langen Fahrtzeiten zu Trainingseinheiten und Auswärtsspielen sehr schnell. So werden Mädchen und ihre Eltern im Fußball früher gezwungen zu entscheiden, ob es ihnen das wert ist, während sich im Jungsbereich vor Ort mit zweiten und dritten Mannschaften oftmals eine Leistungsdifferenzierung einstellt, die auch denjenigen erlaubt weiterzumachen, die nicht das Talent für eine Sportlerkarriere erkennen lassen.
Am anderen Ende der sportlichen Laufbahn steht die Frage, ob es denn überhaupt so etwas wie Profi-Fußball der Frauen in Deutschland gibt. Bei einem Monatsgehalt von im Schnitt unter 1 000 Euro im Monat, einer ersten Liga mit nur 12 Teams, Zuschauer-unfreundlichen Spielzeiten und damit meist nur ein paar hundert Frühaufstehern im Stadion ist Frauenfußball jedenfalls keine Selbstläuferin, sondern muss sich einen wahrnehmbaren Platz im Sportgeschäft immer wieder erkämpfen. Dass frau sich zu diesem Zweck für den „Playboy“ auszieht, teilt der Fußball mit anderen Sportarten, die Frauen auch für Spitzenleistungen schlecht bezahlen. Wer dem nicht folgen will oder nicht den verwertbaren Schönheitskriterien entspricht, muss sich bei der Bundeswehr verpflichten, wie Nationalspielerin Fatmire „Lira“ Alushi, Simone Laudehr, Babett Peter, die Hauptgefreiten Lena Goeßling und Ursula Holl sowie die Obergefreite Bianca Schmidt.
Bleiben kann, dass wenn die deutschen Fußballfrauen dieses Jahr wieder um den EM-Titel spielen, alles sehr viel entspannter und nicht so überdreht ist wie bei einer Männer-EM. Auch wenn es nur daran liegen mag, dass mit Frauenfußball nicht so viel Geld zu verdienen ist.


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Leserbrief zu »Strukturschwaches Geschlecht«, UZ vom 3. März 2017





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