Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 3. März 2017

Enttäuschte Vorfreude
Die Programm-Macher von 3-SAT kündigen rund um den Internationalen Frauentag eine ganze Reihe von Spielfilmen, Dokumentationen und Diskussionen an. Was bietet man an?
Unter der Themen-Überschrift „Die Zukunft ist weiblich“ Filme aus aller Frauen Länder, gerne Bäuerinnen, Bollywood-Schönheiten, Erotik und Sex aus dem Senegal oder Kuba oder britische Modemacherinnen. Die meisten Filme nach 22 Uhr, auch nach Mitternacht, also thematisch wie von den Uhrzeiten genau nach den Interessen der arbeitenden und oft noch mit der Doppelbelastung kämpfenden Mehrheit der Frauen in unserem Land. Oder ist das ein Männerblick?

Eine neue Nebelkerze
Angesichts des Flüchtlingszuzugs haben Bundesregierung und Deutscher Kulturrat die „Initiative kulturelle Integration“ gegründet. Im Gespräch mit unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen sollen Vorschläge und Ideen für das kulturelle Zusammenwachsen erarbeitet werden. Die Moderation soll der Kulturrat übernehmen, der Geschäftsführer Olaf Zimmermann gab dazu ein bemerkenswertes Interview.
Auf die Frage, ob wir eine neue Kultur der Vernunft brauchen, antwortete Zimmermann: „Zumindest brauchen wir eine neue Gesellschaftsdebatte. Es geht dabei nicht nur um die Vernunft. Das ist ein aufgeklärter Impetus, der mir sympathisch ist. Immer mehr Fragen, die die Menschen heute berühren, haben jedoch mit Aufklärung wenig zu tun, sondern mehr mit religiösen Fragen. Es wird eher einen Kampf darum geben, welche Werte der Aufklärung wir in die Zukunft retten können.“ Im Klartext: Man verabschiedet sich vom Primat der Vernunft und geht auf die Schleimspur des Irrationalen, d. h. der beliebigen Auslegung gesellschaftlicher Phänomene.
Auch bei der Frage „will die Initiative kulturelle Integration wieder an die Leitkulturdebatte anknüpfen?“ nimmt Zimmermann Rücksicht auf die, die die Veranstaltung bezahlen und sagt: „Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir den politisch verbrannten Begriff der Leitkultur nicht benutzen werden, aber wir werden über die Inhalte selbstverständlich sprechen. Das ist wichtig. Der Kulturbereich hat viel zu lange Tabus aufgebaut, die andere dann genutzt haben und mit ihnen sehr negative Debatten geführt haben. Ich sehe diese Initiative als Chance an, dass wir wieder sprachfähig werden in diesen zentralen Fragen und nicht weiterhin den Rechtspopulisten die Meinungsführerschaft überlassen. Gibt es einen Wertekanon? Auf alle Fälle wird es Bereiche geben, die können wir nicht einfach zur Disposition stellen.“
Leider nennt er die Bereiche nicht und auch nicht, welche Tabus aufgebaut wurden und die Schuldigen bei den Rechtspopulisten zu finden, ist billig und lenkt wunderbar ab von den Verantwortlichen in Bund und Ländern, in Parteien und der Mehrzahl der Medien.

Leserinnen/Käuferinnen
Frauen greifen statistisch gesehen häufiger als Männer zum Buch, gedruckt und inzwischen auch digital. Weil Frauen bei ihrer Auswahl außerdem deutlich flexibler sind, verschwindet die „Zielgruppe Mann“ zunehmend aus den Marketing-Plänen von Verlagen. Während zwei Drittel aller Frauen mindestens ein Buch im Jahr kaufen, sind es bei den Männer knapp die Hälfte.
Wesentlich verstärkt wird das Ungleichgewicht allerdings durch die geschlechterspezifische Titel- und Genre-Wahl. Während Frauen nicht nur mehr, sondern auch vielfältiger lesen, beschränken sich Männer überdurchschnittlich häufig auf einzelne Sparten, konkret SciFi/Fantasy, Krimis, Thriller und historische Romane. Im Bereich literarischer Romane scheinen nun mehr und mehr Verlage zu resignieren, in Verlagsvorschauen für das laufende Programm ist vielfach nur noch von „Leserinnen“ die Rede. Männer kommen in der Kommunikation nicht mehr vor.
Statistik ist das eine, was konkret gekauft und gelesen wird, ist das andere.


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Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 3. März 2017





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