Nicht in Beton gegossen

Von Lothar Geisler, Dülmen
|    Ausgabe vom 24. Februar 2017

Was bitteschön ist denn ein „wirklich revolutionärer Marx-Film“, auf den man wohl weiter warten muss? Und wie bitteschön könnte „das einzig wahre“ Porträt des Revolutionärs Marx aussehen? In Beton gegossen? Bitte nicht! Ich habe den Film bereits vor der Premiere sehen können und teile alles, was Dicks an Positivem über ihn schreibt. Ja, hier werden einem vorwiegend jungen Publikum – mit seinen Sehgewohnheiten – Marx und Engels als Identifikationsfiguren angeboten: lebensnah, lebens- und liebeshungrig, streitbar und voller Empathie und kämpferischer Solidarität mit der ausgebeuteten und unterdrückten Arbeiterklasse. Gleiches gilt für die Frauen neben ihnen, Jenny von Westphalen und Mary Burns, die nicht als die Frauen hinter ihren Männern dargestellt werden, sondern als eigenständige Mitstreiterinnen „auf Augenhöhe“. Das macht den Film, wenn ich da an die Rückkehr gestriger Frauenbilder – nicht nur durch Donald Trump – denke, auch zu einem Beitrag zum Internationalen Frauentag. Und ja, ein Regisseur mit einer anderen Herkunft und Biographie als Raoul Peck hätte diesen Film nicht in dieser so beeindruckenden Art hingekriegt. Er ist die eigentliche „Traumbesetzung“, die uns den Blick auf den Kapitalismus vom Rand her eröffnet und nicht aus Sicht seiner reichen, satten Zentren und ihrer Bewohner. Der „übergangslose Wechsel zwischen drei Sprachen“ (mit Untertiteln) hatte für mich – trotz nur rudimentärer Englisch- und Französisch-Kenntnisse – einen gewissen Charme, den Charme von lebendigem Internationalismus. Das fand ich gar nicht konventionell gemacht. Aber natürlich (oder leider) kommt der Film in deutscher Synchronisation in die deutschen Kinos, wie der Filmverleih mitteilte. Trotzdem sehr sehenswert: denn der Film macht Mut, Mut zur Parteinahme und Mut zur Veränderung. Und wenn das angesichts des sonstigen neoliberalen Medienmülls nicht revolutionär ist, weiß ich’s auch nicht.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Nicht in Beton gegossen«, UZ vom 24. Februar 2017





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.