Faust des Ostens

Wenn Politik im Stadion ausgetragen wird – Dynamo Dresden
Von Andres Irurre
|    Ausgabe vom 10. Februar 2017
1989, UEFA-Cup, Dynamo Dresden gegen Victoria Bukarest (Foto: Foto: Bundesarchiv_Bild_183-1990-1105-009)
1989, UEFA-Cup, Dynamo Dresden gegen Victoria Bukarest (Foto: Foto: Bundesarchiv_Bild_183-1990-1105-009)

Eine der größten und reisefreudigsten Fanszenen Deutschlands kommt aus der sächsischen Landeshauptstadt und gruppiert sich um die Sportgemeinschaft Dynamo Dresden (SGD). Der Glanz alter und erfolgreicher Jahre im DDR-Fußball war nie weg – nur etwas verblasst.
Die SGD gehörte mit 98 Europapokalspielen zu den erfolgreichsten DDR-Fußballclubs. Acht Mal gewannen die Sachsen die Meisterschaft in der DDR-Oberliga und sieben Mal wurden sie FDGB-Pokalsieger. Anfangs spielten sie noch unter dem Namen SG Deutsche Volkspolizei Dresden, der Verein war von Anfang an mit der Volkspolizei verbunden.
Nach der Wende spielte man von 1991 bis 1995 in der 1. Bundesliga, musste jedoch am Ende – dank eines dubiosen Präsidenten – zwangsabsteigen. Dynamo spielte danach zwischenzeitlich in der 4. Liga, aber auch das konnte die Fans von ihrer großen schwarz-gelben Liebe nicht abbringen.
Bereits zu DDR-Zeiten gab es immer wieder Ausschreitungen rund um die Oberligaspiele von Dynamo Dresden. Besonders die Duelle gegen die beiden Nachbarn von Lok oder Chemie aus Leipzig, gegen den BFC Dynamo aus der Hauptstadt oder das Aufeinandertreffen mit den Fans um den FC Magdeburg gerieten regelmäßig zu ausschweifenden Prügelorgien.
In der Zeit von 1988 bis 1991 kamen zu den Spielen immer mehr gewaltorientierte Personen aus dem Westen dazu. Es sprach sich herum, dass die wenigen Volkspolizisten die vergleichsweise überschaubare Menge von Zuschauern nicht unter Kontrolle bekam – in der letzten DDR-Oberliga-Saison sahen im Schnitt weniger als 5 000 Menschen die Partien.
Für die Fans von Dynamo Dresden war der letzte Europapokal-Auftritt einer der schwersten und folgenreichsten. Kam es beim Hinspiel bei Roter Stern Belgrad bereits zu Auseinandersetzungen, eskalierte das Rückspiel im heimischen Rudolf-Harbig-Stadion vollends: Das Spiel wurde abgebrochen und Dynamo disqualifiziert. Für zwei Jahre wurde der Verein von jeglichen Wettbewerben ausgeschlossen. Zum ersten Mal zeigte sich das Ausmaß der Gewalt, zu der Dynamo-Fans fähig waren, live und im Fernsehen.
Über die Jahre etablierten sich auf den Rängen des Rudolf-Harbig-Stadions rechtsradikale Kräfte verschiedener Strömungen. Rechte Skinheads, Neonazis und Hooligans taten sich nicht nur im Stadion zusammen, sondern zogen auch regelmäßig durch die Stadt, um „Fidschies zu klatschen“. Die Idee der „No-Go-Areas“ wurde immer populärer, gerade in den ostdeutschen Bundesländern.
Der gelb-schwarze Anhang zieht jede zweite Woche mit mehreren tausend Menschen durch die Republik, um seinen Verein anzufeuern. Aber leider wird der Club die bösen Geister nicht los. Nach jedem Vorfall wird von Seiten des Vereins in offiziellen Stellungnahmen alles heruntergespielt und dementiert. Über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Neonazis sind an Spieltagen rund ums Stadion im Ordner- und Sicherheitsdienst tätig. Auch das große Teile der Dynamo-Fanszene von Beginn an an PEGIDA-Demonstrationen teilnahmen und nur wenig später dort auch Ordnerdienste übernahmen, wurde geflissentlich ignoriert.
Wer die jahrelang gewachsene und geduldete Neonazi-Szene in Sachsen beobachtet hat, den verwunderte es nicht, dass sich ausgerechnet die sächsische Landeshauptstadt als eine Hochburg rechten Terrors in Deutschland etablieren sollte.
In den 1980er Jahren war es die Gruppe „OSL-Bande“, die für Hooliganismus und Nazi-Gedankengut stand. In den 1990ern waren es dann NPD-Kader und die später verbotenen „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS). Später sollten sich ab den 2000er Jahren Gruppen wie „Elbkaida“ oder „Faust des Ostens“ etablieren. Mitglieder dieser Gruppen wurden immer wieder wegen Gewaltdelikten angeklagt, kamen jedoch meist mit einem vergleichsweise harmlosen Urteil davon.
Bis heute kommt es im immer vollen Rund der 30 000 Zuschauer fassenden Arena und bei Auswärtsspielen zu Auseinandersetzungen. Dass es in den letzten Jahren merklich weniger geworden sind, liegt an der Fanszene selbst. Junge Ultras versuchen, dem Namen ihres Vereins mit guten Aktionen zu helfen.
Es wird ein langer Kampf innerhalb der Fanszene sein, dem sich die Ultras stellen. Wer kann, sollte sich solidarisch zeigen. Denn Fans, die unter solchen Bedingungen gegen Nazis antreten, können unsere Unterstützung gebrauchen.


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Leserbrief zu »Faust des Ostens«, UZ vom 10. Februar 2017





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