Tauglich machen für den Arbeitsmarkt

Zur Neuausgabe von Freerk Huiskens „Erziehung im Kapitalismus“
Von Franz Anger
|    Ausgabe vom 3. Februar 2017

Freerk Huisken
Erziehung im Kapitalismus
Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten
Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe
VSA, Hamburg 2016, 469 Seiten, 29,80 Euro

Um in der Marktwirtschaftsgesellschaft seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, müsse man sich als junger Mensch in den pädagogischen Lehranstalten zu vorsortiertem „Humankapital“ verdinglichen lassen, das die Damen und Herren Unternehmer für die Profitmaximierung mittels Warenproduktion in den unterschiedlichen Berufen vernutzen können.
Das ist die Quintessenz der Schulkritik, die der Bremer Pädagogikprofessor Freerk Huisken in seiner Schrift „Erziehung im Kapitalismus“ detailliert darlegt. Im ersten Teil befasst sich der Autor mit der „Ideologieproduktion“ der Erziehungswissenschaft, die heutzutage im Grunde nicht mehr liefert als theoretische Beschönigungen der pädagogischen Alltagspraxis: Formiert werden soll ein Volk von flexiblen Vermarktern ihres „Humankapitals“, die mit modernen Kompetenzen beziehungsweise Arbeitstugenden ausgestattet und auf „Employability“ (Beschäftigungsfähigkeit) festgelegt sind (S. 49 ff.). Der zweite Teil handelt von den praktischen „Leistungen des bürgerlichen Schulwesens“: Die Schüler(innen) müssen sich unterm Diktat der Note „Funktionswissen“ aneignen, damit sie von marktkonformem Lehrpersonal so selektiert werden können, dass sie künftig in den qualitativ verschiedenen Berufen der Marktwirtschaftsdemokratie funktionieren (S. 188 ff.).
Das Studium des Buches, dessen überarbeitete und erweiterte Neuausgabe kürzlich erschienen ist, könnte zur Verunsicherung der heutzutage üblichen Schulkritik führen. Die kapriziert sich nämlich bislang darauf, die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems anzuprangern: Weil es in den hiesigen Bildungsinstitutionen eine außerordentlich hohe soziale Selektivität gebe, seien Arbeiterkinder an den Hochschulen eine Seltenheit. Infolgedessen komme es zu einem Rekrutierungskreislauf, sodass Menschen, die als Arbeiterkind geboren werden, ihr Leben in der Regel als Arbeiter(in) bestreiten müssen.
Wie unzureichend die Schulkritik der Kämpfer(innen) für Gerechtigkeit ist, zeigt ein Gedankenexperiment: Gesetzt den Fall, Arbeiterkinder würden pädagogisch derart gefördert, dass sie die Bildungsbarrieren des Schulsystems überwinden können und folglich an den Hochschulen nicht mehr signifikant unterrepräsentiert sind – dann wären die bürgerlichen Lehranstalten zwar gerechter, aber immer noch die menschenunfreundliche Zurichtungs- und Selektionsinstanz für die Hierarchie der Berufe. Indem der pädagogische Betrieb die Gleichheit der Chancen böte, setzte er eine rein leistungsmäßig orientierte Auslese im Bildungssystem und ein verallgemeinertes Konkurrieren um den Aufstieg im Beschäftigungssystem ins Werk. Zudem verweist Huisken darauf, dass diese Debatte so alt ist wie die moderne Schule: „Bemerkenswert ist daran, dass die Kritik an fehlender Chancengleichheit und die kritisierte Sache selbst seit Jahrzehnten eine Koexistenz eingegangen sind, die weder die Kritiker groß zu stören scheint noch die Verwalter des Schulsystems zu einschneidenden Veränderungen genötigt hätte“ (S. 427).
Die UZ spießte übrigens unlängst (24.6.2016) das vollmundige Selbstlob der deutschen Bildungsministerin Wanka auf: „Es ist erfreulich, dass sich der Bildungsstand der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert hat. Dazu tragen auch die Flexibilität und Durchlässigkeit des Schulsystems im Hinblick auf höhere Schulabschlüsse bei.“ Der Kommentar wies darauf hin, dass die bildungspolitische Modernisierung mit Einsparungen beim Personal und verschärftem Leistungsdruck im Unterricht einhergehe. Dass sich die jüngsten Etappen der Bildungsreform „nach PISA“ nicht mehr als Ausweitung, sondern als Effektivierung des herrschenden Schulsystems vollziehen, ist Thema im überarbeiteten Schlussteil von Huiskens Publikation (S. 411 ff.).
Da der Forschungsschwerpunkt des mittlerweile im Ruhestand befindlichen Hochschullehrers die „Politische Ökonomie des Ausbildungssektors“ ist, vermag es seine instruktive Studie, die mannigfaltigen Erscheinungsformen des bürgerlichen Schulwesens zu durchdringen, um dessen finalen Ausbildungszweck in der ökonomischen Basis der Gesellschaft zu verorten. Dergestalt gelangt der Autor zu der beunruhigenden Erkenntnis, dass die Schule so lange als große Selektionsmaschine fungieren wird, bis das warenproduzierende Marktwirtschaftssystem überwunden wird. Denn die kapitalistische (Marktwirtschafts-)Gesellschaft ist eine Gesellschaftsformation, in welcher „der Produktionsprozess die Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsprozess bemeistert“ (Karl Marx, MEW 23, S. 95).

Freerk Huisken
Erziehung im Kapitalismus
Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten
Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe
VSA, Hamburg 2016, 469 Seiten, 29,80 Euro


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Leserbrief zu »Tauglich machen für den Arbeitsmarkt«, UZ vom 3. Februar 2017





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