Möchtegern-Imperialisten

Von Kurt Wirth, Kempten
|    Ausgabe vom 3. Februar 2017

Zu dieser Frage sind in den letzten Jahren verschiedene Artikel, Reden und andere Beiträge erschienen, auch in der UZ. Ich neige den Ausarbeitungen von Willi Gerns zu: „Das Russland Putins ist ein kapitalistisches Land, in dem die ökonomischen Grundlagen des Monopolkapitals/Imperialismus mit gewissen Besonderheiten durchaus gegeben sind.“ Darauf sei hier nicht weiter eingegangen, sondern auf den Satz in dem Kasten: „Dazu passt, dass die fünf Hauptempfängerländer russischer Auslandsdirektinvestitionen Zypern, die Niederlande, die Jungferninseln, Luxemburg und die Schweiz sind“.
Als Laie würde man sich dabei denken, dass russische „Investoren“ damit in diesen Ländern nun Produktionsanlagen, Gebäude, Firmenanteile etc. erwerben würden. Leider nein oder kaum. Das Geld fließt meist in Tochterfirmen, die ausschließlich im Finanzsektor tätig sind. Oder es werden Aktien bei den dortigen Banken gekauft. Die russischen Oligarchen schieben ihr Geld dorthin, weil es ihnen da sicherer scheint als auf russischen Banken, und sie bemühen sich als gute Kapitalisten, es „mehr werden zu lassen“. So weit sie es nicht für persönliche Luxusbedürfnisse ausgeben.
Damit unterjochen sie zwar keine anderen Volkswirtschaften, wie dies vom klassischen Leninschen Imperialisten zu erwarten wäre, aber die tatsächliche, reale Investition in Russland würde auf jeden Fall eher dazu beitragen, das Lebensniveau der Bevölkerung dort zu heben. Übrigens waren die Jungferninseln und andere karibische Geldoasen die ersten Jahre nach 1991 für Transaktionen aus Russland „Red Areas“, d. h. aus Russland durften keine Überweisungen dorthin getätigt werden. Was natürlich einen Oligarchen nicht groß verdrießt: man erledigte dies über ausländische Tochterfirmen und als Strohmänner fungierende Geschäftspartner im Ausland. Die Russen sind keine Imperialisten, sondern „Möchtegern-Imperialisten“. Und so ganz abwegig scheint das nach den Ausführungen von B. S. nicht zu sein.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Möchtegern-Imperialisten«, UZ vom 3. Februar 2017





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.