Klassentradition oder Sektierertum?

Fußball in Nordirland – die „fremde Sportart“
Von Hermann Glaser-Baur
|    Ausgabe vom 27. Januar 2017

„… fremde Sportarten sollen auf den Plätzen der Gaelic Athletic Association nicht ausgetragen werden …“
Mit dem „fremden Sport“ meinten die Statuten des größten und reichsten irischen Sportverbandes GAA den in England entstandenen Fußball. Dieses Verbot wurde zwar offiziell in den 80er Jahren gelockert, wird aber bis heute sehr ernst genommen, nur die ur-irischen Spiele wie Gaelic Football, Hurling etc. sind auf der „geheiligten Erde“ der Spielfelder erwünscht.
Nebenbei sei erwähnt, dass die Oberen des 500000 Mitglieder starken Imperiums auch schon mal Kommunisten mit Stadionverbot belegen. Die Abschlusskundgebung der Belfaster Demonstration zum 50. Jahrestag des irischen Osteraufstands sollte im großen Gaelic-Stadion stattfinden. Als die Organisatoren die Textilarbeiterin und Kommunistin Betty Sinclair als Hauptrednerin benannten, sagte die GAA in letzter Minute ab, sperrte mehr als 70 000 Menschen, die der Befreiung Irlands von der englischen Kolonialherrschaft gedachten, aus.
Diese Vorbemerkung soll erklären, warum Fußball in Irland im Vergleich zu seiner Wiege, der englischen Nachbarinsel, ein wenig beachteter Sport ist – trotz der langen Tradition.
Die IFA (Irish Football Association) wurde am 18. 11. 1880 in Belfast gegründet. Damit ist die irische Schwesterorganisation des Deutschen Fußball-Bundes“ (DFB) die viertälteste der Welt, nur in England, Schottland und Wales wird noch länger organisiert gekickt. Der Vergleich mit der deutschen „Wiege“ des Fußballs, dem Ruhrgebiet, ist interessant: Als sich dort die ersten Vereine (Schalke 04, BVB 09 …) bildeten, gab es auf der irischen Insel bereits hunderte, die in mehreren Ligen Meisterschaften ausspielten, der erste Pokalwettbewerb wurde 1881 ausgetragen.
Fußball blieb allerdings immer ein nördlich dominierter Sport, in den Arbeiterzentren, besonders in und um Belfast entstanden die ersten und bis heute größten Vereine. Sie entwickelten sich fast ausnahmslos um eine der großen Fabriken herum: „Crusaders FC“ (derzeit Meister) und „Cliftonville“ (der älteste Club der Insel) wurden von Arbeitern der großen Leinenfabriken ins Leben gerufen. Die Betriebsmannschaft der einstmals größten Werft der Welt, Harland & Wolff, ist heute ein Traditionsverein, der „Harland Wolff Welders“ (= Schweißer) heißt, der FC Portadown entstand als Verein der dortigen Teppichweberei – diese Liste ließe sich fortsetzen. Die irische Arbeiterklasse war ebenso fußballbegeistert wie die englische, erst mit der Teilung des Landes im Jahre 1921 brach ein Riss auf. Die irischen Nationalisten pflegten „ihre“ keltischen Sportarten, oft auch als Zeichen der kulturellen Identität und mit massiver finanzieller Unterstützung von nach Amerika ausgewanderten Iren. Die mehrheitlich pro-britischem Arbeiter des Nordens blieben beim Fußball.
Als die Dubliner Vereine ein Jahr nach der Teilung Irlands ihre eigene Dachorganisation FAI (Football Association of Ireland) gründeten, stand der Sport international im Abseits (die Abseitsregel wie auch der Elfmeter sind Erfindungen des irischen Fußballverbandes). Der alte Verband ist seither nur noch für den Mini-Staat Nordirland zuständig, der neue dümpelt im Schatten des gigantischen GAA. So erklären sich u. a. zwei Nationalmannschaften auf der Insel. In Nordirland sind heute knapp 25 000 FußballerInnen in 960 Vereinen organisiert, aus diesem schmalen Reservoir kann die IFA schöpfen.
Neben dem belastenden Image, ein „Britensport“ zu sein, nagt der Rückgang der produzierenden Industrie und folglich des traditionellen Zuschauer- und Spielerpotentials in den Arbeitergebieten an den Vereinen. Auf die Frage, warum Meister Crusaders selbst bei entscheidenden Liga-Spielen kaum vierstellige Zuschauerzahlen erreicht, sagte Cheftrainer Stephen Baxter der UZ:
„Schau dich mal hier in der Gegend um, seit Jennymount (bis vor ca. 30 Jahren die größte Leinenfabrik der Erde, HGB) dicht ist, wohnen hier nur noch wenige Leute, vorher waren es Tausende. Unsere Fangemeinde wird kleiner, die Leute aus den besseren Gegenden kommen nicht wegen eines Fußballspiels hierher …“
Durch die Austeritätspolitik der britischen Regierung und ihrer treuen Vasallen im nordirischen Regionalparlament werden gerade die letzten Lichter ausgeschaltet, besonders der Jugendfuß­ball, den die finanzschwachen Vereine nicht finanzieren können, leidet.
Wir gingen auf den Platz, wollten sehen, was für die Arbeiterkinder im Jahr 2017 noch drin ist. Dungiven Celtic ist ein kleiner Verein im Nordwesten, der wegen seiner guten Jugendarbeit oft gelobt wird. Vereinschef Terence McMacken auf die Frage nach den Möglichkeiten: „Wir leben jetzt ausschließlich vom Enthusiasmus, dem unserer Trainer, dem der Eltern. Die Trikots, die Fahrten zu den Auswärtsspielen, die Unterhaltung des Platzes – alles muss selbst finanziert werden. So erhalten wir unsere 16 Jugendmannschaften und damit die Zukunft des Vereins …“
Nach seiner Vision für den Sport und besonders für die Jugendarbeit gefragt, sagt er: „Schau dir doch die Kids hier an – es ist nicht ihr Fehler, dass kein Geld mehr da ist. Ich habe die Vision, dass sie gute Sportler werden, nicht ins Ausland gehen müssen, um erfolgreich zu sein. Das wird nur gehen, wenn wir hier auf der Insel einen Verband und eine Liga hinbekommen und wenn dem Sport die Förderung zukommt, die er braucht. Ich werde das nicht mehr erleben, aber hoffentlich die U-11-Mannschaft, die du hier siehst.“


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Leserbrief zu »Klassentradition oder Sektierertum?«, UZ vom 27. Januar 2017





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