Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 27. Januar 2017

„Shop the pain away“ – Eine Ausstellung in Oberhausen: Katharina Arndt ist die Künstlerin, die an einer Wand im Oberhausener Schloss ihr Objekt mit diesem schönen Titel versehen hat. Die gerade eröffnete Schau mit Werken von Albrecht Dürer bis Gerhard Richter in der Ludwig Galerie trägt den Titel „Let‘s buy it! Kunst und Einkauf“ und macht neugierig.
Die einleitenden Sätze im „Kapital“ von Karl Marx lauten: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen die kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warenansammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Untersuchung der Ware.“
Das, was als Kunstwerk oder Kunstobjekt benannt wird, ist selbstverständlich erst dann eines, wenn es zur Schau gestellt wird, wenn es – im gewünschten Fall – angeboten und möglichst verkauft wird. Und verblüffend ist, wie häufig Bilder, Zeichnungen, Grafiken und Fotografien zu ihrem Thema machen, womit gehandelt wird und wo dies stattfindet. Darstellungen von Geld in Münzen und Scheinen finden wir schon bei Dürer. Das zieht sich durch bis Beuys, die, die mit Geld handeln, besonders Geldwechsler und Banker, werden bis heute meist mit semitischen Zügen gezeichnet. Judas‘ Verrat ist immer deutlich durch die Silberlinge in seinen Händen, der erste große Hype, die Tulpenzwiebel-Spekulation in den 1630er Jahren, findet seinen Niederschlag in Bildern der Zeit. Marktszenen und das Gebaren der Händler, auch hier eher durch Übertölpeln und Versprechungen negativ aufgeladen, findet sich in einer Vielzahl von Werken.
Im 20. Jahrhundert kommen zwei neue Dimensionen hinzu, die Fotografie, die die Warenwelt in Kaufhäusern und Schaufenstern thematisiert, und Kunstobjekte, die durch die Auswahl der gewählten Gegenstände ironisch mit den Ansprüchen an „Kunst“ spielen. Hier zeigt die Ausstellung unter anderem die berühmten „Campbell-Suppendosen“ von Andy Warhol oder die „Ready-Mades“ von Marcel Duchamp bis zur „Pop-Art“, die den schönen Schein der Warenwelt plakativ preist.
Eine ausführliche Würdigung findet die Installation und fortlaufende Arbeit von Christian Lahr: Seit 2009 überweist er täglich 1 Cent an das Bundesfinanzministerium, um dem Schuldenberg entgegenzuwirken, im Feld „Verwendungszweck“ schreibt er täglich jeweils 100 Zeichen aus dem „Kapital“ von Karl Marx. Nicht nur, dass das eingehende Geld täglich buchhalterisch erfasst werden muss, besonders pfiffig ist, dass der Text damit in die Archive des Staatsapparates eingeschrieben wird. Der Künstler rechnet mit rund 43 Jahren, bis der Text vollständig übermittelt ist.
Nicht weniger spannend ist, welche Veränderungen beim gewählten Thema „Kunst als Ware“ im Laufe der Zeiten stattfanden. Der Buchdruck um 1500 führte zur Druckgrafik, Dürer war einer der ersten, der Zeichnungen vervielfältigen ließ. Aber auch Kopisten traten zuhauf auf den Plan, um einmalig vorhandene Bilder durch recht und schlecht gemachte Kopien weiter zu verwerten und natürlich dauerte es nicht lange, bis Fälschungen, zum Teil hervorragend gemacht,nicht nur bei Privatsammlern, sondern auch in renommierten Museen in aller Welt. ihren Platz fanden
Die Signatur des Künstlers wurde zum Markenzeichen, Beuys meinte, wenn er Geldscheine signiere, würden sie zu Kunstobjekten, Warhol ließ zu, dass Siebdrucke wie z. B. seine Serigraphie zu Marilyn Monroe in riesigen Auflagen nachgedruckt wurden. Ältere Leser erinnern sich noch an die Postkarten und Plakate von Klaus Staeck, der gerne die berühmten Zeichnungen von Dürer oder „Goethe in der Champagne“ nutzte.
Ein letzter Blick gilt der Zurschaustellung des Künstlers selbst als Objekt der Vermarktung, nicht schwierige Selbstporträts wie van Gogh mit dem verbundenen Ohrrest, nein hier zeigt die Kuratorin Dr. Christine Vogt Bilder und Fotografien wieder von Dürer über Kirchner bis Immendorf. Eine Sammlung von künstlerisch gestalteten Einkaufstüten von Louis Vuitton entlässt den Besucher.


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