Generalplan zur „Judenvernichtung“

Vor 75 Jahren fand die Wannsee-Konferenz statt
Von nh
|    Ausgabe vom 20. Januar 2017

Am 20. Januar 1942 kamen in der Villa „Am Großen Wannsee 56 – 58“ in Berlin hochrangige Vertreter der faschistischen Macht zusammen. SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich – zu dieser Zeit nicht nur Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), sondern auch Stellvertretender Reichs­protektor in Böhmen und Mähren – hatte 13 Staatssekretäre verschiedener Ministerien sowie hohe Partei- und SS-Funktionäre zu einer „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ eingeladen.
Die Konferenz kennzeichnete – wie teilweise irrtümlich angenommen – nicht den Beginn des Massenmords an den europäischen Juden. Der war bereits im vollen Gange. Die Entscheidungen darüber waren in den Wochen vor dem Überfall auf die Sowjetunion und im Sommer 1941 gefallen.
Bereits 1938 wurde im Reich mit dem Novemberpogrom die Verfolgung der Juden massiv verstärkt. Nach der Eroberung polnischer Gebiete wurde die dort lebenden jüdischen Bewohner drangsaliert und „umgesiedelt“. Eine „zur besonderen Verfügung“ gebildete Einsatzgruppe unter Udo von Woyrsch erschoss bis Jahresende 1939 etwa 7 000 Juden.
Mit dem Krieg gegen die Sowjetunion eröffneten die deutschen Faschisten, die „Rassisten-Antisemiten“ – wie Kurt Pätzold schrieb („Zweiter Weltkrieg“, S. 54) – „ein neues, das letzte Kapitel ihrer Judenverfolgung, sie vollzogen den Übergang von der Politik der Vertreibung zur Praxis der Vernichtung“. Schon in den „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland“ vom 19. Mai 1941 wurde von der Wehrmacht ein „rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden“ gefordert.
Um dann nach dem Überfall auf die Sowjetunion „das Verbrechen unverzüglich in Gang zu setzen, wurden für den Einsatz hinter den drei Heeresgruppen so genannte Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) gebildet. Deren Oberkommandierender wurde SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes. Die Befehlszentrale der Gruppen befand sich mithin in Berlin. Der Auftrag dieser Sonderformationen lautete, alle Partei- und Staatsfunktionäre, die ihnen im besetzten sowjetischen Gebiet in die Hand fallen würden, zu exekutieren und ebenso alle Politischen Kommissare der Roten Armee. Gleichzeitig, und darin bestand schließlich die hauptsächliche Tätigkeit dieser Mörderschwadronen, hatten sie die Juden zu töten.“ (Ebenda, S. 54/55)
Am 24. Juni 1941 erschoss eine rasch formierte Gruppe von Polizisten in der ostpreußischen Stadt Memel – nahe der Grenze auf litauischem Gebiet – die dort angetroffenen Juden. Auf diese Weise nahm sie der heranrückenden Einsatzgruppe einen Teil ihres Mordhandwerks ab. Diesem Verbrechen folgten unzählige weitere. Mit dem Massaker von Kamenez-Podolsk an ungarischen und ukrainischen Juden Ende August 1941 begann eine Reihe von Massenerschießungen. Im September/Anfang Oktober 1941 starb die jüdische Bevölkerung von Kiew in Baby Jar …
Auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 ging es vor allem darum, die Organisation der Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung in den Osten und die erforderliche Koordination sicherzustellen. Also gewissermaßen einen Generalplan zur „Judenvernichtung“ aufzustellen. Auf ihr wurde beraten, wie das Verbrechen, dem bis zum Ende des Krieges in Europa und der Zerschlagung des faschistischen Deutschlands 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen, noch schneller und „effektiver“ umgesetzt und „vollendet“ werden konnte.
Dass es eine solche Konferenz gegeben hatte, war bereits zur Zeit des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg (1945/46) bekannt. Doch erst allmählich ergab sich durch Untersuchungen, die Sichtung von Dokumenten und aus den Aussagen überlebender Teilnehmer, die meist versuchten, ihre eigene Rolle während der Konferenz und bei der Durchsetzung des Beratenen herunterzuspielen, ein Bild des tatsächlichen Geschehens.
Kurt Pätzold fasste die Aussagen von Adolf Eichmann während seines Prozesses in Israel, der 1961, nachdem man seiner in Argentinien habhaft werden konnte, stattfand, über den Ablauf der Wannseekonferenz wie folgt zusammen:
„Behält man sein Verteidigungsinteresse im Angesicht des Galgens im Gedächtnis, so lässt sich aus Eichmanns Aussagen doch über den Hergang der Zusammenkunft etwa folgendes Bild gewinnen: Zunächst hörten die Geladenen den Vortrag Heydrichs, für den ihm Eichmann das Material herbeigeschafft und geordnet hatte. Der RSHA-Chef sprach wie auch bei anderen ähnlichen Gelegenheiten frei, hielt sich aber an die Papiere Eichmanns mit Sicherheit dort, wo er Zahlenangaben referierte. Wenn die Anordnung des Protokolls auch die zeitliche Reihenfolge wiedergibt, dann ließ Heydrich nach seinen Ausführungen, die den Vernichtungsplan umrissen, zunächst eine Aussprache darüber zu, wie gewährleistet werden könne, dass wirklich alle im faschistischen Machtbereich befindlichen Juden ergriffen und deportiert würden, damit niemand dem Tode entginge. Dann entwickelte er seine Auffassungen über die Behandlung der ‚Mischlinge’ und der in ‚Mischehen‘ lebenden Juden, worüber innerhalb der faschistischen Führungsspitze und Bürokratie unterschiedliche Ansichten herrschten und abweichende Pläne existierten. Danach wurde dieser Fragenkomplex diskutiert. Schließlich kehrte die Diskussion wieder zum ersten Teil, dem Massenmord, zurück.
Diese abschließende Debatte erfolgte, immer nach Eichmanns Berichten, in aufgelockerter Stimmung, zu der beigetragen haben mochte, dass Ordonnanzen Heydrichs Gästen auch Cognac anboten. In Eichmanns Gedächtnis blieb, dass sich die Anwesenden mit deutlichen Temperamentsunterschieden an der Diskussion darüber beteiligten, wie man die Juden umbringen und mit welchen Gruppen von ihnen man beginnen sollte.“ („Die Wannseekonferenz – zu ihrem Platz in der Geschichte der Judenverfolgung“, S. 265)
Eichmann galt als „Protokollführer“ des sogenannten Wannseeprotokolls. Vor allem aber war er Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständigen Eichmannreferats des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in Berlin.
Bevor die Wannseekonferenz einberufen wurde, hatten die Mörder mit Zustimmung der deutschen faschistischen Führung rund 900 000 Juden aus Deutschland, Polen und Russland in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten umgebracht.
Ein Drittel der Konferenzteilnehmer überlebte den Krieg nicht. Heydrich starb 1942 an den Folgen eines Attentats, Roland Freisler kam bei einem Bombenangriff ums Leben, Rudolf Lange und Alfred Meyer verübten Selbstmord. Martin Luther verstarb im Frühjahr 1945 an den Folgen seiner Haft im KZ Sachsenhausen. Heinrich Müller gilt als verschollen. Zwei Teilnehmer wurden 1946 hingerichtet, andere starben, bevor sie belangt werden konnten. Soweit die Überlebenden vor Gericht kamen, wurden sie bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Adolf Eichmann wurde wegen seiner Verbrechen in Israel verurteilt und 1962 hingerichtet.

Quellen u. a.:
Kurt Pätzold: Zweiter Weltkrieg, Basiswissen, PapyRossa Verlag, Köln 2014
Kurt Pätzold: Die Wannseekonferenz – zu ihrem Platz in der Geschichte der Judenverfolgung, in: Faschismus und Rassismus. Kontroverse um Ideologie und Opfer, Hrsg. Werner Röhr in Zusammenarbeit mit Dietrich Eichholtz, Gerhart Hass und Wolfgang Wippermann, Akademie-Verlag, Berlin 1992


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Leserbrief zu »Generalplan zur „Judenvernichtung“«, UZ vom 20. Januar 2017





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