Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 20. Januar 2017

Enttäuschend
Man stelle sich vor: Der Einladung der „jungen Welt“ an Künstlerinnen und Künstler, sich während der LL-Konferenz am letzten Samstag in Berlin mit Werken zu präsentieren, wäre der eine oder andere bekannte bis sehr bekannte Künstler gefolgt: Es hätte große Aufmerksamkeit bereits im Vorfeld gegeben. Welche Mühe wäre aufgewandt worden, um eine ansprechende und angemessene Form der Präsentation zu finden, welche mediale Arbeit wäre geleistet worden, um dies zu würdigen.
Man stelle sich vor, diese Anforderungen an die Kunstausstellung hätte man im diesjährigen Rahmen zugrunde gelegt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, den Abstand zwischen den gezeigten Bildern und den Betrachtern auf mehrere Meter zu halten, die Lesbarkeit von Titel und Künstler auf kleine Täfelchen zu reduzieren, Informationen über den/die Künstler/Künstlerin nur bei den Wenigsten vorzuhalten. Die Lichtverhältnisse im Foyer des Hotelkomplexes, in dem die LL-Konferenz stattfand, waren auch nicht zum Besten und je später der winterliche Nachmittag, desto düsterer und abweisender wurde es.
Wer auch immer das zu verantworten hatte, es machte den Eindruck von Gedankenlosigkeit und geringer Wertschätzung und sollte bei der Bedeutung, die gerade linke Organisationen der Kunst und ihren „Verursachern“ widmen müssen, nicht passieren. Damit kein falscher Eindruck hängen bleibt: Die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen für die „Eishalle“ auf dem UZ-Pressefest in Dortmund ist auch nicht besser. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.

Entlarvend
Zur ideologischen Begründung und festen Verankerung imperialistischer Politik der Herrschenden in großen Teilen der Bevölkerung gehört auch der „richtige Blick auf vergangene Zeiten“. Die Frage „Wer erzählt wie die Geschichte der Völker“ ist von eminenter Bedeutung dafür, wie laufende und geplante Politik gestaltet wird.
In Verantwortung des Bundes existiert in Berlin das „Deutsche Historische Museum“, Unter den Linden gelegen. Hier läuft zur Zeit die Ausstellung „Deutscher Kolonialismus – Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“. Behauptet wird im Begleittext, dass die koloniale Ideologie offengelegt würde, dass die Motive der Kolonisatoren deutlich würden und welche Auswirkungen bis heute die deutsche Kolonialgeschichte habe.
Auf der Suche nach den Interessen, die das deutsche Kapital, die Bourgeoisie und ihr Personal aus Politik, Militär, Kirchen und Universitäten bei den Eroberungen besonders im Süden Afrikas, aber auch in Südostasien verfolgten,  sucht der Besucher vergeblich nach Fakten zur Ausbeutung von Rohstoffen, zu beteiligten Firmen, nach Zahlen und Größenordnungen. Das Wort „Imperialismus“ taucht in der Ausstellung erst in einem Aufruf der KPD 1927 auf zu einer Kundgebung gegen die Bestrebungen von Teilen der maßgebenden Kräfte, die Kolonien zurückzubekommen oder neue zu erhalten.
Lieber zeigen reichlich viele Exponate die „segensreiche“ Arbeit der Christianisierung, die nur dem wissenschaftlichen Fortschritt gewidmeten Arbeiten von Robert Koch und Paul Ehrlicher zur Tropenmedizin und eine Überfülle an Devotionalien und Reisemitbringseln. Entlarvend ist, dass erst eine Schulwandkarte von 1938 (!), geschmückt mit markigen Sätzen von Hitler, Goebbels und Göring, die früheren und von den Faschisten wieder aufgenommenen Interessen anhand konkreter Beispiele, Zahlen und Größen, die kontinuierlichen Bestrebungen deutlich macht.
Erfreulich ist der Blick ins Gästebuch: Gefühlt mehr als die Hälfte aller Eintragungen äußern sich enttäuscht über die offensichtlichen Mängel, die Geschichtsklitterung und den Versuch der Bundesregierung, über eine sonntägliche Entschuldigung gegenüber den Nachfahren der Unterdrückten und Ermordeten jegliche Debatte über Entschädigungen zu vermeiden bzw. zurückzuweisen.


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