Abschied von einem Revolutionär

Ein persönlicher Nachruf auf den früheren Vorsitzenden der DKP
Von Hans-Peter Brenner stellvertretender Vorsitzender der DKP
|    Ausgabe vom 20. Januar 2017
Herbert Mies, 1992 (Foto: UZ/Manfred Scholz)
Herbert Mies, 1992 (Foto: UZ/Manfred Scholz)

Zwölf Tage vorher hatte ich mit ihm noch mein alljährliches Neujahrstelefonat geführt. Als ich ihm dabei berichtete, dass ein Mitglied der Bildungskommission des Parteivorstands seinen Wiedereintritt in die DKP damit begründet hatte, dass er zurück in die Partei von Herbert Mies wollte und dann feststellen musste, dass einiges von dem Selbstbewusstsein und der Klarheit dieser Partei zu diesem Zeitpunkt zu verschwinden gedroht hatte, lachte er natürlich.
Aber er war auch sichtlich stolz darauf, dass seine Partei ihn nicht vergessen hat. Im Frühsommer hatte er sich nach mehreren Anfragen entschlossen, trotz seiner angeschlagenen Gesundheit auf der Veranstaltung des Parteivorstands zum 60. Jahrestag des Verbots der KPD zusammen mit seinen Kampfgefährten Heidi Hummler und Willi Gerns in Karlsruhe aufzutreten. Und er brachte dann, wie Patrik Köbele so treffend formulierte, „den Saal zum Rocken“. Er begeisterte durch seinen Elan und seinen ungebrochenen Optimismus für die Zukunft dieser, seiner DKP.
Diese Solidarität mit seinen Genossinnen und Genossen, die Deutlichkeit, mit der er die Entscheidungen der beiden letzten Parteitage – besonders zur Charakterisierung der DKP als „marxistisch-leninistischer Partei“ – begrüßt hatte, werden mir ein bleibender Ansporn sein. Als ich ihm im Namen der Partei noch einmal dafür dankte, sagte er: „Das war mein letzter öffentlicher Auftritt für die Partei. Ich bin dankbar und bewegt, dass ich das erleben konnte. Aber es geht gesundheitlich nicht mehr.“
Herbert war als Vorsitzender für uns Junge allein schon wegen seiner lautstarken und sehr kräftigen Stimme eine Respektsperson. Er war es, der die DKP von 1971 bis 1989 durch zum Teil schwere politische und ideologische Stürme und Anfeindungen steuerte. Natürlich war er Teil eines starken und imponierenden Führungskollektivs, aber seine individuellen Charakterzüge und seine oftmals „bollerigen“ und klaren „Ansagen“ standen auch für sich schon wie feste Wegmarken im Raum.
Manchmal merkte man aber auch, wie sehr er von der Verantwortung als Vorsitzender geprägt war. Dann war er weniger der Mensch und Arbeitersohn aus Mannheim, sondern derjenige, der eine schwere politische Verantwortung zu schultern hatte. Dann erhielt sein Auftreten auch etwas Offizielles, so als ob er sich dazu zwingen musste, sein Temperament zu zügeln.
Einmal erlebte ich ihn an einem frühen Morgen gegen 6.30 Uhr im Bonner DKP-Kreisbüro. Es war am Tage der großen Friedensdemonstration der 400 000 im Hofgarten. Wir Genossen vor Ort waren stark eingebunden in die organisatorischen und technischen Aufgaben zur Absicherung der größten Demo, die die alte BRD erleben sollte. Und natürlich waren wir angespannt, geschafft und müde.
Da stand plötzlich Herbert unangemeldet da. Ein Vorsitzender, so wie ich ihn noch nicht erlebt hatte. Leise, entspannt, fast vergnügt; wie ein Kind, das kurz vor der Weihnachts- oder Geburtstagsbescherung steht. Neugierig, aber auch sicher, dass dieser Tag etwas Großartiges bringen würde. Voller Stolz auf „seine“ Partei. Er zeigte darüber hinaus eine Sensibilität – ich möchte fast sagen Weichheit – in diesen Minuten.
Das diesjährige LLL-Treffen der DKP, das auf die Nachricht von Herberts Tod genau mit der revolutionären Entschlossenheit reagierte, die ihn auszeichnete, macht mir Mut und stärkt meine Gewissheit, dass die „Partei von Herbert Mies“ zwar anstrengenden, aber erfolgreichen Zeiten entgegen geht.
Lenin hatte einmal zum Umgang mit dem Vermächtnis von Revolutionären erklärt: „Die großen Revolutionäre wurden zu Lebzeiten von den unterdrückenden Klassen ständig verfolgt. Nach ihrem Tod versucht man, sie in harmlose Götzen zu verwandeln.“ Sorgen wir also dafür, dass Herberts politisches Erbe keine traurige Ballade, sondern ein politischer Rock-Sound wird, der die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringt.
Wir trauern mit seiner Familie; insbesondere mit seiner Frau und Kampfgefährtin, unserer Genossin Gerda, die alle politischen Höhen und Tiefen dieses Kommunisten und Revolutionärs mit durchschritten hat.


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Leserbrief zu »Abschied von einem Revolutionär«, UZ vom 20. Januar 2017





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