Autos und kein Ende

Ein Blick in die (Medien-)Welt der letzten Woche
Von Adi Reiher
|    Ausgabe vom 13. Januar 2017

Nach 70 Jahren ist „Der Spiegel“ ein Presseorgan unter anderen.
Seine beste Zeit hatte das Magazin, als sein Herausgeber Augstein Ende 1962/Anfang 1963 für über 100 Tage in Untersuchungshaft saß. In einem Bericht über die Bundeswehr hatten Kanzler Adenauer und Verteidigungsminister Strauß einen „Abgrund von Landesverrat“ entdeckt.
Die offenkundig falschen Anschuldigungen gegen Augstein und seine Mitarbeiter führten zu zahlreichen Protesten vor allem junger Menschen und letztlich zur Entlassung des Verteidigungsministers Strauß. Sie leiteten auch das Ende der Kanzlerschaft Adenauers noch 1963 ein. Spiegelmacher Augstein war dann Mitte bis Ende der 60er Jahre bei diversen Diskussionsveranstaltungen – die im auflagenstarken Magazin dokumentiert wurden – in Universitäten ein gern gesehener Gast. Seine oppositionelle Haltung leistete ihren Beitrag zum Aufbruch der Studenten-, Schüler- und Lehrlingsbewegung.
Mit Augsteins und des Spiegels fortschrittlicher Haltung war es schnell vorbei. Von den Engländern 1947 gegründet war die Zeitung immer ein Mainstream-Medium. Die heroische Phase während der Spiegel-Affäre verdankte man – nolens volens – einem durchgeknallten Verteidigungsminister und einem senil werdenden Kanzler.

Laut Umfragen bleiben die Deutschen auch angesichts des Berliner Weihnachtsmarktanschlages einigermaßen gelassen. Eine Mehrzahl unserer Landsleute, 73 Prozent, fühlt sich sicher. Unter den Anhängern der Partei „Die Linke“ sind es sogar 96 Prozent, bei denen der AfD allerdings nur 34 Prozent. Ein eher beunruhigender Hinweis darauf, dass diese erfreuliche Gelassenheit nur so lange dauert wie sie dauert.

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der PKW-Neuzulassungen in Deutschland auf 3,4 Mio. gestiegen. Nur VW verzeichnet rückläufige Zahlen, hat dafür aber beim weltweiten Umsatz um 2,8 Prozent auf sechs Mio. Fahrzeuge zugelegt. Fast 50 Prozent der hierzulande zugelassenen Autos sind Diesel-PKW.
Das ist eine schlechte Nachricht – vor allem für die Umwelt. 16 Monate nach Bekanntwerden des sogenannten VW-Abgasskandals hat sich nichts verändert. Aktuelle Studien ergeben, dass der CO2-Ausstoß eines Diesel-PKW höher ist als der von Lastwagen oder Bussen, die bei fünfmal höherem Benzinverbrauch weniger als die Hälfte der Schadstoffe von Personenwagen ausstoßen. Möglich machen das gesetzliche EU-Vorgaben aus dem Jahre 2013, die die Hersteller zwangen den Schadstoffausstoß nicht nur im Testbetrieb, sondern im realen Alltag des Fahrzeuges massiv zu senken. Nichts spricht dafür, dass das nicht auch bei PKW-Motoren möglich wäre.
Dass nichts geschieht, kann nur einen Grund haben. Nach dem Autokanzler haben wir jetzt eine Autokanzlerin plus Autoregierung. Ein beschämender Skandal, der üble Folgen hat. Aktuell sind dies zum Beispiel hitzebedingte Sterblichkeit in Europa, Übertragung von Infektionskrankheiten in einigen Gebieten und allergene Pollen, zunehmender Schädlingsbefall in der Landwirtschaft, Ernteausfälle durch wärmere und trockenere Bedingungen in weiten Teilen Afrikas, Verlust von Küstenfeuchtgebieten und Küstenüberflutung infolge des gestiegenen Meeresspiegels. Diese Auswirkungen werden sich verstärken und schon bis 2020 zu akutem Wassermangel für 250 Mio. Menschen in Afrika führen, um nur eine Folge zu nennen.
Diese Szenarien sind seit Jahrzehnten bekannt. Dass nichts getan wird, ist eine der augenfälligsten Hinweise auf die Überlebtheit eines ausschließlich an der Profitmaximierung interessierten Wirtschaftssystems – des gemeinen Kapitalismus.


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Leserbrief zu »Autos und kein Ende«, UZ vom 13. Januar 2017





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