Wochenrückblick von Adi Reiher

Silvester in Köln

|    Ausgabe vom 6. Januar 2017
 (Foto: CC0 Public Domain)
(Foto: CC0 Public Domain)

Im Spielfilm „My Big Fat Greek Wedding“ sagt der Brautvater sinngemäß, es gäbe nur zwei Arten von Menschen: Griechen und solche, die es sein wollen. Der geborene Kölner empfindet bezüglich seiner Heimatstadt ähnlich. Als Kölner Imi (Zugezogener) sehe ich das anders. Ich mag es hier zu leben, aber wer den Dom wegdenkt, sieht Gelsenkirchen – das bekanntlich auch seine Reize hat.
Die Silvesternacht 2015/16 hat dem Selbstverständnis der Kölschen einen Schlag versetzt. Sollte sie wohl auch. Lassen wir mal offen, wer da was „drehte“. Es versprach, spannend zu werden, was in der Silvesternacht 2016/17 passieren würde. Die Medien litten im Vorhinein tagelang an Schnapp-Atmung.


Am Silvestervormittag verfängt sich WDR 2-Moderator Uwe Schulz in der eigenen, stets bemühten Feingeistigkeit. Den anscheinend besonders E-Mail-schreibfreudigen Flüchtlingsfeinden („Raus mit den Terroristen“) wirft er vor, sich nur anonym zu äußern. Dann sagt er, dass sich doch jeder frei äußern könne – ohne Angst vor Repression.
Auch wenn Schulz – christlich geprägter Antifaschist – es nicht beabsichtigen mag, er folgt einem typischen medialen und fatalen Verhaltensmuster unserer Tage. Angebliche „Stimmen aus dem Volke“ werden unkritisiert zitiert. Auch Schulz prangert nur die Form, nicht den Inhalt an. Im Ergebnis werden die anonymen Schmutzfinken ermutigt, ihre Haltung frei zu bekennen. Sie wird mit dem Prädikat „Meinung des demokratischen Spektrums“ geadelt, anstatt sie als verfassungswidrig, faschistoid und verbrecherisch zu brandmarken.


Mick Jagger spricht Spanisch. 3sat sendet am Silvesterabend den offiziellen – von den Rolling Stones autorisierten – Spielfilm über ihr Konzert in Havana am 25. März 2016. Gleich am Anfang wird der – falsche – Eindruck erweckt, das Konzert sei die Rückkehr des Rock‘n‘Roll auf die Karibik-Insel nach jahrzehntelanger Ächtung. Richtig ist, dass es eine solche – kein Verbot – Anfang der 70er Jahre, das „graue Jahrfünft“, des vergangenen Jahrhunderts gegeben hat, Rock wurde auf Kuba aber immer gehört und gespielt.
Mick Jagger spricht erstaunlich viel und gut Spanisch, einen Teleprompter kann ich nur vermuten, ich sehe keinen. Das Publikum – hunderttausende Kubaner und Touristen – ist von Jaggers Sprachkünsten entzückt und klatscht enthusiastisch, außer nach einem Satz: Jagger wünscht sich das Konzert als Beginn politischer Veränderungen. Das Publikum schweigt höflich.


Weit über 1 000 Polizeibeamte tummeln sich in dieser Silvesternacht rund um den Kölner Hauptbahnhof. Zehnmal mehr als im letzten Jahr. Was soll da passieren? Ein Narr, wer auch nur zu laut hustet. Aber es muss etwas passieren. Wo wäre sonst die Rechtfertigung des massiven Einsatzes?
Für diese komplizierte Gemengelage hat der liebe Polizeigott die Personenüberprüfung erfunden. Ob mit oder ohne Anlass, das schafft Action, Ärger und Vorfälle, auf die man später verweisen kann. Heute überprüft die Polizei gezielt „Nafris“. Nafri ist das putzige, völlig unrassistische und liebevolle Polizeikürzel für einen Menschen, der aus Nordafrika stammt.
So wird also jeder überprüft, der nach „Nafri“ aussieht. Bereits in den Zügen, beim Aussteigen, auf dem Bahnhofsvorplatz werden einige hundert „Nafris“ eingekesselt, zwecks Überprüfung, versteht sich. Die Ausbeute ist leider gering. Kaum Festnahmen, kaum Straftaten. Von letzteren behauptet später ein Polizeisprecher, dass der Polizeieinsatz sie massenhaft verhindert habe. Das kann man glauben, aber Tatsache ist, dass sich diese Einlassung im Bereich des Postfaktischen bewegt.
Übrigens wissen wir definitiv, dass „Nafri“ auf keinen Fall rassistisch gemeint ist. Denn die Polizei hat noch andere nette Abkürzungen. z. B. „BuRu“ für Menschen aus Bulgarien oder Rumänien. Die einen stammen von den Mazedoniern und den Thrakern ab, die anderen von den Römern und Dakern. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass alle 1 700 Polizisten im Kölner Einsatz darüber genau Bescheid wissen.


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Leserbrief zu »Silvester in Köln«, UZ vom 6. Januar 2017





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