Die schrägen Typen

Honoré de Balzacs „Typenlehre der Presse“
Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 6. Januar 2017

Honoré de Balzac, porträtiert vom zeitgenössischen Karikaturisten Nadar.

Honoré de Balzac, porträtiert vom zeitgenössischen Karikaturisten Nadar.

 

Honoré de Balzac
„Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Journaille“
Herausgegeben und übersetzt von Rudolf von Bitter
Manesse Verlag, München 2017, 19,95 Euro

Manchmal gibt es im Wust der Buch-Neuerscheinungen kleine Kostbarkeiten zu entdecken.
Der Manesse Verlag, der bekannt ist für seine gut gemachten und ordentlich edierten Ausgaben der Weltliteratur, legte vor kurzem eine solche Preziose auf.
Obwohl bereits 1843 in Paris erschienen und obwohl eine umfangreiche, leider vergriffene Ausgabe „Gesammelte Werke“ bei Diogenes erschienen ist, war diese Textsammlung nie ins Deutsche übertragen worden. Die Rede ist von Honoré de Balzac und seiner Schrift „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken“, gemeinsam mit anderen, dazu passenden und bisher bei uns unbekannten Texten über die Raubdruckerei und die Forderungen zum Schutz des geistigen Eigentums.
Honoré de Balzac, geboren 1799 in Tours, südwestlich von Paris und gestorben 1850 in Paris, wird zu Recht und mit vielen Gründen zu den wichtigen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts gezählt, nach Jahren als Journalist und Gelegenheitsautor gelang ihm 1831 mit „Das Chagrin-Leder“ die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu gewinnen, die es ihm erlaubte, sich als freier Autor nur noch seinen literarischen Arbeiten zu widmen. Spätestens mit der umfangreichen „Menschlichen Komödie“, die 1835 erschien und deren Titel bereits das Vorbild Dante und dessen „Göttliche Komödie“ aufnahm, in den Kosmos – manchmal auch ins Panoptikum – der Weltliteratur geschrieben. Balzac lebte nicht im Elfenbeinturm, 1839 wurde er Präsident des französischen Schriftsteller-Verbandes, formulierte scharf und verständig gegen das Unwesen der Raubdruckerei und für den Schutz des geistigen Eigentums, schrieb einen „Code littéraire“ als Gesetzesvorlage, der zwar erst 1862 Eingang in ein Gesetz fand, aber immerhin.
Eine beliebte Methode dieser Zeit, entlehnt den Tafeln, die aus der Biologie, Zoologie und der neuen Wissenschaft der Chemie bekannt waren, schuf Balzac eine „Typenlehre der Pariser Presse“.
Die Beschränkung auf die französische Hauptstadt war keine, denn das (ver)öffentlichte Leben fand nur in Paris statt, das große Land war wirklich nur Provinz. Balzac stellt uns durch Ordnungen und Gattungen die vor, die die Zeitungen und Zeitschriften machen, finanzieren und beeinflussen. Nicht alle können hier im Einzelnen vorgestellt werden. Der erste und wichtige Typ ist der Chefredakteur, laut Balzac der „Graf Gernegroß“ und als „Rattenfänger der Zeitung tritt er als ihre Seele auf“. „Weil er gezwungenermaßen auch mit den Autoren spricht, kommt er mit Gedanken in Berührung, scheint über Weitblick zu verfügen und gibt sich das Ansehen einer starken Persönlichkeit“. Eine schöne Type ist auch der „Tenor“, er produziert den „Quark, der sich täglich am Kopf einer Zeitung zu befinden hat und also der Aufmacher ist“. Zuletzt soll hier das „Faktotum“ genannt werden, die Type, die die Kurzmeldungen sammelt, gerne auch vermischte Meldungen oder Hinweise notiert, aber ungeheuer wichtig ist, denn sie bleibt, bis die Zeitung in Druck geht. „Als Chef vom Dienst ist er von eminenter Bedeutung, die interessantesten Dinge, die großen und die kleinen Artikel, alles wird zwischen Mitternacht und ein Uhr zu einer Frage der Seitengestaltung, in jener fatalen Stunde der Zeitungen, der Stunde, wenn die politischen Nachrichten, die gegen Abend ins Kraut schießen, nach Kurzmeldungen verlangen.“
So geht es rund 150 Seiten lang, jeder bekommt sein Fett weg bis hin zum Abonnenten und Leser, der sich so was Tag für Tag servieren lässt und dabei meint, „er bilde sich eine Meinung“.
Heute sind wir, was die sogenannte „Medienlandschaft“ angeht, viel breiter aufgestellt (auch so ein bescheuertes Wortgetüm), die Nutzung von Papier hat sich längst verändert durch Radio, Fernsehen und die Möglichkeiten elektronischer Medien, aber die Typen, die diese Landschaft bevölkern, sind nicht sehr verschieden von denen, die Balzac so treffend geschildert hat. Wiedererkennung und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind möglich, wer sich den täglichen Auftrieb in Berlin antut, sieht diese Figuren (heute auch gerne in weiblicher Gestalt) ihr Geschäft verrichten.
Eine kleine Nachbemerkung: Wenn das Diktum des Chefredakteurs dieser Zeitung, der UZ, richtig ist, „dass man den Imperialismus richtig verstehen muss, wenn man ihn bekämpfen will“, so mag die Frage erlaubt sein, ob es sich lohnt, in diesem Berliner Betrieb laufend und professionell dabei zu sein.

 

Honoré de Balzac
„Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Journaille“
Herausgegeben und übersetzt von Rudolf von Bitter
Manesse Verlag, München 2017, 19,95 Euro


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