Jugend unter Existenzdruck

Arbeit in Form befristeter Verträge, Leiharbeit und Niedriglohn
Von Philipp Kissel
|    Ausgabe vom 23. Dezember 2016

Die Jugend von heute ist angepasst und ängstlich, sie ist so wenig rebellisch wie noch nie seit dem zweiten Weltkrieg. Das ist das Ergebnis verschiedener Jugendstudien, die in den letzten Monaten veröffentlicht wurden. Sie stellen eine „Normalarbeitsplatznostalgie“, Sehnsucht nach einem unbefristeten Vollzeitarbeitsplatz fest. Man könnte fast meinen, die Soziologen beschweren sich über die „langweilige“ Jugend.
Der Anpassungsdruck kommt nicht von ungefähr. Die Lage der Jugend ist von zentralen Verschlechterungen der Arbeiterrechte geprägt, die bei den neu auf den Arbeitsmarkt Kommenden schneller greifen. Ältere sind zum Teil noch durch bestehende Verträge geschützt. Zugleich sind die Jungen von der zunehmenden Armut der Eltern geprägt.
In Deutschland leben 8,8 Millionen junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. Davon leben 1,8 Millionen in Armut, wie der „Monitor Jugendarmut“ der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit ergab. Das heißt, jeder fünfte Jugendliche lebt in Armut. Von Armut bedroht sind noch mehr: 2,5 Millionen unter 18-Jährige und 1,5 Millionen 18 bis 25-Jährige. 79 Prozent der armen Jugendlichen konnten keine unerwarteten Ausgaben bestreiten. 27 Prozent hatten nur jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit, das sind fast 500 000 Jugendliche. Darüber hinaus können sie sich keine Freizeitangebote wie Konzerte oder Ausflüge leisten.
Die Sehnsucht nach einem sicheren Vollzeitarbeitsplatz ist also nachvollziehbar. Und genau der ist schwer zu erreichen. Wie eine Studie des WSI-Instituts ergab, ist befristete Beschäftigung ganz überwiegend ein Problem der Jugend. Über 60 Prozent der befristet Beschäftigten sind jünger als 35 Jahre, wobei Auszubildende, Praktikanten und Umschüler ausgeklammert sind. Der Anteil der befristet Beschäftigten an der Gesamtzahl der Beschäftigten liegt bei 9 Prozent.
Die jungen Arbeiter und Angestellten in befristeten Verhältnissen sind häufiger von Wochenend- und Schichtarbeit betroffen, und ihr Einkommen ist deutlich niedriger als bei unbefristet Beschäftigten. Mehr als ein Viertel der befristet Beschäftigten im Alter von 15 bis 35 Jahren verdient weniger als 1100 Euro im Monat, bei den Unbefristeten sind es 9 Prozent. All das bedeutet Unsicherheit und erschwert die gesamte Lebensplanung. Stabile Partnerschaften sind durch die ungünstigen Arbeitszeiten und häufigen Standortwechsel, sowie das geringe Einkommen schwierig. Während 27 Prozent der Unbefristeten 20 bis 34-Jährigen verheiratet sind, sind es bei den befristet Beschäftigten nur 17 Prozent. Von 100 Arbeiterhaushalten mit unbefristetem Arbeitsvertrag haben 42 Kinder, von 100 befristeten Haushalten sind es dagegen nur 29 Haushalte, die es sich leisten können, Kinder zu kriegen. 15 Prozent der Befristeten lebt in Armut, 7,5 Prozent bei den Unbefristeten.
Je höher qualifiziert die Ausbildung ist, desto eher ist der Einstieg in unbefristete Beschäftigung möglich. Die Aussichten auf eine Ausbildung sind aber nicht rosig. Trotz vergleichsweise guter Lage auf dem Arbeitsmarkt konnten 1,5 Millionen Deutsche unter 29 Jahren keine Ausbildung beginnen. 60 Prozent der Jugendlichen in den Umfragen des Sinus-Instituts gaben an, das Bildungssystem als ungerecht zu empfinden und dass die Ungleichheit immer mehr zunehme. Nach den Zahlen des „Jugend-Monitors“ wird Bildung „vererbt“: Von Eltern mit Hauptschulabschluss hatten nur 14,5 Prozent der Kinder einen Fach- oder Hochschulabschluss, von den Eltern mit Abitur erreichten dagegen 62,5 Prozent der Kinder ebenfalls Hochschulreife. Nach dem Schulabschluss landeten 236 000 Jugendliche in der Arbeitslosigkeit, darunter die meisten aus der Hauptschule (43 %) und der Realschule (25 %). Davon war wiederum mehr als die Hälfte auf Hartz IV angewiesen und damit besonders von Sanktionen und Leistungskürzungen betroffen. Für ausländische Jugendliche und Jugendliche mit Migrationshintergrund ist die Lage noch schwerer, nur 29 Prozent von ihnen gelang es, einen Ausbildungsplatz zu erringen.
Auch an der überdurchschnittlichen Zahl der Leiharbeiter lässt sich die Lage der Arbeiterjugend ablesen: 48 Prozent der Leiharbeiter sind jünger als 35 Jahre, bei der Gesamtzahl der Beschäftigten sind 33 Prozent unter 35. Leiharbeiter verdienen durchschnittlich um 42 Prozent weniger als die Kollegen der Stammbelegschaft. Und vor allem sind sie dem ständigen Wechsel des Arbeitsplatzes ausgesetzt und haben keinen Kündigungsschutz. Die Konsequenz sind besonders niedrige Löhne. Deshalb fällt es vielen jungen Erwachsenen schwer, einen eigenen Haushalt zu gründen. 62 Prozent der unter 24-Jährigen wohnt noch bei den Eltern.
Auch bei einer Verbesserung des Bildungssystems bleibt das grundsätzliche Problem bestehen: Es gibt für alle zu wenig Arbeit, jedenfalls zu wenig für das Kapital profitable Arbeit. Seit 1991 ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei Männern von 40,4 auf 35,1 Stunden gesunken, bei Frauen von 32,1 auf 26,2 Stunden. Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten ist von knapp 70 auf 50 Prozent gesunken. Das Arbeitsvolumen in Deutschland insgesamt ist seit 1990 nahezu gleichgeblieben, wurde aber auf mehr Beschäftigte verteilt. Die Reallöhne sind zwischen 2001 und 2009 um 5,7 Prozent gesunken. Seitdem sind sie aufgrund der relativ niedrigen Inflation zwar leicht gestiegen, zugleich aber auch die Lohnspreizung. Für viele Beschäftigte bleibt aber unter dem Strich wenig übrig. Laut dem WSI sind dagegen die Einkommen aus Vermögen und Unternehmensgewinnen von 2000 bis 2014 um 60 Prozent gestiegen. Kurz zusammengefasst: Die Ausbeutung der Arbeitskraft ist gestiegen, die Lebensbedingungen haben sich verschlechtert.
Vollzeitarbeitsplätze für alle Erwerbsfähigen mit einem Lohn, der zum Leben reicht: Das ist für das Kapital unmöglich. Viele Gründe, dass aus der Unsicherheit der Jugend, Wut und organisierter Widerstand wird.


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Leserbrief zu »Jugend unter Existenzdruck«, UZ vom 23. Dezember 2016





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