Aus für Sotschi

Bob- und Rodel-Weltmeisterschaften werden verlegt
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 23. Dezember 2016
 (Foto: M. Smeltert,Wikimedia, CC BY-SA 3.0)
(Foto: M. Smeltert,Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Das Jahr endet mit einem Sportskandal: Sotschi werden die Bob- und Rodel-Weltmeisterschaften entzogen! Eine im Grunde einmalige Entscheidung, die einen politischen Hintergrund hat und sicher noch einige Folgen haben wird. Um Irrtümern vorzubeugen: Es steht fest, dass bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi Doping-Manipulationen stattgefunden haben. Die zu untersuchen und danach entsprechende Strafen gegen die schuldigen Sportfunktionäre zu verhängen, ist Sache des russischen Sportbundes, wenn nicht sogar der russischen Regierung.
Die Entscheidung, diese Weltmeisterschaften nicht in Sotschi stattfinden zu lassen, hat der Internationale Bob- und Skeletonverband (IBSF) getroffen. Der hatte diese gravierende Entscheidung mit der Feststellung begründet, dass man eine WM ausrichten wolle, die vom „Sport fokussiert wird und nicht auf Anklagen und Diskussionen basiert – ob gerechtfertigt oder nicht“.
Es fällt nicht leicht, dieses Ereignis zu kommentieren. Der Schlusssatz „… ob gerechtfertigt oder nicht“ offenbart das Risiko der im Weltsport seltenen Entscheidung, denn wie ließe sie sich begründen, wenn sie nicht gerechtfertigt war?
Danach haben offensichtlich die Letten nicht gefragt, als sie als erste ihren Boykott verkündeten. Dann meldete sich die Bundesrepublik zu Wort. Der Kernsatz des eine dreiviertel Zeitungsseite füllenden Interviews mit dem Verbandspräsidenten Thomas Schwab – publiziert im ND – lautete: „Ich bin aber froh, dass es jetzt so gekommen ist.“ Einer der von Schwab zitierten Kronzeugen ist der russische Bob-Olympiasieger Alexander Subkow, der seine Anklage in der „New York Times“ veröffentlichte. Hauptankläger ist der vom internationalen Verband beauftragte seriöse Kanadier McLaren, der in einem Interview erklärt hatte: „Reporter: Gibt es eine Chance auf einen Wandel? – McLaren: Was Russland angeht, denke ich, dass es auf jeden Fall eine gute Chance für einen Wandel gibt. Sie machen große Schritte beim Versuch, etwas zu verändern und wir sollten ihnen die Chance geben, das zu tun.“
Noch einmal: Dieser Kommentar fällt kein Urteil, zeigt aber darauf hin, dass alle Standpunkte zumindest bedacht werden müssen.
Die russische Regierung hat den Entzug der Weltmeisterschaften 2017 als politische Entscheidung verurteilt. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte dem TV-Sender RT: „Das sind sehr traurige Nachrichten.“ Russland werde weiter mit allen Mitteln seine Interessen schützen. Der Präsident des russischen Bob- und Skeleton-Verbandes, Alexander Subkow, einst selbst Olympiasieger im Zweier- und Viererbob, wies die Vorwürfe zurück: „Aus rein sportlicher Sicht ist es schade, denn wir hatten vor, uns in Sotschi für die Olympiapleite 2014 zu rehabilitieren.“
Laut IBSF werde „in den kommenden Tagen“ über den neuen Austragungsort entschieden. Erfahrungsgemäß springen bei solchen Absagen oft die deutschen Veranstalter mit einer der drei Bahnen ein. „Ich habe BSD-Generalsekretär Thomas Schwab gebeten, einen Plan B zu erstellen. Die Ausrichter in Königssee haben schon mehrmals gezeigt, dass sie solche Events auch kurzfristig umsetzen können“, sagte Andreas Trautvetter, der Präsident des deutschen Bob- und Schlittenverbandes.
Man könnte noch manchen Kommentar hinzufügen, sollte aber darauf verzichten. Nicht verzichten dürfte der russische Verband auf den Schadenersatz der bereits gezahlten Kosten, denn die dürften nicht unerheblich sein. Wie immer die Affäre ausgehen mag: Man wird kaum leugnen können, dass Symptome der kontinuierlichen Anti-Russland-Kampagne auch im Sport kaum zu unterdrücken sind.


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Leserbrief zu »Aus für Sotschi«, UZ vom 23. Dezember 2016





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