Die Entscheidung: Kapital gegen Klima

Ende im Gelände für die Braunkohle
Von Wolfgang Reinicke-Abel
|    Ausgabe vom 23. Dezember 2016
Braunkohleabbau im Rheinland bei Garzweiler (Foto: CC0 Public Domain)
Braunkohleabbau im Rheinland bei Garzweiler (Foto: CC0 Public Domain)

Ein Jahr nach dem Welt-Klimagipfel ist es nach wie vor wichtig, dafür zu kämpfen, dass ein Großteil der fossilen Brennstoffe im Boden bleibt, um die Klimakatastrophe zu verhindern. Entsprechend dringlich sind Schritte zur Neuorientierung der Energiepolitik. Wir benötigen eine Energiepolitik, die Energiesparen unterstützt, die ein modernes Effizienzmanagement für fossile Kraftwerke vorsieht und die den massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien vorantreibt.
Hierbei bestehen große Chancen für Konversionsprozesse. Denn Windräder und Solaranlagen werden u. a. von Metallbetrieben hergestellt; bei Blockheizkraftwerken kommt Motortechnik zum Tragen, bei der Vernetzung der Anlagen werden moderne computergestützte Steuerungs-methoden benötigt. In der forcierten Umstellung des Energiesektors stecken immense Chancen für neue Arbeitsplätze, für globalen Umweltschutz.

Braunkohle schafft (viel) weniger Arbeit
Verglichen mit anderen Energiebranchen sind die 20000 (Rheinland, Helmstedt, Lausitz und Mitteldeutschland) Braunkohle-Arbeitsplätze ziemlich wenig. Laut einem Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums lag 2013 die Bruttobeschäftigung in den erneuerbaren Energien bei 371400 Stellen. Etwa 261000 davon werden zur sogenannten induzierten Beschäftigung gerechnet. Die entsteht zum Beispiel bei einem Anlagenbauer, wenn eine Energiegenossenschaft dort ein Windrad kauft, oder bei einem Dienstleister, der die Anlage dann wartet. Erneuerbare Energien schaffen auch im öffentlichen Dienst Arbeit, weil dort Anträge bearbeitet oder Genehmigungen erteilt werden. Die Schwerpunkte liegen bei der Projektierung von Anlagen im Bereich Photovoltaik, Windkraft und Biomasse. Dabei werden teilweise innovative Kombinationen mit Speichermedien und Finanzierungsmodelle mit Bürgerbeteiligung avisiert. Zu finden sind auch Konzepte zur Ansiedlung von Unternehmen und Einrichtungen aus der Branche regenerative Energien als ganzheitliche Liegenschaftsentwicklung.
Verwunderlich ist die Begründung der Fortsetzung der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen, nämlich Arbeitsplätze retten zu wollen: Im Jahr 2009 gab es im deutschen Kohlebergbau nur noch 27300 davon. Eine Zahl, die pro Jahr durchschnittlich um rund 2 500 abnimmt.
In den verschiedenen Sektoren der erneuerbaren Energien hingegen arbeiten schon heute über 300 000 Menschen, Tendenz steigend. Gefährdet wird diese positive Entwicklung durch einige an der Nordseeküste geplante neue Kohlekraftwerke (zum Beispiel in Brunsbüttel, Stade und Wilhelmshaven) und die Weiterführung der Verstromung der Braunkohle. Paradoxerweise gefährdet dieser Ausbau und das Votum gegen die Kürzung der Kohleförderung indirekt Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien, deren Ausbau dadurch beeinträchtigt wird.
Mit mehr als 30 Prozent an der Bruttostromerzeugung im Jahr 2015 sind die erneuerbaren Energien der wichtigste Energieträger im Stromsektor. Bis zum Jahr 2030 sollen die erneuerbaren Energien 50 Prozent zur Stromversorgung beitragen, bis 2050 sogar 80 Prozent. Im Vergleich dazu befindet sich der Wärme- und Mobilitätssektor noch in einem Dornröschenschlaf.
Doch dies könnte sich bald ändern. Speicher, intelligente Netze, sogenannte Smart-Grids, Elektrofahrzeuge sowie die Kommunikation zwischen Erzeugern und Verbrauchern vor Ort bekommen eine immer größere Bedeutung. Das 2010 verabschiedete Energiekonzept der Bundesregierung legt für den Bruttoendenergieverbrauch (also Strom, Wärme und Mobilität) bis 2050 als Ziel 60 Prozent erneuerbare Energien fest. Viele Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft sehen genug Potenziale für eine 100-prozentige Versorgung Deutschlands in den nächsten Jahrzehnten. In naher Zukunft sind die erneuerbaren Energien, hier vor allem der flukturierende Energieträger Wind und Sonne, die Hauptsäulen unserer Energieversorgung. Zeitweilig übernehmen heute schon Wind und Sonne den Großteil unserer Stromversorgung. Der zunehmenden Komplexität der Energiewende müssen zukünftige regionale Energiekonzepte Rechnung tragen.

70 000 Euro Förderung pro Arbeitsplatz im Jahr
Der Ausstieg aus der Steinkohle geht heute mehr oder weniger reibungslos vonstatten, weil mit der Steinkohle aus deutschen Bergwerken kein Profit mehr zu machen ist – mit der noch umweltunverträglicheren Braunkohle schon. Dabei ist 2018 ohnehin Schluss mit der deutschen Kohleförderung, da dann die Subventionen definitiv auslaufen. Die betragen derzeit immerhin rund 70 000 Euro pro Jahr und Beschäftigtem im Kohlebergbau. Dieses Geld könnte aber schon jetzt genauso gut in die Konversion dieser Arbeitsplätze investiert werden. Das hätte den Effekt, dass keiner der Arbeitsplätze gefährdet werden würde.
Jeder Euro, der in erneuerbare Energien, Effizienzsteigerung und öffentlichen Transport investiert wird, schafft sechs- bis achtmal so viele Arbeitsplätze, als wenn er in die fossile Energie-Infrastruktur geflossen wäre. Und die Schaffung dieser Arbeitsplätze ist zugleich Bestandteil des Wiederaufbaus eines öffentlichen Sektors, der fast überall dahinsiecht. Die Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur wird unsere Städte bewohnbarer werden lassen, unsere Gemeinden stärken und uns selbst gesünder machen. Das dafür nötige Geld lässt sich auftreiben, wenn wir die Umweltverschmutzer zur Kasse bitten, die Öl-, Gas- und Kohlekonzerne ebenso wie Rüstungsunternehmen oder Finanzspekulanten.


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Leserbrief zu »Die Entscheidung: Kapital gegen Klima«, UZ vom 23. Dezember 2016





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