Grüezi liebes Universum

Von Exoplaneten und der Suche nach E. T.
Von Nina Hager
|    Ausgabe vom 23. Dezember 2016

Das ESO-Observatorium einschließlich Hauptquartier (zusammenfassende künstlerische Darstellung)

Das ESO-Observatorium einschließlich Hauptquartier (zusammenfassende künstlerische Darstellung)

( ESO/M. Kornmesser/CC BY 4.0)

Das ESO-Observatorium einschließlich Hauptquartier (zusammenfassende künstlerische Darstellung). – Die Idee einer gemeinsamen Europäischen Sternwarte wurde 1953 geboren. 1963 wurde die Atacama-Wüste in Chile für das internationale Projekt ausgewählt. In den 2000er Jahren entwickelte sich der Wunsch nach einem Teleskop der neuen Generation („European Extremely Large Telescope – E-ELT).
Derzeit wird an drei Standorten in Chile der „Himmel“ durchmustert und werden wichtige wissenschaftliche Fragestellungen geklärt. Wenn das E-ELT in Betrieb geht, wird es um Informationen über die Frühzeit unseres Universums gehen, aber auch Schwarze Löcher, Neutronensterne und andere extrem kompakte Objekte sollen beobachtet werden. Die Suche nach extrasolaren – vor allem erdähnlichen – Planeten kann forciert werden. Dazu gehört der erste Nachweis eines erdähnlichen Planeten in der habitablen Zone um einen Stern unserer Milchstraße. Zudem soll das Teleskop die frühesten Stadien der Entwicklung von Planetensystemen untersuchen und Wasser und organische Moleküle in protoplanetaren Scheiben nachweisen.

 

Die Bewohner der Schweizer Gemeinde Entlebuch sandten im Frühjahr 2014 über ein Radioteleskop einen Gruß ins All – mit Alphornbläsern und Jodelchor: „Grüezi liebes Universum.“ Und dann folgte gleich der Werbeteil: „Kommen Sie uns besuchen. Hier ist es schön.“
Eine schräge Aktion? Sicher. Nur: Sie waren nicht die Ersten.

Diese künstlerische Darstellung zeigt einen Blick auf die mögliche Oberfläche des Planeten Proxima b. Auch der Doppelstern Alpha Centauri AB ist zu sehen (rechts von dem Zentralgestirn Proxima).

Diese künstlerische Darstellung zeigt einen Blick auf die mögliche Oberfläche des Planeten Proxima b. Auch der Doppelstern Alpha Centauri AB ist zu sehen (rechts von dem Zentralgestirn Proxima).

( ESO/M. Kornmesser/CC BY 4.0)

Heller als Jupiter
Zunächst einmal: Seit dem Beginn der Radioübertragung sendet die Erde Signale, die sich – als Kugelwelle – mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten. Ob wir es wollen oder nicht. „Und heute herrscht ein so ausgedehnter internationaler Funk-, Fernseh- und Radarverkehr, dass die Erde mittlerweile auf manchen Radiofrequenzen zum hellsten Objekt, zur stärksten Radioquelle im Sonnensystem, aufgerückt ist, heller als Jupiter, heller selbst als die Sonne“, schrieb Carl Sagan vor nunmehr 36 Jahren.
Seither dürfte die Erde für auswärtige Beobachter noch „heller“ geworden sein. Wenn die Signale aber vielleicht einmal von Fremden in der Ferne entziffert werden, was werden sie von uns denken?
1972 schickte die NASA, die US-Raumfahrtagentur, die Pioneer-10- Sonde ins All. An Bord war eine mit Gold überzogene Aluminiumplatte. Das Gold diente dem Korrosionsschutz. Die Abbildungen, die sich darauf befanden, sollten einer ersten Verständigung zwischen Erdenmenschen und Außerirdischen dienen. ­Pioneer-10 erreichte die äußersten Regionen unseres Sonnensystems. Ende Januar 2003, nach 31 Jahren Flug, meldete sich die Pioneer-10-Sonde das letzte Mal.
Auch an Bord der beiden 1977 gestarteten interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 sind Datenplatten, die in der Hoffnung mitgegeben wurden, dass einst Außerirdische die Botschaften erhalten werden. Auf den Platten sind Bild- und Audio-Informationen über die Menschheit gespeichert.
Voyager 1 flog zunächst die Planeten Jupiter und Saturn an. Ungefähr im August 2012 verließ sie den Bereich unseres Sonnensystems. Derzeit ist die Sonde etwa 20,50 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt, Voyager 2 ca. 16,9 Milliarden Kilometer. Das nächste Planetensystem mit der Sonne Proxima Centauri ist jedoch ein Vielfaches, nämlich 50 Billionen Kilometer, von uns entfernt …
1974 wurde mit eine Radiowellensignal die Arecibo-Botschaft vom Arecibo-Observatorium in Puerto Rico an den Kugelsternhaufen M13 gesandt. Sie wird noch sehr, sehr lange unterwegs sein. Der Kugelsternhaufen ist nämlich über 25 000 Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernt. Cosmic Call I und II wurden 1999 bzw. 2003 dagegen – wie auch andere Radiosignale – an sonnennahe Planetensysteme geschickt. Auf das „Wow!-Signal“, ein Schmalband-Radiosignal, das im August 1977 aus Richtung des Sternbildes Schütze aufgenommen wurde und dessen Ursache bis heute nicht eindeutig geklärt ist, „antwortete“ man 2012. Der Astrophysiker Jerry R. Ehmann hatte am 15. August 1977 im Rahmen seines SETI-Projektes (Search for Extraterrestrial Intelligence) ein Signal erhalten und war so verdutzt, dass er einfach nur „Wow!“ neben die Daten schrieb.
Als PR-Gag wurde 2008 ein Werbespot für die Tortilla-Chip-Marke Doritos in Richtung eines 42 Lichtjahre entfernten Sonnensystems geschickt.
Auf die Radio- und Fernsehsendungen gab es bis heute keine Reaktion, auf die Tortilla-Dip-Werbung glücklicherweise auch nicht. Auf keine der von Wissenschaftlern geplant gesandten Botschaften wurden bislang reagiert, auch wenn manche Enthusiasten meinen, die geheimnisvollen Kornkreise wären Nachrichten von Außerirdischen.
Was für ein Ärger: E. T. will einfach nicht antworten.

Hypothetische „Supererden“ im Vergleich zur Erde (links).

Hypothetische „Supererden“ im Vergleich zur Erde (links).

( Anynobody/wikimedia.com/CC BY-SA 3.0)

Viele Milliarden Welten
Dabei wissen wir heute: Eine Galaxie – wie auch die unsrige – enthält nach aktuellen Schätzungen ca. 100 bis 300, 400 Milliarden Sterne. Viele davon sind unserer Sonne ähnlich. Im beobachtbaren Universum wurden einige Milliarden Galaxien festgestellt. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden zudem tausende ferne Planetensysteme und Planeten entdeckt – viele dank der Möglichkeiten der Raumfahrt: Mit ihr wurden Beobachtungen außerhalb der Atmosphäre unseres Planeten möglich. Aktuell (18.12.2016) sind 3 549 Exoplaneten (Planeten außerhalb unseres Sonnensystems) – in anderen Planetensystemen oder einige auch als „Wanderer“ – katalogisiert. Sie wurden mittels unterschiedlicher Methoden entdeckt.
Darunter sind etwa 350, die als erdähnliche Gesteinsplaneten (mit kleinerer bzw. bis zu sechsfacher Masse der Erde) gelten. Einige liegen in der jeweiligen habitablen Zone, d. h. jener Zone in einem Planetensystem, in der aus unserer Sicht Leben möglich wäre.
Da müsste es doch Kandidaten geben …
Und tatsächlich, als Favorit – zumindest für Leben – galt einige Zeit die „Supererde“ Gliese 581 c. Gliese 581 c befindet sich in der habitablen Zone um das Zentralgestirn Gliese 581 (ein 20 Lichtjahre, also 190 Billionen Kilometer von der Erde entfernter Roter Zwergstern im Sternbild Waage). Auf dem Planeten könnte flüssiges Wasser existieren, aber Gliese 581 c liegt am „warmen“ Rand der habitablen Zone. Forscher nehmen deshalb an, dass die Verhältnisse auf dem Planeten denen auf der Venus ähneln.
Im Frühjahr dieses Jahres kam ein „heißer“ Kandidat auf die Liste der womöglich erdähnlichen Planeten. Es handelt sich um den Planeten mit dem Namen Kepler-1229b. Er befindet sich in jener Zone um seinen Heimatstern, einen roten Zwerg, in der Leben möglich ist. Kepler-1229b ist etwa nur etwas größer als die Erde, sein Durchmesser dürfte bei rund 17 900 Kilometern liegen – etwa 5 200 Kilometer mehr als unser Heimatplanet. Die Masse könnte der der Erde entsprechen, aber auch zehnmal größer sein. Doch: 770 Jahre braucht das Licht seines Heimatsterns bis zu uns.
An der Spitze der Rangliste der möglicherweise bewohnbaren Exoplaneten stehen zwei andere Kandidaten, die eine noch höhere Ähnlichkeit zur Erde aufweisen als Kepler-1229b und unser Mars. Bei dem einen handelt es sich um Kepler-442b, rund 1 100 Lichtjahre von der Erde entfernt. Die bisherige Nummer Eins ist Gliese 667Cc (22 Lichtjahren von der Erde entfernt) aus dem Sternbild Skorpion. Er ist einer von zwei Planeten um den Stern Gliese 667C, hat eine vierfach größere Masse als die Erde und einen etwas größeren bis doppelten Durchmesser. Die Temperaturen auf seiner Oberfläche sind denen der Erde wohl am ähnlichsten.
Mit jedem neuen Exoplaneten verschwindet ein wenig mehr von der Überzeugung der vermeintlich besonderen Stellung der Erde im All. Unser Planet ist nur einer von vielen.
Doch auch in unserer unmittelbaren „Nachbarschaft“ war die Suche erfolgreich.

In der „Nachbarschaft“: Proxima b
Erste Hinweise auf einen Gesteinsplaneten im System der Sonne Proxima Centauri, einem roten Zwerg (der häufigsten Sternart in unserer Galaxie), der 4,2 Lichtjahre, rund 40 Billionen Kilometer, von unserer Sonne entfernt ist, wurden 2013 gefunden. 2016 wurde dann am La-Silla-Observatorium der Europäischen Südsternwarte ESO in Chile die Vermutung bestätigt. Im August wurden die Ergebnisse der Untersuchungen in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht. Gefunden wurde Proxima b durch die sogenannte Radialgeschwindigkeitsmethode. Dabei wurde das Lichtspektrum von Proxima Centauri untersucht. Das Licht zeigte regelmäßige Schwankungen, die nur durch die Masse eines Planeten verursacht sein konnten.
Außer der Masse, die zwischen 1,27 und weniger als drei Erdmassen liegt, der Umlaufzeit (11 Tage) und der Entfernung von Proxima Centauri, gibt es bislang noch keine weiteren Daten, die über Proxima b bekannt sind. Im Vergleich zur Erde ist Proxima b seiner Sonne zwar 20 mal näher, da es sich bei dieser aber um einen roten Zwergstern mit geringer Strahlungsintensität handelt, sind Temperatur und Lichteinstrahlung vergleichbar. Auf Proxima b könnte flüssiges Wasser existieren, möglicherweise ein Ozean. Wasser aber ist eine wichtige Voraussetzung für Leben.
Doch den Planeten erreichen sogenannte Superflares (außerordentlich energiereiche Eruptionen) des nahen Sterns. Sollte Proxima b jedoch eine Atmosphäre und ein Magnetfeld wie die Erde besitzen, hätten diese Superflares wahrscheinlich keine signifikanten Auswirkungen auf die Biosphäre des Planeten.
Der Flug zu Proxima b würde mit den Mitteln der heutigen Weltraumtechnik rund 30 000 Jahre dauern. Aktuell wird über den Start einer größeren Zahl von Miniatur-Sonden diskutiert, die mit Hilfe großer Lichtsegel im All auf 60 000 Kilometer pro Sekunde beschleunigt werden könnten und von denen wenigsten einige nach 20 Jahren Proxima b erreichen könnten.
Ehe bemannte Flüge zu Proxima b starten können, wird wohl noch viel Zeit vergehen.
Und noch ein Dilemma wird deutlich. Gäbe es auf einem der genannten Planeten eine Zivilisation, die technisch-technologisch zumindest so weit sein müsste wie wir auf der Erde: Die Kommunikation wird wohl schwierig, denn zwischen Anfrage und Antwort würde viel Zeit vergehen.

Vergoldete Platte der Voyager-2-Sonde.

Vergoldete Platte der Voyager-2-Sonde.

( NASA/JPL/gemeinfrei)

Eine Enttäuschung?
Die Entdeckung von Exoplaneten brachte eine gewisse Enttäuschung: Lange waren die Fachleute der Überzeugung, dass andere Planetensystem wie das unsrige aufgebaut sind, in dem sich die großen Planeten auf sonnenfernen Umlaufbahnen bewegen. Dem entsprechend sollten auch die Systeme ferner Sterne eine ähnliche Struktur wie unser Sonnensystem aufweisen. Doch wie sich zeigte, gleicht kaum eines der fremden Systeme unserem Sonnensystem, und auch viele Planeten sind anders, als man dachte.
Die Entdeckungen neuer Exoplaneten führte zu einem grundlegenden Wandel unserer Vorstellungen über die Entwicklung von Planetensystemen.
Der Astronom Dieter B. Hermann erinnerte in einem Beitrag „Planen mit Migrationshintergrund“ – angesichts der neuen Entdeckungen – an das geltende Modell: „Schon 1755 hatte sich Immanuel Kant mit seiner genialen Frühschrift ‚Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels’ an diesem Problem versucht. Inzwischen ist die Zahl der Abhandlungen zu diesem Thema Legion. Je mehr konkrete Beobachtungsdaten über die Planeten zur Verfügung standen, umso eher konnten die Forscher hoffen, ein zutreffendes, wenn auch sicher zunächst noch vereinfachtes Modell der Entstehung eines solchen Planetensystems zu entwickeln. Schließlich wurde klar, dass die Entstehung von Sternen und Planeten in einem gemeinsamen Prozess erfolgt.
Ausgangspunkt ist eine rotierende Gaswolke mit geringen Staubbeimischungen (etwa ein Prozent), die unter dem Einfluss ihrer eigenen Gravitation zu kollabieren beginnt. Wegen des Drehimpulserhaltungssatzes nimmt diese Wolke mit der Zeit die Gestalt einer Scheibe an, in deren Zentrum der kugelförmige Stern entsteht. In der Scheibe hingegen finden komplizierte Verklumpungsvorgänge von kleinsten Teilchen zu immer größeren Körpern statt, die letztlich zur Entstehung der Planeten führen.“ (ND, 20.8.2016) Die Grundaussagen dieses Modells sind richtig. Es kann zugleich auch die Massenunterschiede der Körper im inneren und äußeren Sonnensystem erklären. Hermann macht aber darauf aufmerksam, dass dieses Modell entstand, als wir noch kein anderes Planetensystem kannten.
Unser Sonnensystem ist offenbar nicht typisch. So wurden beispielsweise Planetensysteme entdeckt, in denen gewaltige Gasriesen auf sternnahen Umlaufbahnen um ihr Zentralgestirn „rasen“ …
Unser wissenschaftliches Weltbild ist auch hier im Umbruch.

Gleichung mit vielen Unbekannten
Vor über 50 Jahren ahnte man davon noch nichts, hatte aber auch noch keine fernen Planetensysteme und Exoplaneten beobachtet.
Viele Naturwissenschaftler waren davon überzeugt, dass wir nicht allein im All sind. Unter ähnlichen Bedingungen musste sich doch Leben entwickelt haben, obgleich man sich sicher bereits bewusst war, dass der Umstand, dass auf der Erde das irdische Leben und dann der Mensch entstand, nur eine Möglichkeit aus einem potentiell unerschöpflichen Möglichkeitsfeld war.
Carl Sagan schrieb dazu ironisch in „Unser Kosmos“. „Wäre irgendwo eine Kleinigkeit anders gelaufen, könnten sich andere Lebewesen mittels Intelligenz und handwerklicher Geschicklichkeit zu ebensolchen Leistungen aufgeschwungen haben. Vielleicht die schlauen zweibeinigen Dinosaurier oder die Waschbären oder die Otter oder der Tintenfisch.“ (S. 296)
Ob sich aber die Ansicht als richtig erweist, dass das Leben überall nicht nur „den universellen Gesetzen von Chemie und Physik unterworfen ist“, sondern dass auch „die organische Evolution ein Prozess ist, der denselben fundamentalen Regeln im gesamten Kosmos gehorcht wie auf der Erde“ (Bylinsky, S. 9), ist nach wie vor völlig offen.
Astrobiologen sind deshalb bei der interdisziplinären Suche nach extrasolaren bewohnbaren Planeten und Monden mit dabei. Sie suchen nach Spuren der chemischen Evolution, nach Leben bzw. Spuren früheren Lebens in unserem Sonnensystem. Sie erforschen den Ursprung des Lebens sowie seine Entwicklung in der frühen Zeit der Erde und die mögliche Anpassung von Leben an unwirtliche Bedingungen auf der Erde und im All.
Die Überzeugung, dass Leben – in seinen vielfältigen Formen – nicht auf die Erde beschränkt ist, sondern im ganzen Universum vorkommt, wird dabei durch neuere Entdeckungen bestärkt. Forscher fanden die Grundmoleküle, aus denen Leben entsteht, überall im All: Aminosäuren konnten sogar in Gaswolken im interstellaren Raum nachgewiesen werden (durch Beobachtung ferner Regionen), aber auch ganz nah auf dem Kometen „Tschuri“ (67P/Tschurjumow-Gerassimenko) Gefunden wurde dabei auch organisches Material. Festgestellt wurden die Aminosäure Glyzin, ein Proteinbaustein, sowie Phosphor, ein zentraler Bestandteil der DNA und von Zellmembranen. Zahlreiche weitere organische Verbindungen wurden, sowohl von Rosetta aus der Umlaufbahn als auch von Philae auf der Oberfläche, entdeckt.(siehe auch UZ vom 7.10.2016).
Seit 1960 begann Frank Drake am National Radio Astronomy Observatorium in Green Banks (USA) mit dem „Abhorchen“ des Weltalls nach elek­tromagnetischen Wellen künstlichen Ursprungs. Bis heute – inzwischen längst international – wird die wissenschaftliche Suche nach außerirdischer Intelligenz (Search for Extraterrestrial Intelligence, SETI) fortgeführt. Bislang ohne Erfolg. Kritiker bemängeln unter anderem, dass es zu viele offene Fragen im Zusammenhang mit den Voraussetzungen und Grenzen einer Kommunikation gibt. Kritisiert wird auch, SETI suche nur nach humanoiden Außerirdischen und nur nach solchen, deren Technik mit der unseren passend sei usw.
1961 entwickelte der Astrophysiker Drake in diesem Zusammenhang eine Gleichung, mit der man angeblich die Anzahl der entwickelten Zivilisationen in unserer Galaxie abschätzen kann. Er stellte sie im selben Jahr auf einer Green-Banks-Konferenz vor. Drake bezog sich dabei allein auf Leben, das sich unter bestimmten Bedingungen bezüglich der Verhältnisse von Stickstoff, Kohlenstoff usw. entwickelt. Die Entstehung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft galt als Beweis, dass die Abschätzung möglich ist. Das Planetensystem und der Planet, auf dem sich solches Leben entwickeln soll, muss nach dieser Theorie bestimmte astronomische und physikalisch-chemische Voraussetzungen erfüllen.
Drei Modelle wurden auf der damaligen vorgestellt. Ein „konservatives“, mit einer Zivilisation in unserer Galaxis, ein „optimistisches“ mit 100 Zivilisationen (5 000 Lichtjahre mittlerer Abstand zweier sendender Zivilisationen) und ein „enthusiastisches Modell“ mit 4 000 000 Zivilisationen (150 Lichtjahre mittlerer Abstand).
Für keines dieser Modelle gibt es bislang irgendwelche Belege. Die Drakesche Gleichung enthält zudem viel zu viele Unwägbarkeiten. Drake bezog Faktoren ein, über die es viele Spekulationen gibt, aber überhaupt kein gesichertes Wissen: Unbekannt sind die durchschnittliche Anzahl der Planeten (pro Stern) innerhalb der habitablen Zone sowie die Zahl der Planeten mit Leben in unserer Galaxie. Wir wissen heute ja nicht mal, ob es außerhalb der Erde in unserem Sonnensystem Leben gibt. Auch wenn in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gewonnen wurden: Über den Anteil an Planeten mit intelligentem Leben oder den Anteil an Planeten mit Interesse an interstellarer Kommunikation sowie die Lebensdauer einer technischen Zivilisation in Jahren kann nur spekuliert werden …
Zumindest hat Drake viele Debatten angeregt. 1962 kam es zur sogenannten Kuba-Krise. Die Welt stand wieder einmal am Rand eines Atomkriegs. Wie lange überleben technisch entwickelte Zivilisationen, wenn es ihnen nicht gelingt, eine friedliche, solidarische und sozial gerechte Welt zu schaffen sowie auch die Zerstörung der Umwelt zu beenden?

Kontakt?
Nehmen wir mal an, die Kontaktversuche hätten tatsächlich Erfolg oder es kommt zufällig jemand vorbei. Was dann?
Nicht wenige Fans meinen, Außerirdische hätten uns schon einmal besucht, Spuren auf der Erde hinterlassen, ja sogar die Entwicklung der Menschheit entscheidend geprägt. Sie könnten zudem ja wiederkommen. Andere sind der Ansicht, E.T. würde bereits unter uns leben.
Das Internet ist voll von solchen Spekulationen und von Fake-Nachrichten. Doch Nachweise für die Behauptungen gibt es nicht. Ungewöhnliche Ereignisse wurden stattdessen immer – früher oder später – rational erklärt. Auch der angebliche UFO-Absturz im Jahr 1947 (Roswell-Zwischenfall) erwies sich als das, was er war: Der Absturz eines Wetterballons mit einem Radarreflektor …
Die „Men in Black“ werden also nicht gebraucht.
Auch Science-Fiction-Autoren haben sich mit der Kontaktproblematik beschäftigt. Die Zahl der Beispiele ist groß. Viele Autoren haben fremde Zivilisationen bzw. das Zusammentreffen von Menschen mit ihnen beschrieben: Zivilisationen, die mehr oder weniger ein Spiegelbild der unsrigen und unserer Konflikte, bis hin zu Klassenwidersprüchen sind. Oder solche, bei denen die Evolution einen anderen Weg genommen hat – und auch andere Gesetze der Logik gelten, wie in Stanislaw Lems „Eden“ – bis zu „denkenden“ Planeten. Alles ist möglich. Die Kontaktaufnahme der Menschen mit den Außerirdischen ist oft schwierig und trotzdem manchmal erfolgreich, bezaubernd wie die der Kinder im Film „E. T.“, endet aber nicht selten – und nicht nur wegen Missverständnissen – auch tragisch. In nicht wenigen Hollywood-Filmen werden die Außerirdischen als hässliche Aliens dargestellt, deren einziges Ziel es ist, die Erde zu erobern, die Menschheit zu versklaven oder zu vernichten.
Schriftsteller können Welten entwerfen, Wissenschaftler müssen sich an Fakten halten und ihre Hypothesen letztlich immer auch praktisch überprüfen.
Wie sollten wir mit E. T. umgehen? Ein Kontakt würde unser wissenschaftliches Weltbild wahrscheinlich revolutionieren. Nicht nur aufgrund neuer Erkenntnisse über die Entstehung und Entwicklung des Lebens und wegen des Zusammentreffens mit einer völlig anderen Zivilisation. Unsere Vorstellung über die Stellung des Menschen in der Welt würde sich – wieder einmal – grundlegend verändern …
Wissenschaftler entwickeln seit Jahren Vorstellungen über Kontakte und mathematische Modelle für eine mögliche Kommunikation. Für Treffen sind unterschiedliche Szenarien in der Diskussion: So das Fernkontakt-Szenario, das Artefakt-Szenario, bei dem Menschen auf ihrem Weg im Kosmos auf Hinterlassenschaften einer fremden Zivilisation stoßen, das Direktkontakt- und das Agenten-Szenario – falls E. T. bereit unter uns lebt. Alles das sind spekulative Überlegungen.
2014 veröffentlichte die NASA ein 250 Seiten dickes Dokument zu „interstellarer Kommunikation“ und hielt gemeinsam mit der US-Kongressbibliothek in Washington ein zweitägiges Symposium zum Thema ab. Es ging um die „Auswirkungen der Entdeckung mikrobakteriellen, komplexen oder intelligenten Lebens jenseits der Erde“. Dabei wurde auch darüber diskutiert, wie eine Kommunikation mit den Außerirdischen aussehen könnte. Die dürften kaum zu verstehen sein. Spekuliert wurde über deren Moralvorstellungen usw.
„In dem Nasa-Sammelband über interstellare Kommunikation beschreiben Archäologen, Paläontologen und Historiker, dass es zwar möglich war, Schriften und Symbole längst untergegangener Kulturen zu entziffern. Doch es gab immer auch Anhaltspunkte dafür: Bei den ägyptischen Hieroglyphen zum Beispiel war es der 1799 entdeckte Rosetta-Stein.“ (Die Welt, 19.8.2014)
Die Verständigung wird also schwierig.
Seit längerem gibt es aber auch Streit in der Wissenschaftlergemeinde. Während nicht wenige Wissenschaftler davon überzeugt sind, dass ein Kontakt vor allem positive Folgen hätte, warnen andere. Nicht etwa vor übertriebenen Erwartungen, sondern vor Außerirdischen, die möglicherweise böse Absichten hätten. Sie sind dafür, keine Nachrichten mehr ins All zu senden. So forderte der britische Astrophysiker Stephen Hawking 2010: Die Menschheit solle sich besser still verhalten. Denn Aliens könnten uns Menschen allzu ähnlich sein – und kommen, um zu plündern und zu zerstören. (Spiegel-online, 25.4.2010)
Da hat einer wohl zu oft den Film „Independence Day“ gesehen oder orientiert sich am Roman von Herbert G. Wells „Krieg der Welten“? Oder war es Resignation angesichts unserer Welt voller Kriege, voller Not?
Die Schweizer aus der Gemeinde Entlebuch, deren Aktion – so berichteten es damals auch Schweizer Zeitungen – eigentlich nur der Werbung für die Urlaubsregion galt, waren da optimistischer. Ihre Botschaft lautete nämlich vollständig: „Grüezi liebes Universum. Kommen Sie uns besuchen. Hier ist es schön. In 50 Jahren. In 500 Jahren. In 500 000 Jahren.“

Zitierte Bücher:
Carl Sagan, Unser Kosmos. Eine Reise durch das Weltall, München/Zürich 1982
Gene Bylinsky, Evolution im Weltall. Geschichte und Zukunft des Lebens, Königstein 1982


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Leserbrief zu »Grüezi liebes Universum«, UZ vom 23. Dezember 2016





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