Nur der Erfolg zählt

Sportarten ohne Medaillenperspektiven werden an den Rand gedrängt
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 16. Dezember 2016

Es gab keine Überraschung in Magdeburg. Können Sie sich noch dunkel erinnern? Die DDR hatte angeblich nur um Olympia-Medaillen gekämpft, um ihr internationales Ansehen zu erhöhen. Ich zitiere aus der „Frankfurter Allgemeinen“ (3.12.16), die als Fazit der DOSB-Sitzung in Magdeburg am vorletzten Wochenende konstatierte: „Das Konzept soll vorrangig die Medaillenausbeute bei Olympischen Spielen stärken und den deutschen Leistungssport dauerhaft in der Weltspitze verankern.“
Wer darf noch Sport treiben um des Sportes Willen und, um der Gesundheit von Millionen Menschen zu dienen? Der Leser mag erlauben, dass er an die alle zwei Jahre stattgefundenen DDR-Spartakiaden mit Millionen Teilnehmern erinnert wird!
Weiter in der FAZ über die Zukunft des Bundessports: „Kern der neuen Struktur ist eine Förderkonzentration auf Athleten und Verbände, die eine Medaillenperspektive für die jeweils folgenden acht Jahre bieten. Mit der Zustimmung erfüllte der DOSB die Bedingung von Innenminister Thomas de Maiziére für eine Mittelsteigerung. Er sicherte dem organisierten Sport in einer Video-Botschaft zu, sich für eine ‚substantielle und dauerhafte‘ Erhöhung des Etats einzusetzen.“
Mehr Geld für den Breitensport? Davon war in Magdeburg nicht die Rede! Dafür erfuhr man: „Der Etat für den Spitzensport liegt zurzeit bei rund 160 Millionen Euro. Eine konkrete Zusage zur Höhe der zusätzlichen Gelder wollte Staatssekretär Hans-Georg Engelke, der de Maizière vertrat, nicht machen.“
Der Spitzensport wird „reformiert“, nämlich: Mehr Geld für erfolgreiche Verbände. Die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes hat der umstrittenen Spitzensport­reform in Deutschland zugestimmt. Es gab nur eine Gegenstimme.
Ein neues System wird eingeführt: Durch dieses System soll künftig „deutlicher auf Erfolg ausgerichtet werden. Durch das sogenannte Potenzialanalysesystem (PotAs) werden Sportler und Disziplinen zukünftig in drei Cluster eingeteilt und nach ihren Erfolgsaussichten in den nächsten vier bis acht Jahren bewertet. Das Konzept sieht im Grundsatz vor, dass aussichtsreiche Verbände und Disziplinen mehr, eher perspektivlose weniger Geld erhalten. Kritiker befürchten, dass Sportarten mit weniger Aussichten auf Medaillen weiter an den Rand gedrängt werden und weniger Chancen auf finanzielle Förderung haben.“
Die Sitzung in Magdeburg war geprägt vom Risiko dieser „Reform“. DOSB-Präsident Alfons Hörmann hatte nach zahlreichen Unstimmigkeiten in den vergangenen Wochen jedes persönliche Wort des Bedauerns oder eine Bitte um Entschuldigung in seiner Rede vermieden. Im Gegenteil forderte Hörmann die Delegierten auf, „eine Fehlerkultur zuzulassen“. „Ich sage Ihnen zu, dass wir uns des Themas annehmen und uns allen gemeinsam selbstkritisch die Frage stellen: Wie schaffen wir es, Fehler zuzulassen und zu akzeptieren?“, sagte Hörmann.
Am Samstag forderte der Vizepräsident für Leistungssport des DOSB, der Judo-Olympiasieger Ole Bischof, „zwanzig Millionen mehr, es könne auch gerne mehr sein“. Mit Blick auf eine Pro-Kopf-Belastung der achtzig Millionen Bürger sprach Bischof von einem Cappuccino-Aufwand, dem nun ein Keks hinzugefügt werden müsse.
Vor der Zustimmung hatte es in den vergangenen Monaten aus den Verbänden mitunter intensive Kritik an den Details des Konzepts gegeben. Sie stimmten nun zu unter dem Vorbehalt, dass die Inhalte nicht zementiert sind, sondern noch verändert werden können. Das betrifft zum Beispiel die rund 60 Kriterien für die Einschätzung der Förderwürdigkeit von Sportarten und Disziplinen.
Selten hat eine so verschleierte Zukunft die Perspektive des deutschen Sports bestimmt wie diese Entscheidung in Magdeburg. Das Fazit ist leicht zu ziehen: Man will mehr Medaillen und glaubt, sie mit geringeren Mitteln zu erzwingen. Als die DDR sich entschied, das für den Sport vorhandene Geld zu teilen und einigen Sportarten kostspielige Reisen ins Ausland zu streichen, war das Geschrei groß. (siehe oben) Nun ist man an dem gleichen Punkt angelangt, zieht den gleichen Schluss – wenn auch mit anderen Namen (Potas) – und möchte noch gefeiert werden. Wenn die ersten Überweisungen ausbleiben, wird man mit einigem Ärger rechnen müssen.


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Leserbrief zu »Nur der Erfolg zählt«, UZ vom 16. Dezember 2016





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