Belegexemplar der falsch eingerichteten Welt

„Designed by Apple in California“ ist ein unbezahlbarer Bildungsroman in Warhol-Manier
Von Ken Merten
|    Ausgabe vom 9. Dezember 2016
 (Foto: c8.staticflickr.com/3/2893/9127992991_19aee0335a_t.jpg)
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Designed by Apple in California, Apple 2016, 199 Euro bzw. 299 Euro

„Kunst geht nicht zu bezahlen, also verlangt der Künstler vernünftigerweise den Höchstpreis“, schreibt Ronald M. Schernikau 1990 in der „konkret“. Dabei dachte er nicht unbedingt an Konzerne wie Apple, die dazu übergehen, in Kunst zu machen und sich in der Symbiose von Monopol und „literarischen Übermenschen“ (Lenin, „Parteiorganisation und Parteiliteratur“, 1905) zu üben.
Genau das aber tut das Riesenbaby von Steve Jobs, Ron Wayne und Steve Wozniak. „Designed by Apple in California“ ist das neue Produkt des Megakonzerns Apple, und ein Kunstwerk. Dass ihm die Buchse für die Kopfhörer fehlt, ist daher zu verzeihen, denn es handelt sich um ein Buch im völlig analogen Sinne: Auf 300 Seiten zeigen 450 Abbildungen die Genese des Unternehmens vom Hinterhofbasteleck zum Marktkoloss.
Kunst macht sich rar: Weltweit stellen nur wenige Apple-Stores das Buch in ihre Regale, hierzulande kann man das Buch offline nur in Berlin kaufen. Hinderlich könnte auch der Preis sein. Denn kaum zu bezahlen sind die beiden Versionen, die sich in den Formaten unterscheiden, allemal. Bei Stückpreisen von 199 Euro (260 x 324 mm) bzw. 299 Euro (330 x 413 mm), stellt sich die Frage, wer sich trotz „vergoldetem mattierten Silberrand, mit acht Farbtrennungen und Tinten mit geringem Geistereffekt“ die wortkarge Pop-Art-Version von Arno Schmidts „Zettels Traum“ zu Weihnachten wünschen soll, wenn man darauf nicht einmal WhatsApp installiert kriegt?
Schernikau, passionierter Verfechter des Pop-Genies Andy Warhol, schreibt über dessen Grafiken in „Was macht ein revolutionärer Künstler ohne Revolution?“: „Wer eine Suppendose malt, verzichtet auf den Massencharakter von Kunst. […] Der Fetischcharakter der Ware wird ersetzt durch den Fetischcharakter des Kunstgegenstands.“
Spielte Warhol mit der massenhaften Reproduktion der Kunst als Ware, entzieht sich Apple der Gefahr, inflationär zu sein, durch die aberwitzige Überteuerung ihres Kunstgegenstands. Das schafft Exklusivität. Rezensionsexemplare können bei so babylonischem Preis nicht ausgegeben werden. Auch wenn ich, wie damals Schernikau in Hinblick auf die ihm kostenlos zugesandte Warhol-Literatur, darauf besonders scharf war und mir via Anzeige auf Ebay bereits eine aus Cupertino (California, USA) gesponserte Monatsmiete vorausplante. Schade.
Deswegen kann hier auch nicht auf das Vorwort von Apple-Designer Jony Ive eingegangen werden. Die 450 Fotos der Produkte, allesamt High-Tech-Suppendosen mit Software-Klimbim, stehen sowieso für sich, und als „Beleg für wie auch Tribut an die einzigartigen Design-, Fertigungs- und Herstellungsprozesse von Apple“.
Erinnern wir uns noch einmal an Schernikau: „Kunst ist die Fähigkeit, durch Abbildung Stellung zu nehmen. – Die Welt ist falsch eingerichtet, und also trägt jede Abbildung die Information, dass die Welt falsch eingerichtet ist.“
2015 lag der Umsatz des am 1. April 1976 gegründeten Konzerns bei über 233 Milliarden US-Dollar.

Designed by Apple in California, Apple 2016, 199 Euro bzw. 299 Euro


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