Die May konnte eben alles

Zum Tod der Schauspielerin und Diseuse (1924–2016)
Von Hilmar Franz
|    Ausgabe vom 9. Dezember 2016

In einer Weltkarriere trug sie die Botschaft Brechts und der DDR „Friede auf unserer Erde, Friede in unserem Land“ in Städte und zu Fernsehstationen der USA und Kanadas, nach Paris und Moskau, nach London und Brüssel. Und, gesuchte Gastdozentin, auch zum künstlerischen Nachwuchs an sieben europäische Hochschulen. Gisela May ist am vergangenen Freitag 92-jährig in Berlin gestorben. „Ihr“ Berliner Ensemble, dem sie über 30 Jahre angehörte und von dessen scheiterndem „Übergangsdirektorium“ sie 1992 wie andere aus politischen Gründen die Kündigung erhalten hatte, blieb in Claus Peymanns Verbreitung der Todesnachricht bei der anerkennenden Geste ehrender Zugehörigkeit.
„Es heißt nicht Gisela May, es heißt die May! Das ist ein Begriff des politischen Lieds und Chansons, wie er für uns einmalig ist“, schrieb einst Paul Dessau über die musikalische Quereinsteigerin im Dienst eines ständig, sogar tagesaktuell erweiterten Repertoires an Songs, Chansons und Liedern.
Nein, sie wollte tatsächlich „keine Sphinx aus dem Kunstkabinett“ werden, wie sie 1979 im Eröffnungstitel ihrer deutschsprachigen Jacques-Brel-LP bekannte. Sie blieb in ihren beiden Berufungsfächern stets Lernende und professionell Lehrende. Sie versprühte Charme und Esprit, vermied vordergründige Agitation, achtete auf gestischen Vortrag, lehrte, dem Entdecker, Lehrer und Mentor Hanns Eisler gemäß, Ökonomie beim Aufbau eines Liedes und verdeutlichte dabei Wendungen, deren Sinn sich nicht auf Anhieb entschlüsselte.
In sich ergänzenden Professionen, gesungen bzw. sprechend, blieb ihr die Bindung an Theaterkollektive unerlässlich. Dem „Grand Prix du disque“ Paris 1976 für die Eterna-Produktion von Brecht/Weills „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“ gingen die Repertoire-Vorstellungen dieses Ballettwerks ab 1963 an der Berliner Staatsoper und ab 1968 an der Musikalischen Komödie Leipzig voraus. 1964 hatte sie der Westdeutsche Rundfunk Köln in seiner Produktion für die Rolle der Anna I verpflichtet. Da war es gerade mal sieben Jahre her, dass die junge Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin für eine erkrankte Kollegin in die musikalische Brecht-Matinee des von Wolfgang Langhoff geführten Hauses mit Songs aus der Dreigroschenoper einsprang. Das sollten Sie weitermachen, riet Hanns Eisler ihr anschließend hinter der Bühne. Vor einer sich bereits abzeichnenden internationalen Tournee ging er mit ihr Takt für Takt der Liedinterpretation „in einer regelrechten Studio-Arbeit“ durch.
Beim 1962 vollzogenen Wechsel ans Berliner Ensemble auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung hatte sie viel hinzulernen müssen. Zum Beispiel „von einem Nullpunkt aus“ unverbundene Brüche zu spielen, dramaturgische Drehpunkte innerhalb einer Szene erlebbar zu machen durch harte Kontraste, auf Übergänge verzichtend. Als erstes verkörperte sie unter Anleitung von Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert die Witwe Cabet in Brechts Stück über die Verteidigung der Pariser Commune. Die Kanone in der Rue Pigalle allein, gar im wörtlichen Sinn gegen Soldatenansturm „besitzend“, zeigte sie, wie kleinbürgerliches Denken lernend überwunden und kämpferisch eingreifend ein Sieg über sich selbst und zusammen mit den Proletariern errungen werden kann.
Daran und an ihrer psychologisch fein differenzierten „Mutter Courage“-Darstellung in einer neuen Inszenierung am BE (Peter Kupke, 1972) gemessen, blieben die Ausflüge der Vollblut- komödiantin („Hallo, Dolly“ am Metropoltheater Berlin 1970), die zahlreichen Film- und Fernsehrollen, die TV-Shows bis hin zur alterskomischen Adelheid-Serie neudeutscher Prägung herausfordernde Erkundungen. „Die May kann eben alles!“ So hieß es, als sie auf dem Theaterhof ein im Weg stehendes Fahrzeug gerammt hatte.


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Leserbrief zu »Die May konnte eben alles«, UZ vom 9. Dezember 2016





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