Riskanter Spagat

Eine weitere Legende um den 11. September 2001 und seine Folgen
Von Uli Brockmeyer
|    Ausgabe vom 9. Dezember 2016

Leon de Winter
Geronimo
Diogenes Verlag Zürich
448 Seiten, 24 Euro

Viele Bücher sind in den zurückliegenden 15 Jahren über die Ereignisse des 11. September 2001 geschrieben worden, viele Zeitungsseiten wurden vollgedruckt, das Internet quillt über von Berichten, Deutungen und Spekulationen.
Mutmaßliche Anhänger der einst von USA-Geheimdiensten aufgebauten, hochgepäppelten, finanzierten und ausgerüsteten Terrortruppe Al Kaida hatten in einer mustergültig organisierten Aktion an vier Orten der USA zeitgleich vier Flugzeuge gekapert. Zwei davon krachten wenig später in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York City, eines zerschellte auf freiem Feld und eins wurde angeblich in das Gebäude des Kriegsministeriums gesteuert. Inzwischen wurde ziemlich zweifelsfrei festgestellt, dass die relativ geringen Zerstörungen am Pentagon wohl eher das Werk einer gelenkten Mittelstreckenrakete gewesen sein dürfte, zumal niemals Überreste des Flugzeugs, der Passagiere oder ihrer Gepäckstücke gefunden wurden. Experten sind auch der Meinung, dass der vollständige Einsturz der WTC-Türme nur durch gleichzeitig erfolgte Sprengungen verursacht werden konnte.
Nach menschlichem Ermessen konnte die gesamte Operation nur unter Beteiligung oder zumindest mit dem Wissen höchster Kreise der Geheimdienste, des Pentagon und des Weißen Hauses organisiert worden sein. Die quasi live per TV in alle Welt übertragene Zerstörung des WTC in Manhattan bot der Führungsclique der USA die lange vorbereitete Gelegenheit, durch Präsident George W. Bush offiziell den „Krieg gegen den Terror“ zu erklären. Dies war der Beginn des umfangreichsten staatlichen Terrors, den die Welt seit 1945 erleben muss.
Obwohl keiner der Beteiligten an den Anschlägen von „9/11“ überlebte, gingen die Bilder der mutmaßlichen Attentäter innerhalb kurzer Zeit um die Welt, und noch schneller war die Schuldfrage „geklärt“. Unter dem Vorwand der Jagd nach Al Kaida und dessen Chef Osama bin Laden und mit Hilfe weiterer Lügen überzogen die USA erst Afghanistan und dann den Irak mit einem gnadenlosen Terrorkrieg. Bin Laden wurde zum „Terrorfürsten“ und Hauptfeind der gesamten westlichen Welt erhoben.
An diesem Punkt beginnt der Roman „Geronimo“ des niederländischen Autors Leon de Winter. Nachdem USA-Geheimdienste festgestellt hatten, dass sich Osama bin Laden keineswegs in einer Höhle in den Bergen Afghanistans versteckt hatte, sondern in einem gut gesicherten Haus in einer klimatisch angenehmen Gegend in Pakistan, erhält eine Gruppe Spezialkrieger des „Seal Team 6“ den Auftrag, den „Terrorfürsten“ unschädlich zu machen. De Winter erzählt aus der Sicht eines nach mehreren Verwundungen ausgeschiedenen CIA-Agenten eine Geschichte, die durchaus plausibel sein könnte, jedoch auch mehrere neue Fragen aufwirft.
Der Ich-Erzähler Tom Johnson wird von seinen früheren Kriegskameraden ins Vertrauen gezogen, die ihm bei einer feuchtfröhlichen Party berichten, ihr Auftrag laute eindeutig „Kill or capture“, und die Betonung liege auf „töten“, nicht etwa auf „ergreifen“. Das erzeugt selbst bei Leuten, die zum bedingungslosen Befolgen von Befehlen gedrillt wurden, deutliche Zweifel und lässt sie die Frage stellen, ob es nicht sinnvoller sei, den Hauptfeind ihres Landes festzunehmen und in den USA öffentlich vor Gericht zu stellen. Das jedoch wäre eine schwerwiegende Befehlsverweigerung …
Die Spezialkrieger ersinnen ein äußerst gefährliches Vorgehen, um den eindeutigen Befehl, der ihnen von einem Abgesandten aus dem Weißen Haus persönlich übermittelt worden war, zu umgehen. Sie greifen damit auf ihre eigene Weise in den Lauf der Ereignisse ein, was mehrere von ihnen schließlich das Leben kostet, ohne das gewünschte Ergebnis zu erreichen.
Leon de Winter vollführt einen riskanten Spagat, indem er einen Teil der Geschichte aus der Sicht Osama bin Ladens erzählt, den er als skrupellosen Mörder, aber gleichzeitig als fürsorgliche Vaterfigur darstellt, einen Mann, der sich um seine Frauen und Kinder und sogar um ein obdachloses afghanisches Mädchen kümmert, das von den Taliban gefoltert und verstümmelt worden war. Bin Laden selbst gibt sich im Roman siegesgewiss, denn es war ihm gelungen, brisantes Material in die Hände zu bekommen, mit dem er den Sturz von USA-Präsident Obama herbeiführen könnte … Des Nachdenkens wert ist die Passage, in der Präsident Obama in der Nacht der Kommandoaktion seine Fernsehansprache ausarbeitet.
Tatsache ist, dass ein Spezialtrupp am 2. Mai 2011 in Abbottabad auf pakistanischem Gebiet eine riskante Kommandoaktion durchführte, das Haus bin Ladens besetzte und den Al-Kaida-Chef vor den Augen von Präsident Obama erschoss, der zusammen mit einem Kreis seiner engeren Vertrauten, darunter Außenministerin Hillary Clinton, im Weißen Haus live zugeschaltet war.
Tatsache ist auch, dass keiner der angeblich Schuldigen an „9/11“ bisher vor Gericht gestellt wurde – und dass die wirklichen Hintergründe und Organisatoren höchstwahrscheinlich niemals bekannt werden.
Das Buch von Leon de Winter ist ein weiterer Beitrag zur Legendenbildung um den 11. September 2011 und um Osama bin Laden, dessen Urheberschaft an den Anschlägen durch den Autor von „Geronimo“ leider in keinem Moment in Frage gestellt wird. Es bietet aber auch sehr lesenswerte Einblicke in die Denk- und Handlungsweise der zum Töten in aller Welt gedrillten Spezialkommandos der USA.

Leon de Winter
Geronimo
Diogenes Verlag Zürich
448 Seiten, 24 Euro


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Leserbrief zu »Riskanter Spagat«, UZ vom 9. Dezember 2016





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