Borussenfront und 0231 Riot

Wenn Politik im Stadion ausgetragen wird
Von Andres Irurre
|    Ausgabe vom 2. Dezember 2016
 (Foto: Joehawkins/wikimedia/CC-BY-SA 4.0)
(Foto: Joehawkins/wikimedia/CC-BY-SA 4.0)

Gerne und regelmäßig wird übersehen, dass es auch in der ersten Fußball Bundesliga Probleme mit Rassismus, Antisemitismus und Homophobie gibt. So verwundert es auch nicht, dass gerade die Anhänger des BV Borussia Dortmund mit eben diesen Auseinandersetzungen innerhalb der eigenen Fanszene seit Jahren zu kämpfen haben.
Die Stadt am östlichen Rand des Ruhrgebiets gehört zu den Hochburgen rechter Gewalt in Deutschland. Auch wenn heute die „Borussenfront“ um ihren Chef „SS-Siggi“ Borchardt als wenig aktiv gilt, so ist sie noch immer aktiver Dreh- und Angelpunkt für Hooligans und Neo-Nazis in Dortmund – und das seit den 1980er Jahren. Die Rekrutierung junger Menschen zieht sich durch die Jahrzehnte. Seit ihrer endgültigen Gründung an Karfreitag 1982 in der Kneipe „Grobschmied“ in der Nordstadt Dortmunds, ging es immer um neonazistische Politik, die rund um die BVB-Spiele gewalttätig verbreitet wurde. Regelmäßig wurden Ausländer und Gaststätten rund um den Borsigplatz angegriffen und Flugblätter verteilt, die zum „Ausländer-Jagen“ aufriefen. Von NPD, FAP bis zu den freien Kameradschaften, Autonome Nationalisten, „Die Rechte“ oder dem heute verbotenen Nationalen Widerstand Dortmund (NWDO), wurde alles unterstützt, was den rechtsradikalen Schlägern nützte. Im Stadion jedoch traten diese Gruppen immer weniger öffentlich auf. Erst als der Fokus wieder vermehrt auf „Kampf um die Straße – Kampf um die Köpfe“ gelegt wurde, traten diese niemals verschwundenen Geister wieder auf.
Dem Zeitgeist der letzten Jahre folgend war es wieder okay, sich rechtsextrem zu äußern. In und um Dortmund wurde dafür das Klima schon längst geschaffen. Politik und Polizei sind – wie so oft – auf dem rechten Auge blind. Dass aber gerade dadurch solche Kräfte erst gestärkt werden, wird geflissentlich übersehen.
Traurige Höhepunkte waren die Ermordung des Punks „Schmuddel“ 2005 und Mehmet Kuba??ks 2009 durch den NSU. Letzterer konnte nur getötet werden, weil die Täter Ortskenntnisse hatten. Die Tat wird wohl nie vollständig aufgeklärt werden.
Innerhalb der Dortmunder Fanszene gab es jedoch – dem Selbstverständnis der Ultras folgend – eine klare Abgrenzung zu den Umtrieben der Nazis, dafür steht z. B. der Fan-Club „The Unity“.
Der Verein selbst trat erst Anfang 2013 den Rechten so richtig entgegen. Als zwei Fanbeauftragte des BVB-Fanprojekts Anfang 2013 beim Champions League Auswärtsspiel in Donezk von den eigenen Fans brutal angegriffen wurden, griffen die Offiziellen durch und belegten die Täter mit Stadionverboten und zeigten sie an. Dass dieser Schritt sehr spät kam sollte sich noch zeigen. Gewaltbereite Anhänger zogen sich immer mehr aus verschiedenen Ultra-Gruppen (u. a. Desperados, Junge Borussen) zurück, um dann als Hooligan-Crew „0231 Riot“ wiederzukehren und auch unter den eigenen Fans Angst und Schrecken zu verbreiten. Diese, sich nach außen unpolitisch gebende Gruppierung agiert wie ein SA-Trupp. Durch Einschüchterung und Anwendung roher Gewalt gegenüber Andersdenkenden und Schwächeren entlarven sie sich von selbst als faschistischer Mob. Zurzeit schätzt man diese Gruppe auf ca. 60 Personen ein. Sie besteht aus ausgebildeten Mixed-Martial-Arts Kämpfern, Türstehern und teilweise fußballfremden Schlägern. Durch einen gezielten Überfall auf die „Borussenfront“ wurde klar festgemacht, wer ab jetzt das Gewaltmonopol auf der Südtribüne innehaben sollte. Seit dem tritt „0231 Riot“ offen mit Zaunfahne auf, singt antisemitische Lieder, zeigt den Hitler-Gruß, zwingt umstehende Personen, ihre Spruchbänder hochzuhalten und Fans, ihre „Refugees Welcome“ Shirts auszuziehen oder antirassistische Banner nicht zu zeigen. Der normale Fan und Ultra ist sich seiner körperlichen Unterlegenheit gegenüber den durchtrainierten und skrupellosen Riot-Schlägern bewusst und kann dem nichts entgegensetzen. Es bleibt zu hoffen, dass sich die gelb-schwarzen Fans gemeinsam und erfolgreich diesen Umständen stellen.
Das geht nur dann, wenn auch Politik und Verein endlich die Schläger von „0231 Riot“ als das erkennen, was sie sind: Kriminelle Nazis.


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Leserbrief zu »Borussenfront und 0231 Riot«, UZ vom 2. Dezember 2016





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