Zwei Pflichten

Weshalb Interbrigadisten Mitglieder der KP Spaniens wurden (Teil I)
Von Werner Abel
|    Ausgabe vom 2. Dezember 2016

Es war ein kluger Entschluss der KP Spaniens (PCE), dass sie Ende 1938, als sich die Niederlage der 2. Spanischen Republik mit aller Deutlichkeit abzeichnete, die Unterlagen der Kommission für ausländische Kader des Zentralkomitees dieser Partei nach Moskau evakuieren ließ. Gemeinsam mit den Akten der Internationalen Brigaden, die man nach der überstürzten Auflösung der Basis Albacete nicht anders sichern konnte, als sie über Frankreich in die UdSSR zu bringen, waren diese Dokumente damit dem Zugriff der Franquisten und der ausländischen Geheimdienste entzogen.

Das Material war mehr als brisant
Es enthielt nämlich nicht nur allgemeine Kaderunterlagen, die wohl in jeder Armee zu finden sind, sondern auch Dossiers der republikanischen Geheimdienste, politische Einschätzungen der Kommissariate und, was für die Internationalen Brigaden ein Spezifikum war, personenbezogenes Schriftgut der Parteizellen in den militärischen Einheiten. War es schon schlimm genug, als deutscher Inter­brigadist in franquistische Gefangenschaft zu geraten, so wäre z. B. bei einer Auslieferung an die Gestapo dieses Material zu einer zusätzlichen Bedrohung geworden. Waren deutsche Kommunisten, denen nach 1933 die Flucht ins Ausland gelungen war, wegen ihrer politischen Aktivitäten ohnehin von den Nazi-Behörden zur Fahndung ausgeschrieben worden, so hätte das Bekanntwerden der Tatsache, dass viele von ihnen in die KP Spaniens übernommen worden waren, die Situation nach ihrer möglichen Festnahme extrem verschlimmert.
Durch das Verbringen in die Sowjetunion war die Gefahr, die von diesem Material ausging, geriete es in falsche Hände, in dieser Hinsicht gebannt.

Im Archiv der Komintern
In Moskau wurden diese Akten von der Kommunistischen Internationale übernommen und ab Januar 1940 damit begonnen, im Auftrag des Exekutivkomitees der Komintern und der Ausländerkommission des ZK der KP Spaniens Charakteristiken der Spanienkämpfer verschiedener Nationalitäten anzufertigen.
Für die Angehörigen der in Spanien so genannten „deutschen Sprachengruppe“, also die Deutschen, Österreicher, Niederländer, Schweizer und Skandinavier, war es noch gelungen, diese Einschätzungen zu schreiben. Unbekannt ist, weshalb es bei den weit größeren Kontingenten, also z. B. den Amerikanern und Franzosen, nicht mehr dazu gekommen ist. Es fällt allerdings auf, dass für diejenigen Spanienkämpfer, die aus den bürgerlichen Demokratien kamen, auf diese Charakteristika verzichtet wurde, während über andere, die sich z. B. in französischen Internierungslagern befanden, weiterhin Informationen nach Moskau flossen. Auch diese Informationen nahmen noch Einfluss auf die Charakteristika, die ab Januar 1940 in Moskau angefertigt wurden.
In den 60er Jahren übergab die KPdSU, in deren Archiv die Unterlagen der Komintern gelagert waren, Kopien dieser Charakteristika an die SED, die dann im Parteiarchiv bzw. im Institut für Marxismus-Leninismus (IML) deponiert wurden. In der Regel waren diese Unterlagen gesperrt, d. h. auch nicht für die Forschung zugängig.
Nach der Öffnung des Parteiarchivs nach 1990 und der Übergabe an das Bundesarchiv sorgten einige dieser Charakteristika für erheblichen Unmut unter den Spanienkämpfern, weil sich einige von ihnen zu negativ und zu Unrecht dargestellt sahen. Der Vorstand der AG Spanienkämpfer beschloss deshalb, dass diesen Unterlagen eine Erklärung vorangestellt wird, die der zukünftige Benutzer zur Kenntnis nehmen sollte, bevor er die Dokumente ausgehändigt bekommt. Diese Regel wird bis heute in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) befolgt.
In der Regel kann man nun zwar diese Charakteristika lesen, nicht aber die Dokumente, aus denen sie erstellt wurden. Diese Dokumente wurden nicht mit übergeben, sondern befinden sich nun im Archiv der Komintern, das heute Bestandteil des Staatlichen Historisch-politischen Archivs der Russischen Föderation ist.

Kommission(en) für ausländische Kader
Bei den Unterlagen, die der Kommission für ausländische Kader beim ZK der KP Spaniens zuzuordnen sind, handelt es sich um einen Bestand von insgesamt 1 611 Akten. Diese doch große Zahl sagt auch etwas aus über die Bedeutung dieser Kommission, die von der Forschung recht stiefmütterlich behandelt wird.
Als nach dem Beginn des Spanischen Krieges klar wurde, dass immer mehr Freiwillige nach Spanien kommen werden, um die Republik zu verteidigen, und als die Komintern mit Genehmigung der spanischen Regierung begann, international zusammengesetzt Formationen zu bilden, gründeten sowohl die Vereinigte Sozialistische Partei Kataloniens (PSUC) und die KP Spaniens Kommissionen, die sich vornehmlich mit den Internationalen, aber auch mit anderen in Spanien lebenden Ausländern beschäftigte. Geht man alleine von den Internationalen Brigaden aus, so kamen deren Angehörige aus über 50 Ländern. Je nach Land waren 60 – 80 Prozent von ihnen Mitglieder einer kommunistischen Partei. Da vermutlich bei der Evakuierung des Verwaltungszentrums der Internationalen Brigaden, also der Base Albacete nach Barcelona, Unterlagen verloren gingen, hatte die Kommission in Moskau 1940 nur noch aussagefähige Akten über 2 318 deutsche Interbrigadisten. Von diesen hatten vor dem Spanienkrieg 1 440 der KPD oder dem KJVD angehört, 116 der SPD oder der SAJ, 156 anderen linken Parteien wie z. B. der SAP oder der KPD(O), 606 waren parteilos und 39 waren Mitglieder der NSDAP oder einer NS-Organisation gewesen. Selbst hier zeigt sich, dass die Kommunisten in der absoluten Mehrheit waren.

Wie die Parteiarbeit organisieren?
Nun kamen die kommunistischen Interbrigadisten aus den verschiedensten Ländern und Regionen, brachten ihre eigenen Erfahrungen, Traditionen und Zukunftsprojektionen mit. Unterschiedlich war der Organisationsgrad und das theoretische Niveau der verschiedenen kommunistischen Parteien, einige konnten monolithisch geschlossen auftreten, andere, wie z. B. die polnische und die jugoslawische KP hatten auch in Spanien Probleme mit den Fraktionskämpfen in ihren Reihen. Das führte natürlich zu nicht zu unterschätzenden Differenzen zwischen den einzelnen Parteien, die nicht nur in Albacete, sondern auch beim ZK der KP Spaniens mit Parteivertretungen präsent waren.
Jede kommunistische Partei hatte also nicht nur Zellen in den Einheiten der Interbrigaden von der Division bis zum Zug, sondern eben auch die genannten Parteivertretungen, die sich natürlich mit den Problemen der Herkunftsländer ebenso befassten wie mit denen in Spanien. Das aber musste zu einer mangelnden Konzentration auf die Anforderungen führen, vor die sie der antifaschistische Kampf in Spanien stellte. Hinzu kam, dass mit dem Erlass des Verteidigungsministers Indalecio Prieto vom Oktober 1937 jede parteipolitische Betätigung in der Spanischen Volksarmee verboten und mit der Annahme des Statuts der Internationalen Brigaden vom 27. September 1937 jede mögliche Exklusivität der internationalen Einheiten verhindert worden war. Exklusivität meint, dass nunmehr auch die de jure festgeschriebene Integration der Interbrigaden in die Volksarmee mögliche Sonderrollen von Internationalen, wie z. B. Tendenzen von Eigenmächtigkeiten der Führung der Interbrigaden, unmöglich machte.
Die Internationalen Brigaden verstanden sich nicht als „Armee der Komintern“, sondern als Armee der Republik und damit der Volksfront. Deshalb wurde schon bei der Gründung der Internationalen Brigaden im November 1936 angewiesen, z. B. auf kommunistische Symbole, Abzeichen usw. zu verzichten, aber dieses Gebot war nie wirklich befolgt worden. Aber auch nach dem Oktober 1937 konnte die inzwischen mächtige KP Spaniens (sie war auf ca. 290000 Mitglieder angewachsen, ca. 70 Prozent des höheren Offizierskaders gehörten der KP an oder sympathisierten mit ihr) die Order des rechtssozialistischen Ministers Prieto auch dadurch neutralisieren, dass nunmehr zur Pflicht erklärt wurde, dass alle ausländischen Kommunisten den Antrag stellen, in die KP Spaniens überführt zu werden.
Der wirkliche Grund aber war offensichtlich, die Parteiarbeit in den Internationalen Brigaden anders und effizienter zu organisieren. Die Zellen in den Einheiten waren zunächst meist von den Politkommissaren geführt worden und befassten sich, wie schon gesagt, nicht nur mit spanischen, sondern auch mit den jeweils nationalen Problemen. Bei der Weiterexistenz dieser Regelung wäre die Logik gewesen, dass sich die nationalen Parteiorgane zusammenschließen und sich in der Endkonsequenz Differenzen zur Politik der KP Spaniens ergeben.
Das Problem der Vereinheitlichung der Parteiarbeit und der Konzentration auf die Politik der KP Spaniens, die zu dieser Zeit eine weitaus intensivere Rolle im antifranquistischen Kampf spielte als Teile der von ihr mitgetragenen Volksfrontregierung, drängte aber auch wegen der 1938 eingetretenen aktuellen krisenhaften Situation auf eine schnelle Lösung. Im März 1938 waren die Franquisten vom Aragón bis zum Mittelmeer durchgedrungen und hatten das auch industriell wichtige Katalonien von Zentralspanien getrennt. Der Versuch, die Kampfmoral durch die Qualifizierung der Parteiarbeit gerade in den Internationalen Brigaden zu steigern, erwies sich tatsächlich bald als erfolgreich. Die Zeitschriften der Brigaden schrieben nunmehr verstärkt über die zwei Pflichten der (kommunistischen) Interbrigadisten: 1. Mitglied der KP Spaniens zu werden und 2. Spanisch zu lernen.

Fortsetzung und Schluss in der nächsten Ausgabe der UZ


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Leserbrief zu »Zwei Pflichten«, UZ vom 2. Dezember 2016





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