Auf ärztliche Anordnung

Radsportler Thomas Dekker wollte gewinnen, also dopte er
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 25. November 2016

2015 versuchte der niederländische Radrennfahrer Thomas Dekker den Stundenweltrekord der Radrennfahrer zu unterbieten. Sein Manager hielt es allerdings nicht für nötig, wenigstens die Zeit des gescheiterten Versuchs zu veröffentlichen. Dekker galt damals als das größte Nachwuchstalent der niederländischen Rennfahrer. Er erzielte gute Ergebnisse beim Zeitfahren und kam gut über die Berge. 2004 wurde er niederländischer Meister im Zeitfahren. Da war er 19 Jahre alt. Er radelte von Sieg und Sieg und galt sogar als Favorit auf den Sieg bei der Tour de France. 2005 hatte ihn die Firma Rabobank engagiert und seitdem fuhr er als „Werbeträger“ in deren Trikot.
Sein bis dahin größter Erfolg gelang ihm im März 2006, als er die einwöchige italienische Pro-Tour-Rundfahrt Tirreno–Adriatico gewann. Im August 2008 kündigte Rabobank überraschend den Vertrag. Seit Beginn der Saison 2009 fuhr er im Team „Silence-Lotto“, auch hier währte sein Vertrag nicht lange. Das Motiv für die Vertragsauflösung: Bei Urin-Nachkontrollen aus dem Jahr 2007 war Dekker am 30. Juni 2009 des Dopings mit Erythropoetin (EPO) überführt worden und augenblicklich von „Silence-Lotto“ gekündigt worden. Anfang März 2010 wurde mitgeteilt, dass Thomas Dekker bis 1. Juli 2011 gesperrt sei. Nach Ablauf der Frist engagierte ihn „Chipotle Development“, ein „Farmteam“ - so tituliert man die zweite und dritte Mannschaft. Bald wechselte er wieder in die höchste Klasse der Profis. Im Februar 2015 machte er dann den Versuch, sich wieder in die allererste Reihe zu fahren, in dem er jenen misslungenen Stundenweltrekordversuch unternahm. Am Ende fehlten ihm 270 Meter und Hollands größtes Talent warf das Handtuch.
Wen das alles interessiert? Dekker schlug dieser Tage ein neues Kapitel des Themas „Doping und Radsport“ auf. Denn wer aussichtslos hinterherfährt, hat noch die Chance, einige Euro durch „Enthüllungen“ zu verdienen. Und aufschlussreich ist die Affäre, weil sie nachweist, dass im Radsport nach wie vor hemmungslos gedopt wird. Dekker über Dekker: „Als Jung-Profi wollte ich nur eines: Rennen gewinnen. Und am besten so viele wie möglich. Ich wollte um jeden Preis gewinnen. Das war meine Stärke, und zur gleichen Zeit hat es mich in die Falle gelockt. Es hat mich sehr tief sinken lassen.“
In dem Buch „Thomas Dekker – mein Gefecht“ schrieb der jetzt 32-Jährige über Doping mit Epo oder mittels Bluttransfusionen sowie den durch medizinische Ausnahmegenehmigungen (TUE) gedeckten, massenhaften Missbrauch von Kortison.
„Doping war überall. In unserem Team und in anderen. Kortison, Blutbeutel, Schlaftabletten - wenn du von Absurdität umgeben bist, glaubst du, dass das normal ist. (…) Wir haben jeden Tag Kortison genommen. Ich weiß gar nicht wofür oder wogegen. Aber du konntest in Rennen höhere Belastungen aushalten. Wir hatten Ausnahmegenehmigungen dafür.“
Kaum war Dekkers Buch erschienen, wurde ein neues Mittel bekannt und das sollte der fünffache Olympiasieger Bradley Wiggins zu sich genommen haben. So wie Dekker vor dem Erscheinen seines Buchs geschworen hatte, nie Dopingkunde gewesen zu sein, läuft Wiggins nun Sturm gegen die „Verleumdungen“. Er litt seit Jahr und Tag an Asthma und soll deshalb Triamcinolon jeweils vor seinen Tourstarts 2011, 2012 2013 (2012 hatte er gewonnen) verabreicht bekommen haben - natürlich von einem Arzt verschrieben und somit kein Dopingvergehen.
Der eine leugnet, der andere „packt“ aus. Was die Feststellung gestattet, dass im Radsport nachlesbar gedopt wird. Können Sie sich noch dunkel erinnern, dass die DDR einst die „Hauptstadt“ der Dopingwelt war? Nun existiert die DDR nicht mehr und es bleibt nur die Frage: „Was tun? spricht Zeus!“


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Auf ärztliche Anordnung«, UZ vom 25. November 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.