„Sie verpflichteten sich solidarisch zusammenzuhalten“

Vor 120 Jahren begann im Hamburger Hafen ein elfwöchiger Streik
|    Ausgabe vom 25. November 2016

Mit dem unmittelbaren Übergang zum monopolistischen Kapitalismus (Imperialismus) verschärfte sich auch im kaiserlichen Deutschland der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ungemein. Ausbeutung und politische Unterdrückungsversuche auf der einen Seite, verstärkter ökonomischer und politischer Kampf der Arbeiterklasse auf der anderen Seite waren die bestimmende Grundlage für die Gesamtpolitik in Deutschland. Die Unternehmer setzten die Bildung von Arbeitgeberverbänden fort, die dazu dienen sollten, die Gewerkschaften zu bekämpfen und die militaristische „Herr-im-Hause-Politik“ durchzusetzen. Im Jahre 1896 wurden 11, 1897 dann 13, 1898 schon 19 und 1899 sogar 45 solcher Verbände neu gebildet. 1896 wurde ein Vertrauensmann des Zentralverbandes deutscher Industrieller zum preußischen Handelsminister ernannt, der ressortmäßig die Politik gegenüber der Arbeiterbewegung auszuarbeiten hatte. Die ökonomische Ausbeutung, die monopolistische Entwicklung, die Militarisierungspolitik und das Streben nach Weltherrschaft führten zu einer Polarisierung der Klassenkräfte.
Die Streikbewegung wuchs 1896 sprunghaft an. Allein in diesem Jahr streikten rund 130 000 Arbeiter in 483 Kämpfen, die mehr als 40 Gewerbezweige erfassten Dabei traten bisher weitgehend politisch inaktive Arbeiter, so die Konfektionsarbeiter, hervor. Mit ihrer Massenbeteiligung am Konfektionsarbeiterstreik traten die Arbeiterinnen erstmals in große ökonomische Kämpfe ein.
Ihren Höhepunkt fand die Streikwelle im elfwöchigen Kampf der Hafenarbeiter Hamburgs vom 21. November 1896 bis 6. Februar 1897. Ein Streik der Hamburger Schauerleute weitete sich bald zu einem Kampf von 18 000 Hafenarbeitern aus, von denen höchstens ein Fünftel gewerkschaftlich organisiert waren.
Die Hamburger Hafenarbeiter standen der Großbourgeoisie unmittelbar gegenüber, die – zusammengeschlossen im Verein Hamburger Reeder und in dem berüchtigten Arbeitgeberverband Hamburg-Altona – engste Verbindung zum militaristischen Staat hielt. Hamburg, das „Tor zur Welt“, war das Sprungbrett der deutschen Großbourgeoisie. Gegen die Haupttreiber der antinationalen Weltmachtpolitik, der Flottenrüstung und der Kolonialpolitik erhoben sich die Hamburger Hafenarbeiter.
Der Hafenarbeiterstreik fand in ganz Deutschland starken Widerhall. Die Hafenarbeiter Bremens legten bis zum 2. Dezember 1896 ebenfalls die Arbeit nieder. 1 613 600 Mark – eine für damalige Bedingungen unerhört hohe Summe – brachte das deutsche und internationale Proletariat in einer großartigen Solidaritätsaktion zur Unterstützung der Hamburger Arbeiter auf. Der Streik wurde mit großer Erbitterung und mit eiserner Disziplin geführt. In einer Denkschrift an Kaiser Wilhelm II. beklagte der Generalfeldmarschall Alfred Graf von Waldersee am 22. Januar 1897: „Es legten 18 000 Arbeiter gleichzeitig die Arbeit nieder, keineswegs durch schlechte Löhne gedrängt, sondern begehrlich gemacht durch den angeblich guten Verdienst der Reederei; sie verpflichteten sich, solidarisch zusammenzuhalten und haben dies nunmehr durch acht Wochen und trotz vielfacher Entbehrungen und Aufzehrens von Ersparnissen durchgeführt und, den Instruktionen der Führer gehorsam folgend, sich musterhaft verhalten und Exzesse oder Auflehnungen gegen die Polizei vermieden.
Die Führer haben eine Art von Heerschau abgehalten und sind mit dem Resultat durchaus zufrieden. Sie haben gesehen, wie fast die gesamte Arbeiterschaft Hamburgs zusammenhielt, und wie erhebliche Volksmassen anderer Berufsarten auf Seite der Arbeiter standen…

( gemeinfrei)

Bei der gewaltigen Ausdehnung der sozialdemokratischen Organisation scheint es mir, wenn nicht bald Gegenmittel gefunden werden, unvermeidlich, dass der Zeitpunkt naht, an welchem die Machtmittel des Staates sich mit denen der Arbeitermassen werden messen müssen.“ Waldersee plädierte für Gegenmaßnahmen.
Aber weder die Verhängung des Kleinen Belagerungszustandes noch die unumgängliche Kürzung der Streikgelder konnten die Arbeiter in die Knie zwingen. Nach zweimaliger Ablehnung entschieden sich die Arbeiter erst am 6. Februar 1897 für den Abbruch des Kampfes.
Die Arbeiter mussten zwar nachgeben, doch wurden sie nicht besiegt. Trotz aller Terrormaßnahmen, trotz der zum Bürgerkrieg drängenden Militärs, trotz Provokationen, Maßregelungen und schwarzer Listen gelang es der Reaktion nicht, der Arbeiterbewegung einen entscheidenden Schlag zu versetzen.
Fünf Wochen nach dem Streik waren die Hafenarbeiter bereits wieder kampfbereit. Der harte Kampf festigte das Vertrauen auf den endgültigen Sieg des Proletariats. Mit vollem Recht betonte Franz Mehring, „dass der Hamburger Streik allein ungleich wichtiger war als sämtliche Debatten, die seit Jahr und Tag im Reichstage geführt worden sind“.
Ab 1895 setzte ein verstärkter Aufschwung der freien Gewerkschaftsbewegung ein. Von 1895 bis 1898 verdoppelte sich die Zahl der in den Zentralverbänden organisierten Arbeiter und erreichte fast die Halbmillionengrenze. Demgegenüber zählten die bürgerlich-liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine etwa 83 000 Mitglieder. Auch die sich seit der Gründung des Christlichen Bergarbeiterverbandes 1894 herausbildenden christlichen Gewerkschaftsorganisationen erreichten im Jahre 1898 nur 34 000 Mitglieder.
Die überwiegende Mehrheit der Arbeiter ließ sich nicht durch christlich oder liberal verbrämte bourgeoise Lockungen verleiten. Das spricht für den hohen Grad des Klassenbewusstseins und für die Anziehungskraft, die die sozialistische Arbeiterbewegung durch ihre konsequente Klassenpolitik auf die Arbeiter ausübte. Immer neue Schichten des Proletariats wurden in die Arbeiterbewegung einbezogen.
Die herrschenden Klassen reagierten auf die machtvollen Aktionen der Arbeiterklasse mit der Verschärfung ihres reaktionären Kurses. Staatsstreichpläne der Regierung nahmen nunmehr immer festere Formen an. Wilhelm II. forderte öffentlich, „uns von dieser Pest zu befreien, die unser Volk durchseucht“. Die Sozialdemokratie müsse „ausgerottet werden auf den letzten Stumpf“. Diese Erklärung zeigte, welch große Gefahr der Arbeiterbewegung drohte, war aber auch ein Ausdruck der sich zuspitzenden innerpolitischen Krise. im deutschen Kaiserreich.

Quelle: Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1, Berlin 1966


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