Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 18. November 2016

Ausgedacht
Das ehemalige Berliner Stadtschloss, Sinnbild für Preußens Glanz und Gloria, soll nicht nur mit der barocken Prunkfassade wieder aufgebaut werden, im entkernten Inneren wird alles neu und funktional unter der Bezeichnung „Humboldt-Forum“. Bisher verstreute Berliner Sammlungen sollen hier ihren Platz finden, nein, inhaltlich sollen die Betreiber Bund und Land neue Schwerpunkte setzen. Nach dem Willen der Kulturstaatsministerin Grütters sei es „eine richtige und zukunftsweisende Entscheidung, … dem Thema Religion einen eigenständigen Raum zu geben“. Und weiter: „Unsere Kultureinrichtungen sind ja nicht zuletzt auch Orte öffentlicher Debatten, die die Gesellschaft nie nur abbilden, sondern immer auch mitformen.“
Ob sich die Namensgeber Alexander und Wilhelm Humboldt sprichwörtlich im Grabe drehen ob dieser Zielsetzung, mag man sich vorstellen. Beide, der Wissenschafts- und Bildungsreformer der nachnapoleonischen Zeit und der Forscher und Entdecker fremder Völker, Kulturen und ihrer Lebensbedingungen, waren der Aufklärung, dem Humanismus und dem bürgerlichen Rationalismus ihrer Zeit verpflichtet, sie glaubten an Fortschritt durch Wissenschaft und Vernunft.
Religionen, also Ideologien aus alten Zeiten bis dumpfes Mittelalter, sind sicherlich nicht den Erkenntnissen der beiden Wissenschaftler geschuldet, eher den Hoffnungen heutiger Verantwortlicher, aus einer solchen Beschäftigung Potentiale zur Beschwichtigung und Besänftigung der Menschen zu schöpfen. Wenn Religion – nach Marx – „der Seufzer der bedrängten Kreatur“ ist, gibt es bessere Mittel und Wege, um Bedrängnis zu erkennen und zu beseitigen.
Ausgeleiert
Das Grundgesetz benennt in Artikel 30 ausdrücklich die „Kulturhoheit der Länder“, das Bundesverfassungsgericht erklärt diese zum „Kernstück der Eigenstaatlichkeit der Länder“.
Wie nehmen die 16 Bundesländer denn diese Aufgabe wahr, wie ernsthaft gehen sie mit diesem Auftrag um? Ein Blick in die Namensgebung und die Organigramme der einzelnen Bundesländer ist ernüchternd, nur zwei (!) Bundesländer haben ein ausgewiesenes, eigenständiges Kultusministerium, bei allen anderen Ländern findet man ein buntes Sammelsurium an Bezeichnungen, manche tragen das Wort Kultur immerhin noch im Namen, bei nicht wenigen taucht es überhaupt nicht mehr auf und findet sich erst auf der Referatsebene. Die Mischungen sind – so kann man vermuten – dem Parteiproporz der jeweiligen Koalition geschuldet, in vielen Fällen sind es mehr oder minder reine Schulministerien, gerne „Bildung und Wissenschaft“ genannt, auch in Kombination mit „Jugend, Sport, Forschung“, was halt so zusammengepackt wird. Kein Wunder, denn im politischen Verständnis der bürgerlichen Parteien gehört Kultur zu dem, was ein gewisser Gerhard Schröder mal „Gedöns“ genannt hat. Muss also sein, aber doch ganz am Ende. Ausreichende Etats im Länderhaushalt gibt es eh nicht, verschoben wird auf die kommunale Ebene, die sollen sich um Museen, Bibliotheken, Theater und die Förderung von Künstlerinnen und Künstlern kümmern. So führt man den Artikel 30 GG ins Absurde und ins Leere.
Leerstelle
Was von Wahlprogrammen bürgerlicher Parteien zu halten ist, weiß jeder aus eigenem Erleben. Dennoch neugierig gesucht und nicht gefunden, was der demnächst als Statthalter der Wallstreet und des Silicon Valley im Weißen Haus residierende Donald Trump zu Kultur und Kulturpolitik eventuell meint. Ergebnis gleich null, nix ist ihm und seinen „Spin doctors“ dazu eingefallen, nur zum Thema Schule und Bildung lässt er verlauten: Weg von zentralen Vorgaben und Orientierungen aus Washington, die einzelnen Bundesstaaten sollen eigenständig und unabhängig ihre Bildungspolitik machen, also werden Kreationismus und evangelikaler Fundamentalismus mit Elan ans ausufernde Werk gehen können.


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Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 18. November 2016





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