Von einem, der glaubt, Kommunist gewesen zu sein

Zu Wolf Biermanns Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten“
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 18. November 2016
Wolf Biermann, hier inmitten seines Publikums, wurde kürzlich achtzig. Na, herzlichen Glückwunsch. (Foto: Böll-Stiftung/Rolf Walter/CC BY-ND 2.0)
Wolf Biermann, hier inmitten seines Publikums, wurde kürzlich achtzig. Na, herzlichen Glückwunsch. (Foto: Böll-Stiftung/Rolf Walter/CC BY-ND 2.0)

Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten. Die Autobiographie. Berlin: Propyläen Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, 2016, 544 S., 28.- Euro

Nicht 1976, wie man glauben könnte, sondern 1983 bezeichnete Wolf Biermann als „ein Schicksalsjahr“, weil er sich vom Kommunismus, seinem „kommunistischen Kinderglauben“, getrennt habe und eine neue Geliebte gefunden hatte. Manès Sperber hatte ihn „überzeugt“: „Es kann keinen guten, keinen richtigen Kommunismus geben.“ Das war alles; Argumente, Erkenntnisse, Beweise – nichts war nötig nach dem Wort dieses Mannes. Begonnen hatte es 1968, da sah sich Biermann auf „dem guten Weg, ein treuer Verräter am Kommunismus zu werden, ein tapferer Renegat“. Es klang, als sei Biermann einmal Kommunist gewesen. Ein Irrtum, wie so vieles bei ihm; er hat nie versucht, aus dem „Kinderglauben“ eine politisch tragfähige Überzeugung zu entwickeln, wie sie sein Vater, der in Auschwitz von den Faschisten ermordet wurde, hatte. Er war immer nur ein Genie.

I.
Nun legt das Genie seine Autobiografie vor, Hanns Eisler gestand dem Dichter und Sänger Karl-Wolf Biermann zu, „schenial! Wirklich scheeniaal!“ zu sein. Der Autobiograf, von dem der Leser das erfährt, lässt nie einen Zweifel daran, dass Eisler Recht hatte, und wird 1994 von Reich-Ranicki bestätigt, der eine Biermannsche Polemik zu seiner Verteidigung – mit falschen Feststellungen – „genial“ fand. Das führt zu Widersprüchen mit Erinnerungen anderer Menschen, extrem zu Tagebüchern und Erinnerungen von Fritz J. Raddatz, aber wer wollte einem Genie so etwas anlasten. Schuld sind immer die anderen; Biermann ist immer der Wahre. Er durfte sich nach seinem ersten Auftritt am 11. Dezember 1962 nicht weiter im Dunstkreis Stephan Hermlins entwickeln, sondern in dem einer „kolossalen Frau“ und „gebieterischen Matrone“, die „dünne Gedichte“ schrieb: Gisela Steineckert. Sie allerdings erinnert die Sachverhalte anders: Sie nahm den „selbstbewussten Neuen“ aus Hamburg vor denen in Schutz, die ihn „frech, obszön und anmaßend fanden, auch unerträglich eitel“. Biermanns Eitelkeit ist kaum zu überbieten, von Raddatz genial als „säuglingshafte Egoismushaltung“ bezeichnet. 1991 lernt er in Reich-Ranicki einen Menschen kennen, der ihm ebenbürtig war. Auch berichtet Stein­eckert von dem kleinen Theater b. a. t., in dem Peter Hacks‘ „Der Schuhu und die fliegende Prinzessin“ bei der Erstpremiere großen Erfolg hatte. Hacks, ein Intimfeind von Biermann, wurde von ihm wirr als „Jugendstil-Salonkommunist“– was auch immer das sein mag – und „geschickter Flickschneider“ bezeichnet, fehlt aber beim b. a. t. Biermann, der Leiter dieses Theaters – „vor allen Dingen war ich selber dieses Wir“ – berichtet nur vom Scheitern seines Stückes „Berliner Brautgang“. An diesem Theater arbeitete auch Manfred Krug mit, von Biermann als „mein Freund“ bezeichnet. Die Steineckert erinnert, beide konnten sich „sofort nicht ausstehen“.
Auch sonst sieht sie manches anders: Als Gisela Steineckert Biermann mitteilt, dass der Verlag „Das Neue Berlin“ seine Balladen veröffentlichen möchte, lehnte er strikt ab, denn er habe die Rechte „längst an Wagenbach in Westberlin gegeben“ und habe nicht die Absicht, „in der DDR etwas zu veröffentlichen“.
Widersprüchliches von Anfang an, so ist ein erster Eindruck der Autobiografie, die auch noch uneingeschränkte Gültigkeit in Anspruch nimmt: „Die Autobiographie“. Sie irritiert und löst Widerspruch aus. Man fragt, warum diese Autobiografie teils so peinlich wirkt und findet Antworten: Biermann teilt mit Sprache die Welt und die Menschen nach seiner Vorstellung ein, geprägt von seiner Selbstherrlichkeit. Und er bedient alle Spielarten des Populismus, die Vieldeutigkeit der Aussagen, die man so immer widerrufen und anders deuten kann, und er nutzt einfachste Bilder, die für unterschiedliche Gelegenheiten brauchbar sind, je nach Bedarf und Publikumswunsch: „Die Herrschenden erzittern“ (aus „Ermutigung“) ist sein oft variierter Leib-und-Magen-Spruch – aber welche Herrschenden? Und wo und wann? Und erschrecken soll man nicht „in dieser Schreckenszeit“ – im Faschismus? In den Vernichtungslagern? Im Krieg? Nein, das Gedicht entstand für Peter Huchel 1966 in der DDR, ließ sich aber auch 1983 in Hannover auf dem Evangelischen Kirchentag und 1989 beim Konzert in Leipzig verwenden, nachdem es auch „SOS-Sig­nal über den Gefängnishof“ der Stasi gewesen war.

II.
Das lenkt auf Biermanns Umgang mit der Sprache, ein auffälliges Merkmal seiner Erinnerungen und aufschlussreich für den Umgang mit der Autobiografie. Ein unterschiedlicher stilistischer Umgang mit historischen Begriffen fällt zuerst auf: Bei einem, der gegen Feinde so angriffsfreudig formuliert, wie er behauptet, wundert es, wenn er wertneutral von „Nationalsozialisten“, „Nazis“ und „Beamten“, allenfalls von „Uniformierten“ spricht, nicht aber von Faschisten und Verbrechern, wenn er den Befehl zur Ermordung in den KZs als „Büroprosa nationalsozialistischer Poesie“ bezeichnet. Er stellt sogar fest, dass diese „Schweine … ja Menschen“ waren. Dafür sind für ihn jene „Heil-Hitler-Deutschen“, die im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ „von Ulbricht, Pieck und anderen Propaganda-Idioten“ beeinflusst worden seien, Stalinisten und nicht Menschen, die gegen Verbrecher und Verbrechen antreten wollten. Vertreter der Verwaltung in der DDR sind charakterisiert durch „Visagen aus der Verbrecherkartei“. Bei einer solchen „Differenzierung“ ist nichts mehr hinzuzufügen. Denken und Charakter des Schreibers sind deutlich und bestätigen Bekanntes: Biermanns Sprache wurde oft als Ausdruck eines „hemmungslosen Narzissmus“ und „Biermannsche Selbstaufmache“ („Die Zeit“ vom 28. April 1989) gesehen.

Biermann teilt mit Sprache die Welt
und die Menschen nach seiner Vorstellung ein,
geprägt von seiner Selbstherrlichkeit.

Anfangs versucht er, so kann man gutwillig annehmen, der Kriegs- und Nachkriegszeit mit einem proletarisch gefärbten Stil gerecht zu werden. Aber es gelingt ihm kaum. Die Sprache demontiert schließlich sogar, wenn sie ins Trivial-Obszöne verfällt, und das ist häufig, das Künstlerische, was von Biermann gelten könnte. Aber sie ist auch entlarvend. Das zeigt sich an Kleinigkeiten ebenso wie im Grundsätzlichen. Der überzeugte Kommunist, der er einmal gewesen sein will, spottet über Kommunisten, auch seinen Vater, den er doch verehrt und dem er sich verpflichtet wissen wollte; er spottet, weil sie Kampflieder sangen, auch ein von Rosa Luxemburg aus dem Polnischen übersetztes. Er kommentiert das von oben herab mit „Na ja“ und stellt sie zu den „Kitschliedern“ von Löns, die der Vater auf seiner Gitarre begleitet habe. Das ist geschichtslos gewertet, setzt aber dafür das eigene Genie mit seiner Gitarre in die rechte Pose. Schlimmer wird es, wenn es um Zeitgenossen geht, die diskriminiert werden. Der Lyriker Erhard Scherner, der auch im ZK der SED arbeitete, wird als „ein verkrachter DDR-Lyriker“ bezeichnet – „verkracht“ gehört zu Biermanns Lieblingsausdrücken, wenn es um Kulturfunktionäre der DDR geht. Biermann hat von Scherner weder Lyrik noch Prosa gelesen und sein Wirken als Umweltschützer nicht zur Kenntnis genommen. Übler ergeht es dem „Goethe-und Schiller-Stalinisten“ Alexander Abusch, dem „zweithässlichsten Genossen in der Parteiführung“. Nun ist ein „Goethe-und Schiller-Stalinist“ kaum vorstellbar – und offen ist auch, wer der hässlichste Genosse war und ob das etwas für das Wirken eines Menschen bedeutet und wenn ja, was. Gisela May ist für ihn „die Brecht-Zersingerin“, wohl weil sie für Brechts Publizität mehr getan hat als Biermann? Franz Josef Degenhardt gehörte zu den „kastrierten Liedermachern der DKP“ und der Oktoberklub bestand aus „DDR-Eunuchen“, Krenz nannte er den „Trottel vom Dienst“ usw. usf. Solche aus Hass gespeisten Entgleisungen finden sich durchgehend.

III.
Viele und Vieles werden nicht erwähnt: Auslassungen und „Vergessenes“. Sachverhalte werden durch Attribute, Appositionen und Ähnliches verzerrt und zerstört. Die Lücken fallen auf, weil das geschwätzige Buch sonst kein Detail auslässt. Dass zudem bei Biermann mehr „Dichtung als Wahrheit“ zu finden sei, monierten Leser mehrfach („Die Zeit“ vom 9.11.2006). Dass er Probleme mit der Wahrheit hat, deutet er im angehängten Notat an und bestätigte das in einem Gespräch mit dem MDR.
1965 schrieb Peter Suhling, Mit-„Pionier“ Biermanns in Hamburg-Langenhorn, einen offenen Brief an den ehemaligen Freund und warf ihm vor, „als Sohn von aufrechten Antifaschisten“ alte Genossen zu verunglimpfen. Davon ist nichts zu lesen. Dass Biermann zwischen 1965 und 1976 „Totalverbot“ für Auftritte hatte, wird oft wiederholt. Im Herbst 1965 hätten ihn Absagen seiner Konzerte erreicht, darunter „ein Absagetelegramm aus Weimar vom FDJ-Studentenklub ‚Kasseturm‘“ … ist zu lesen. Dass er dort aber 1967 auftrat und auch vor dem „Internationalen Hochschulferienkurs für Germanistik in Weimar“ ist nicht zu lesen. Ich habe ihn erlebt während des „Totalverbots“.
Die Konzerteinladung 1976 nach Köln ging von Juso-Studenten und Professoren aus Bochum, unter der Leitung von Prof. Dr. Günter Ewald, aus, die sich an die IG Metall wandten; bei Biermann liest es sich anders. Zu lesen ist auch nicht, wie ihn Fritz J. Raddatz 1981 der Lüge überführte und ihn als einen demaskierte, dem es um die Sache gehe, „die offensichtlich einen kläglichen Namen hat: die Sorge um den Verlust seiner Klientel“. Vermerkt werden Stellungnahmen gegen seine Ausbürgerung, über die man verschiedener Auffassung sein konnte und bis in hohe politische Kreise der DDR auch war, deshalb sind auch die wichtig, die für die Ausbürgerung und vor allem gegen Biermanns Verhalten waren wie Hacks. Es war nicht, wie Biermann suggeriert, der einzige Name. Anderes, wie die Worte der Anna Seghers, werden von Biermann zur „raffinierten Bankrotterklärung“ erklärt und passend „übersetzt“: „… im Klartext: ich bin zu alt, tut mir nichts …“. Dazu kommt bei ihm die Kunst der Einseitigkeit, die Biermann meisterlich handhabt. Verwundert nimmt man zur Kenntnis, dass Brecht „eigentlich“ am „XX. Parteitag der KPdSU und an seinem Galilei-Stück“, „genauer: am Schauspieler Ernst Busch“ gestorben sei. Endlos ist die Liste falscher Fakten; Widerspruch, so von Florian Havemann, ist gegen die Autobiografie laut geworden.

IV.
Fritz J. Raddatz bezog sich in einer seiner Polemiken gegen Biermann auf Heine, dem Biermann ähnlich sein wollte, und bemerkte: Ein Heine werde man nicht „durch die abermalige Variation des Satzes ‚Ein Talent, doch kein Charakter‘.“ Bestätigungen finden sich in der Autobiografie: „Ich hatte als junger Dichter Blut geleckt, wollte berühmt werden. Immer noch die Welt retten, aber auch Geld verdienen. Schöne Gedichte schreiben. Mich mit Liedern im Rampenlicht sonnen. Nebenbei in der Hauptsache den Vater rächen. Für Bananen und Apfelsinen, für Meinungsfreiheit, gegen die Privilegien der Funktionäre des Parteiapparates.“ Das hieß auch: Alle Macht und Privilegien dem Genie. Da das so nichts wurde, kam es zum Protest. Und da bei ihm kein kommunistisches Denken vorhanden war – nur ein „Kinderglaube“ –, konnte Biermann „ein treuer Verräter am Kommunismus“ werden, denn er war nie ein Kommunist. Er entschied sich, nach Hegel, analog zu Napoleon „die Weltseele zu Fuß“ zu sein, Ausdruck seiner grenzenlosen Bescheidenheit. Und die Verpflichtung, das politische Erbe des Vaters anzutreten? Darüber schweigt man besser.

Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten. Die Autobiographie. Berlin: Propyläen Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, 2016, 544 S., 28.- Euro


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Leserbrief zu »Von einem, der glaubt, Kommunist gewesen zu sein«, UZ vom 18. November 2016





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