Steag legt Kraftwerke still

Konzern plant neue Ausrichtung auf den deutschen Markt
Von Bernd Müller
|    Ausgabe vom 11. November 2016

Kohlekraftwerke bringen den Energiekonzernen immer weniger Gewinne ein, und ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Nachdem bereits die beiden Energieriesen E.on und RWE mit einer Abspaltung der „fossilen“ Energiegewinnung auf die Entwicklung reagiert haben, sieht sich jetzt auch die Essener Steag gezwungen, ihr Geschäftsmodell zu überdenken.
Wegen der niedrigen Preise an der Strombörse meldete der Konzern nun fünf seiner Steinkohle-Kraftwerksblöcke zur Stilllegung an, teilte die Steag letzten Mittwoch in Essen mit. Betroffen seien in der Folge mehrere hundert Arbeitsplätze, erklärte der Konzernbetriebsratsvorsitzende Ralf Melis laut Deutscher Presseagentur. Den Plänen zufolge sollen drei Blöcke in Voerde am Niederrhein und in Herne im kommenden Jahr vorübergehend abgeschaltet werden. Die Abschaltung der beiden Anlagen Weiher und Bexbach im Saarland soll dagegen dauerhaft erfolgen.
Bereits im September hatte der Konzern sein Spar- und Zukunftsprogramm „Steag 2022“ vorgestellt, das den Abbau von bis zu 1 000 Stellen vorsieht und unter anderem mehr Investitionen in erneuerbare Energien vorsieht. Es gebe auch schon einen Sozialplan mit dem Ziel eines sozialverträglichen Abbaus ohne betriebsbedingte Kündigungen, sagte Melis. Dieser sei zusammen mit Geschäftsführung und Industriegewerkschaft IG BCE vereinbart worden, erklärte der Betriebsrat.
Allerdings entfallen dem Plan zufolge nur rund ein Drittel der geplanten Stellenstreichungen auf die Stilllegung der Kraftwerke. Mit „Steag 2022“ plant der Konzern nicht nur eine Neuausrichtung auf dem deutschen Markt, sondern einen umfassenden Konzernumbau, der 2022 abgeschlossen sein soll. Als Beispiele wurden in der Vergangenheit die Verkäufe des Geschäftes mit Fernwärme in der Bundesrepublik und von Windkraftanlagen im Ausland genannt. Mit den Erlösen sollen „Wachstumsfelder“ des Konzerns gestärkt werden.
So sollen Dienstleistungen rund um Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung von Kraftwerken stärker national und international angeboten werden. Auch beim Service für einen sicheren Rückbau von Atomkraftwerken und Projekten zur dezentralen Energieversorgung wird großes Potenzial gesehen.
Im letzten Jahr hatte das Unternehmen, das einem Stadtwerkeverbund im Ruhrgebiet gehört, noch mit knapp 6 000 Arbeitern rund 3,6 Milliarden Euro Umsatz und fast 400 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet. Abgeschaltet werden sollen nun rund 2 500 Megawatt Kraftwerkskapazitäten.
Aus Einsicht in die Notwendigkeit in den Klimaschutz hat der Konzern allerdings nicht diese Entscheidung getroffen. Steag-Chef Joachim Rumstadt sprach von einem „harten und traurigen Schritt“, der aber unumgänglich sei, um die Leistungsfähigkeit des Unternehmens zu erhalten. Durch den Ausbau des Angebots von Wind- und Sonnenstrom ist es in den letzten Jahren zu Überkapazitäten in der Stromerzeugung gekommen mit der Folge, dass die Strompreise im Großhandel massiv eingebrochen sind. Viele Kohlekraftwerke rutschten dadurch in die roten Zahlen und wurden abgeschaltet oder eingemottet.
Die Stadtwerke der Ruhrgebietsstädte Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Oberhausen und Dinslaken bekommen als Steag-Eigentümer die neue Situation ebenfalls zu spüren. „Wir haben uns darauf eingestellt, dass wir in den nächsten Jahren keine Ausschüttung der Steag erhalten“, sagte Guntram Pehlke, Chef der Dortmunder Stadtwerke, der auch Steag-Aufsichtsratschef ist, der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Ein neues Loch im Haushalt der Stadt entstehe dadurch aber nicht, erklärte ein Sprecher der Stadt Dortmund gegenüber dpa. Voraussichtlich ab 2020 sei wieder eine ordentliche Dividende zu erwarten. Die Stadtwerke waren erst vor einigen Jahren bei der Steag eingestiegen.


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Leserbrief zu »Steag legt Kraftwerke still«, UZ vom 11. November 2016





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