Leipzig, die Fußballstadt im Osten

Wenn Politik im Stadion ausgetragen wird
Von Andres Irurre
|    Ausgabe vom 11. November 2016
Sportler der Betriebssportgemeinschaft Chemie mit ihrem Themenwagen auf der Demonstration am 1. Mai 1951 in Leipzig. (Foto: Deutsche Fotothek)
Sportler der Betriebssportgemeinschaft Chemie mit ihrem Themenwagen auf der Demonstration am 1. Mai 1951 in Leipzig. (Foto: Deutsche Fotothek)

Leipzig, die größte Stadt im Freistaat Sachsen, kann man aus mehreren Gründen als Fußballstadt bezeichnen. Nicht nur gründete sich hier im Jahre 1900 der Deutsche Fußballbund (DFB) und auch der erste deutsche Fußballmeister war 1903 der VfB Leipzig, die Geschichte reicht bis heute. Sie reicht vom antifaschistischen Club Roter Stern Leipzig oder der BSG Chemie bis zum rechten 1. FC Lokomotive oder dem hyperkapitalistischen Konzernprodukt RB Leipzig. Letzterer interessiert an dieser Stelle jedoch nicht.
Das brisanteste Derby in Deutschland wird zwischen der BSG Chemie und dem 1. FC Lokomotive ausgetragen. Die Ursprünge liegen weit zurück. Zu DDR-Zeiten wurden die Betriebssportgemeinschaften eher stiefmütterlich behandelt. So auch in Leipzig. Alle Kräfte sollten beim Lokalrivalen, 1963 namens SC Leipzig, gebündelt werden. Auf Geheiß der Sportfunktionäre wurden die besten Spieler zum SC delegiert. Die „nicht förderungswürdigen“ Spieler, fortan bekannt unter dem Namen „der Rest von Leipzig“, fanden sich bei Chemie ein. Ironischerweise ging der Schuss nach hinten los: Meister wurde in der Folgesaison die BSG Chemie. Sie sollte in ihrer Geschichte zweimal Meister und Pokalsieger werden.
Der SC bzw. der 1965 in 1. FC Lokomotive unbenannte Verein gewann dagegen nie die DDR-Oberliga, dafür aber fünfmal den FDGB-Pokal. Mit der Wende schoss sich der Verein – wieder unbenannt in den ursprünglichen und traditionellen Namen VfB Leipzig – von der 2. Bundesliga ins Oberhaus. Es folgten jedoch Abstiege und Insolvenzen. Der Verein aus dem Stadtteil Probstheida ging völlig unter und löste sich am Ende auf.
Die blau-gelben Fans erweckten 2003 den Verein wieder zu neuem Leben. Präsident war fortan Steffen Kubald, ein ehemaliger Hooligan und Nazi-Schläger. Die Fanszene bekräftigte immer wieder – bis heute – ihre rechtsradikale Einstellung. Antisemitische, homophobe und klar rechtsradikale Parolen, Zaunfahnen und Symbole sind im Bruno-Plache-Stadion normal. Fanfreundschaften gibt es zu den Fanszenen vom Halleschen FC oder FSV Zwickau. Anfang Januar überfielen eben diese Gruppen gemeinsam zum einjährigen Geburtstag von Legida den links-alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz und griffen Kneipen und Imbissbuden an. Es sollte so ein Zeichen gesetzt werden, dass man sich auch in Connewitz nicht sicher fühlen sollte vor rechten Schlägern.
Angegriffen wurden in erster Linie Szenekneipen von Fans wie Chemie und Roter Stern. Beide Szenen überschneiden sich auch. Chemie wurde 1997 unter dem Namen „Ballsportgemeinschaft“ von Fans wiedergegründet. So hatte man das geliebte Kürzel BSG wieder im Vereinsnamen. Weite Teile der Fangemeinde des FC Sachsen waren unzufrieden mit der Führungsspitze und dem Dilemma aus Insolvenzen und Abstiegen. Das Ende war abzusehen. Der Fanclub „Diablos Leutzsch“ zog den größten Teil in den neuen Verein. Sie sollten am Ende Recht behalten: der FC Sachsen Leipzig löste sich auf. Die Tradition lebt nun weiter im „neuen“ BSG Chemie, der dann auch wieder zur Betriebssportgemeinschaft wurde. Die grün-weißen Fans sehen sich als links und antifaschistisch. Seit Jahren leisten sie vorbildliche Arbeit im sozialen und kulturellen Bereich, sind gut vernetzt und haben Kontakt zu vielen anderen linken Fanszenen über Deutschland hinaus.
Am 13. November wird es zum neuen Aufeinandertreffen zwischen eben diesen beiden Vereinen im Landespokal kommen. Bereits im Vorfeld kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Stadt. Das Hochsicherheitsspiel im heimischen Alfred-Kunze-Sportpark wird im MDR live übertragen.
Nicht vergessen darf man den sympathischen und tapferen Verein Roter Stern Leipzig. 1999 von einer Handvoll Fußballbegeisterter aus dem subkulturellen Umfeld des Stadtteils Connewitz gegründet, wuchs das Projekt zu einem über 900 Mitglieder starken und auf 13 Sportarten verteilten Verein an, der zu den größten der Stadt zählt. Ihr Selbstverständnis lässt keine Frage offen, handelt es sich doch um ein „kulturpolitisches Sportprojekt im Spannungsfeld zwischen normalem Fußballverein und linksradikaler Politik“.


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Leserbrief zu »Leipzig, die Fußballstadt im Osten«, UZ vom 11. November 2016





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